Aktualisiert 16.08.2011 08:26

Berliner Mauer

Die Flucht unter der Mauer hindurch

Das SED-Regime sperrte seine Bürger ein – doch die nutzten alle Möglichkeiten, um in den Westen zu fliehen. So wurden bis zum Fall der Mauer um die 70 Tunnel gegraben.

von
Christian Thiele, dapd

Das vergitterte Kellerfenster am Hauseingang in der Schönholzer Strasse 7 in Berlin-Mitte wirkt unscheinbar. Lediglich eine Gedenktafel an der elfenbeinfarbenen Fassade erinnert daran, dass sich dahinter vor 49 Jahren bewegende Momente abspielten. Am 14. September 1962 durchbrach Hasso Herschel die Kellermauer - am Ende eines 145 Meter langen, heimlich gegrabenen Tunnels. 29 Personen krabbelten danach in die Freiheit nach West-Berlin.

Der Tunnel des gebürtigen Dresdners, «Tunnel 29», den er mit 46 Helfern monatelang grub, gilt als einer der bekanntesten Fluchttunnel Berlins. Mehr als 70 gab es insgesamt. Der heute 76 Jahre alte Hasso Herschel buddelte gleich drei davon. Allein an der Bernauer Strasse wurde die Mauer sieben Mal untertunnelt. Ein gefährliches Unterfangen: «Unter zehn Jahre Zuchthaus hat kein Fluchthelfer erhalten», erinnert sich der Tunnelgräber, der sich stets von der West-Seite in den Osten Berlins grub.

Unzufriedenheit war oft Grund für Flucht

Herschel war nach eigenen Worten im Oktober 1961, also gut zwei Monate nach Beginn des Mauerbaus, mit einem Schweizer Pass aus der DDR nach West-Berlin geflohen. Mit dem SED-Regime hatte er zu diesem Zeitpunkt längst abgeschlossen: Unter anderem wurde Herschel 1953 verhaftet, weil er sich am 17. Juni in Dresden dem Arbeiteraufstand angeschlossen hatte. «Die DDR-Bürger sind nicht in den Westen geflohen, weil sie nur zwei Wurstsorten hatten. Sie konnten die Filme nicht sehen und die Bücher nicht lesen, die sie wollten», sagt er. Viele Unzufriedene entschieden sich zur Republikflucht. In Berlin sollen es 1961 fast 2500 pro Tag gewesen sein.

«Der Mauerbau kam überraschend», erläutert Dietmar Arnold. Der Vorsitzende des Vereins Berliner Unterwelten forscht seit 1991 zur Geschichte des Berliner Untergrunds und beschäftigt sich zugleich mit den Tunnelfluchten. «Vor dem Bau der Mauer gab es 80 000 Grenzgänger, also Menschen, die im Osten Berlins wohnten und im Westteil der Stadt arbeiteten», erzählt er.

13 000 Familien seien durch den Mauerbau in Berlin auseinandergerissen worden: Der Ehemann hat im Westen gearbeitet und die Frau mit den Kindern im Osten gelebt. 500 Studenten aus der DDR hätten in West-Berlin studiert. «Die Menschen haben aus Verzweiflung Tunnel gegraben, um Frau und Kind zu holen», sagt der Publizist. Anfangs seien Fluchten noch durch U-Bahn-Tunnel und die Kanalisation möglich gewesen.

Staatssicherheit machte die Kanalisation dicht

Nach Einschätzung Arnolds sind nach Oktober 1961 bis auf zwei Ausnahmen keine Menschen mehr durch das Kanalsystem nach West-Berlin gelangt. Er zeigt Fotos, auf denen Gitter oder Konstruktionen aus Eisenbahnschienen zu sehen sind, die ein Passieren der Röhren unmöglich machten.

Der erste selbst gegrabene Tunnel ist aus dem Jahr 1961 bekannt, der letzte wurde 1985 begonnen. «Mehr als 300 DDR-Bürger flohen so nach West-Berlin», schätzt Arnold. Den ersten Fluchtstollen gruben Brandenburger in Kleinmachnow. «Eine Hochzeitsgesellschaft feierte und plötzlich wurde es still in dem Haus», berichtet Arnold. Wie viele Personen dabei unterirdisch in die Bundesrepublik flohen, sei nicht bekannt.

Der Experte kennt das Katz-und-Maus-Spiel zwischen Tunnelbauern und der Staatssicherheit. Einige Projekte seien aufgeflogen, andere wurden abgebrochen, weil es zu riskant wurde. «Wir haben auf dem Rücken gelegen und mit dem Fuss den Spaten in den Lehmboden gerammt», erzählt Fluchthelfer Herschel. Es war eng, die Luft stickig. Angst habe er vor Wassereinbrüchen gehabt. Er und seine Helfer wussten, dass einige Keller auf der Ostseite entlang der Mauer geflutet worden waren.

Herschel hatte Glück, er konnte seine Schwester sicher nach West-Berlin bringen. Bis 1972 habe er etwa 1000 Menschen zur Flucht verholfen, sagt er - unterirdisch oder in umgebauten Autos.

Dietmar Arnold erinnert sich an einen weiteren spektakulären Fluchttunnel auf einem Friedhof im Bezirk Pankow. Der Fluchtstollen flog jedoch auf, weil eine Mutter ihren Kinderwagen auf dem Friedhof zurückgelassen hatte. «Ein herrenloser Kinderwagen auf einem Friedhof in der Nähe der Mauer - das hat wohl auch die Staatssicherheit stutzig gemacht.»

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