19.06.2020 23:54

Arena«Die Frage ‹Woher kommst du?› ist rassistisch»

Die SRF-Arena lud ausschliesslich schwarze Gäste an einen runden Tisch. Die Frage nach der Herkunft sorgte für Diskussionsstoff.

von
Bettina Zanni
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Laut Dos Santos Pinto ist Rassismus gegen schwarze Menschen in der Schweizer Kultur so stark verankert, dass er den meisten Menschen nicht auffällt. Sie gab ein Beispiel: «Die Frage ‹Woher kommst du?› ist rassistisch.»

Laut Dos Santos Pinto ist Rassismus gegen schwarze Menschen in der Schweizer Kultur so stark verankert, dass er den meisten Menschen nicht auffällt. Sie gab ein Beispiel: «Die Frage ‹Woher kommst du?› ist rassistisch.»

Screenshot SRF
Diesmal wollte Sandro Brotz die Rassismusdebatte «richtig anpacken». Ausschliesslich schwarze Gäste hatten in der neusten Ausgabe der SRF-Arena das Wort. Titel: «Jetzt sitzen wir an einen runden Tisch.»

Diesmal wollte Sandro Brotz die Rassismusdebatte «richtig anpacken». Ausschliesslich schwarze Gäste hatten in der neusten Ausgabe der SRF-Arena das Wort. Titel: «Jetzt sitzen wir an einen runden Tisch.»

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Ob die letzte Sendung sie ein Debakel gewesen sei, wollte Brotz wissen.

Ob die letzte Sendung sie ein Debakel gewesen sei, wollte Brotz wissen.

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Darum gehts

  • In der aktuellen SRF-Arena diskutierten vier schwarze Gäste an einem runden Tisch. Damit reagierte das SRF auf die Kritik, die das Setting der letzten Sendung ausgelöst hatte.
  • Moderator Sandro Brotz wollte mit den Gästen «konstruktiv nach Lösungen» suchen.
  • Als problematisch empfanden die Gäste die Frage nach der Herkunft. Auch dürfe die Schweiz den Rassismus im eigenen Land nicht verleugnen, fanden sie.
  • Gabriella Binkert, Präsidentin der SVP Val Müstair, hat hingegen mit der Frage «Woher kommst du?» kein Problem. Auch ist sie der Meinung, dass in Alltag und Beruf nicht die Hautfarbe, sondern die Haltung und die Kommunikation ausschlaggebend seien.

Diesmal wollte Sandro Brotz die Rassismusdebatte «richtig anpacken». Ausschliesslich schwarze Gäste hatten in der neusten Ausgabe der SRF-Arena das Wort. Titel: «Jetzt sitzen wir an einen runden Tisch.» Die Debatte der ersten Sendung zum Thema Rassismus hatten mehrheitlich weisse Gäste bestritten, worauf Moderator Sandro Brotz scharfe Kritik erntete (siehe Box).

Am runden Tisch sassen Angela Addo, Juso Mitglied und Mitorganisatorin der «Black Lives Matter»-Kundgebung, sowie Gabriella Binkert, Präsidentin der SVP Val Müstair. Sie waren bereits in der letzten Sendung dabei gewesen. Neu dazu kamen Fatima Moumouni, Spoken-Word-Poetin, und Jovita Dos Santos Pinto, Kulturwissenschaftlerin und Mitbegründerin des Netzwerks Schwarzer Frauen Bla*SH.

«Sendung war ein Debakel»

In den ersten paar Minuten der Sendung hielt Brotz mit seinen Gästen eine Art Krisensitzung ab. «Wir haben verstanden, ich habe verstanden», sagte Brotz. Die Arena habe sich das letzte Mal «ein grosses Thema, vielleicht ein zu grosses Ziel» gesetzt, das vielleicht falsche Erwartungen geschürt habe. Danach gab er den Gästen die Gelegenheit, die letzte Sendung Revue passieren zu lassen.

Ob sie ein Debakel gewesen sei, wollte Brotz wissen. Angela Addo antwortete mit einem klaren «Ja». Am meisten habe sie enttäuscht, dass nicht mehr schwarze Gäste in der Sendung gewesen seien. Den schwarzen Komiker Kiko empfand sie als unpassend für das Setting. «In dem Fall muss man die Augen offen haben und es nicht ins Lächerliche ziehen.»

Gabriella Binkert hingegen empfand die Sendung nicht als Debakel. Sie vermisste jedoch das gegenseitige Zuhören. Angela Addo machte Brotz in der letzten Arena vor laufender Kamera den Vorwurf, sie nicht informiert zu haben, dass auch SVP-Vertreter an der Sendung teilnehmen. Binkert erinnerte sich: «Schockiert war ich über die Aussage, man hätte an der Sendung nicht teilgenommen, hätte man vorher gewusst, dass auch die SVP da ist.»

Rassismus dürfe nicht verleugnet werden

Im Hauptteil der Arena wollte Sandro Brotz mit den Gästen «konstruktiv nach Lösungen suchen». Grundlage dafür war für Jovita Dos Santos Pinto und Fatima Moumouni, dass der Rassismus in der Schweiz nicht verleugnet wird und in einer Diskussion um Hardliner oder Nicht-Hardliner untergeht.

Laut Dos Santos Pinto ist Rassismus gegen schwarze Menschen in der Schweizer Kultur so stark verankert, dass er den meisten Menschen nicht auffällt. Sie gab ein Beispiel: «Die Frage ‹Woher kommst du?› ist rassistisch.» Diese Frage werde innerhalb der ersten paar Minuten an Personen gestellt, die nicht weiss sind. «Damit ruft man eine Vorstellung von Personen hervor, die zur Schweiz gehören und solchen, die zuerst noch erklären müssen, warum sie da sind.»

Schweiz schaue immer gerne ins Ausland

Fatima Moumouni doppelte nach: «Die Frage nach der Herkunft ist natürlich nicht so schlimm, wie ein Nazi, der mit Springerstiefeln jemandem auf die Nase haut.» Rassismus beschränke sich nicht nur auf Schlagen und Beleidigen, sondern sei ein System, das in alle Lebensbereiche hineinspiele. Auch kritisierte sie, dass die Schweiz immer gerne ins Ausland schaue und Rassismus dort als «schlimmer» bezeichne, als sich selbst an der Nase zu nehmen.

Gabriella Binkert zufolge dagegen hält sich der Rassismus in der Schweiz etwa im Gegensatz zu Italien in Grenzen. Sei sie früher nach ihrer Herkunft gefragt worden, habe sie geantwortet: «Aus Paspels im Domleschg. Afrika? Was ist das?» Damit habe sie kein Problem gehabt. Treffe sie ausserhalb von Graubünden auf jemanden mit Bündner Dialekt frage sie auch zuerst, woher die Person komme.

Laut Binkert haben Menschen mit dunkler Hautfarbe nicht weniger Chancen auf dem Arbeitsmarkt. «Ich hatte wegen meiner Dunkelhäutigkeit noch nie Probleme.» Als sie und eine weisse Frau sich um den Posten als Laienrichterin beworben hätten, sei sie gewählt worden. Ausschlaggebend seien in Alltag und Beruf nicht die Hautfarbe, sondern die Haltung und die Kommunikation. «Bemerkte ich Zweifel wegen meiner Hautfarbe, diskutierte ich es mit der Person aus und kriegte die Stelle jeweils trotzdem.»

Viele Dinge seien zu kurz gekommen

Einig waren sich die Gäste jedoch, dass Schulen das Thema Rassismus im Schweizer Kontext künftig herausarbeiten müssen.

Richtig ans Eingemachte ging es in der Sendung nicht. Am Ende fragte Sandro Brotz seine Gäste, wie es für sie gewesen sei. Während Gabriella Binkert schätzte, dass sie «sehr offen» hätten reden können, kamen für Jovita Dos Santos Pinto «viele Dinge zu kurz, auf die ich mich eigentlich freute». Angela Addo sagte: «Letztes Mal kam ich quasi in einem durchsichtigen Panzeranzug und musste Rückschläge einstecken. Diesmal konnte man miteinander diskutieren und musste nicht in die Defensive gehen.»

Kritik nach erster Sendung

Der Tod des Afroamerikaners George Floyd bei einem brutalen Polizeieinsatz löste auf der ganzen Welt eine Protestwelle gegen Rassismus aus. Anstatt schwarze Gäste gaben in der Debatte der darauffolgenden SRF-Arena aber vor allem weisse Gäste den Ton an: In der Sendung unter dem Motto «Jetzt reden wir Schwarze» waren drei der vier Hauptgäste Weisse. Im Ring standen neben dem schwarzen Comedian Kiko SVP-Nationalrätin Andrea Geissbühler, SP-Nationalrätin Samira Marti und James Foley, Sprecher von Republican Overseas Switzerland. Sie sind alle weiss. Im Hintergrund Platz nahmen Angela Addo, Juso-Mitglied und Mitorganisatorin der «Black Lives Matter»-Kundgebung, und Gabriella Binkert, Präsidentin der SVP Val Müstair. Sie beide sind schwarz. Per Videocall zugeschaltet wurde der schwarze Manuel Akanji, Schweizer Fussballer bei Borussia Dortmund. Erst am Schluss der Sendung tauschten Geissbühler und Marti ihre Plätze im Ring mit Addo und Binkert.

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