Aktualisiert 28.04.2020 04:42

Epidemiologe

«Die Folgen der Lockerung sieht man in drei Wochen»

Epidemiologie-Professor Heiner Bucher glaubt nicht, dass in der Schweiz in diesem Jahr noch Grossveranstaltungen stattfinden. Er sagt, wie eine zweite Welle verhindert werden kann.

von
Daniel Waldmeier
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Am Zürcher Stadelhofen kam es gegen Abend zu schon fast gewohnten Szenen aus Zeiten vor dem Lockdown: Mehrere Personen standen an den Gleisen und warteten auf die S-Bahnen.

Am Zürcher Stadelhofen kam es gegen Abend zu schon fast gewohnten Szenen aus Zeiten vor dem Lockdown: Mehrere Personen standen an den Gleisen und warteten auf die S-Bahnen.

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Auch vor dieser Hornbach-Filiale stehen die Shoppinglustigen Schlange.

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Salon Gekko's in Spreitenbach bedient Kunden ebenfalls nur mit Masken.

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Leser-Reporter

Darum gehts

  • Ein Epidemiologe erklärt, was nach den ersten Lockerungen wichtig ist, um eine zweite Welle zu verhindern.
  • Er nimmt Stellung zu Antikörpertests und Tracing-Apps.
  • Ein Ausblick aufs Jahr zeigt: Grössere Menschenansammlungen werden wohl noch lange nicht möglich sein bzw. nicht, bevor eine Impfung vorliegt.

Herr Bucher, wegen der Lockerung des Lockdown sind die Leute aus dem Häuschen. Vor Baumärkten bilden sich lange Schlangen. Steigt damit die Gefahr der berüchtigten zweiten Welle?

Ich hoffe nicht, dass die Leute aus dem Häuschen sind. Und ich hoffe, dass sie sich weiterhin an die Abstands- und Hygieneregeln halten. Eine gewisse Lockerung ist aber zwingend, wir können nicht so weitermachen, bis eine Impfung kommt.

Zur Person

Prof. Dr. med. Heiner C. Bucher ist Direktor des Instituts für klinische Epidemiologie und Biostatistik Basel (ceb) und Chefarzt am Universitätsspital Basel. Er lehrt an der Uni Basel und an der ETH Zürich.

Wie real ist denn die Gefahr einer zweiten Welle, wenn wir weiter lockern?

Ob sich die Lockerung auf die Zahl der Neuinfektionen auswirkt, sehen wir wegen der Inkubationszeit erst in rund drei Wochen. Würden wir auf einen Schlag alle Massnahmen aufheben, wäre eine zweite Welle unvermeidbar: Der Immunschutz der Bevölkerung, die sogenannte Herdenimmunität, ist noch ungenügend. Allerdings wissen wir nicht genau, wie viele Leute in welchen Regionen der Schweiz schon immun gegen Covid-19 sind. Die fehlenden Daten müssen Bund und Kantone nun dringend mithilfe von Antikörpertests erheben, damit die Politik die Lockerungen im richtigen Tempo beschliessen und monitorisieren kann.

Die Herdenimmunität ist noch ungenügend

Heiner Bucher

Macht der Bundesrat eine schlaue Lockerungspolitik?

Die Politik befindet sich im Blindflug ohne Bordinstrumente. Ein Blindflug wird es bleiben, dies lässt sich nicht ändern, weil es eine Pandemie mit einem neuen Virus ist. Wir brauchen aber Instrumente: Daten zur laufenden Entwicklung der Immunität in der Bevölkerung und eine national abgestützte Teststrategie.

Wie sollte diese aussehen?

Neben dem angesprochenen Monitoring der Immunlage sollten ab Herbst Schnelltests beim Hausarzt verfügbar sein, um einen Corona-Verdacht abzuklären. Auch sollten Risikogruppen möglichst breit auf das Virus getestet werden. Dazu zählen Individuen mit chronischen Krankheiten, Immunsupprimierte, ältere Personen über 65 Jahre und exponierte Berufsgruppen wie etwa Gesundheitspersonal, Detailhandelsangestellte, Zugbegleiter oder Coiffeure. Treten Fälle auf, müssen die Kontaktpersonen möglichst rasch eruiert, getestet und gegebenenfalls isoliert werden. Es braucht ein ganz ein rigides Contact-Tracing, um die Ansteckungscluster zu identifizieren.

Hätten wir in Basel die Fasnacht durchgeführt, hätten wir Zustände wie im Elsass gehabt.

Heiner Bucher

Die geplante Tracing-App steht wegen Datenschutzbedenken in der Kritik.

Ich hoffe, dass sie möglichst viele Leute brauchen werden. Sie ist wichtig, wenn wir mit der Strategie Erfolg haben wollen.

Was halten Sie eigentlich vom schwedischen Modell einer Durchseuchung?

Ich verstehe die Regierung, dass sie diesen Weg geht. Erst die Zukunft wird zeigen, ob Schweden die gewählte Strategie beibehalten kann und ob diese für das Land richtig ist. Für die Schweiz ist es kein Modell: Schweden ist geografisch abgekapselter. Die Bevölkerungsdichte und die Pendlerströme sind in Schweden viel kleiner als in der Schweiz. Man kann die Situation von New York ja auch nicht mit jener in Wyoming vergleichen.

Was muss der Bund tun, wenn nach der jetzigen Lockerung die Ansteckungsrate wieder in die Höhe schnellt?

Entscheidend wird sein, wie sich die Dynamik der weiteren Ansteckungsrate entwickeln wird. Wenn es nur wenige Neuansteckungen gibt, die rasch entdeckt werden, kann durch Isolation und Contract Tracing die Übertragungsrate hoffentlich niedrig gehalten werden. Neueste Modelldaten aus China zeigen: Das wird aber nicht reichen. Es ist absolut matchentscheidend, dass die Bevölkerung – wir alle – die Hygiene- und Abstandsregeln über lange Zeit einhalten werden. Grössere Ansammlungen von Menschen müssen vermieden werden. Das ist leider eine unangenehme Erkenntnis, aber es gibt keine andere Möglichkeit, bis eine Impfung vorliegt.

Heisst das, dass auch die Badisaison ins Wasser fällt?

Badeanstalten sind ein Problem, wenn es zu grösseren Menschenansammlungen kommt. Dass es zu Tröpfcheninfektionen im Wasser kommt, ist eher unwahrscheinlicher.

Ab wann werden wir wieder an Konzerte gehen und reisen können?

Menschenansammlungen sind fatal. Hätten wir in Basel die Fasnacht durchgeführt, hätten wir Zustände wie im Elsass gehabt. Grossveranstaltungen wird es darum in diesem Jahr kaum mehr geben, München hat das Oktoberfest ja bereits abgesagt. Auch im interkontinentalen Flugverkehr rechne ich mit Restriktionen, die lange dauern werden. Es ist nicht abwegig, dass man in gewisse Länder nur dann einreisen darf, wenn man einen positiven Antikörpertest von einem zertifizierten Labor aufweisen kann. Der Antikörpertest – eventuell kombiniert mit einem direkten Virusnachweis (PCR-Test) – könnte zum zwingenden Einreisedokument werden.

Die WHO hat diese Idee zerpflückt: Es gebe noch keine zuverlässigen Antikörpertests.

Am Schluss entscheiden die Nationalstaaten, nicht die WHO. Ich gehe davon aus, dass bessere Antikörpertests schon in wenigen Wochen zur Verfügung stehen werden, auch wenn der weiteren Validierung grosse Aufmerksamkeit zu schenken ist.

Die Schweiz verzichtet weiterhin auf eine Maskenpflicht. Wie wichtig sind Masken beim Exit?

Masken ergeben dort am meisten Sinn, wo Leute eng aufeinander sind. Im ÖV auf jeden Fall, auch im Supermarkt und natürlich dort, wo man engen Personenkontakt hat, etwa beim Coiffeur. Wer im Freien allein joggt, kann hingegen auf eine Maske verzichten.

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