Phantomarm: Die Frau mit den drei Armen
Aktualisiert

PhantomarmDie Frau mit den drei Armen

Im Genfer Universitätsspital hat eine Patientin nach einem Schlaganfall an ihrem Körper einen dritten Arm gespürt und gesehen. Neurologen untersuchten sie und konnten zeigen, dass ihre Berichte über dieses seltene Phänomen glaubwürdig sind.

Die 64 Jahre alte Frau war nach einem Schlaganfall linksseitig gelähmt. Wenige Tage nach dem Hirnschlag nahm sie links plötzlich einen zusätzlichen Arm wahr. Sie beschrieb ihn als blass, milchig-weiss und durchsichtig, wie die Forscher um Asaid Khateb vom Universitätsspital Genf im Fachmagazin «Annals of Neurology» berichten.

Die Frau gab nicht nur an, den Phantomarm zu sehen und bewegen zu können. Sie behauptete auch, wenn sie sich mit der eingebildeten Hand am Kopf kratze, lindere dies den Juckreiz. Sie habe die Extremität nicht permanent wahrgenommen, sondern bloss, wenn sie sie absichtlich «abgerufen» habe, sagte Khateb auf Anfrage der Nachrichtenagentur SDA.

Gehirnaktivität untersucht

Khateb und seine Kollegen untersuchten die Frau im so genannten Kernspintomografen. Mit der funktionellen Magnetresonanztomografie können Forscher nachweisen, welche Gehirnareale während realer oder imaginärer Bewegungen aktiviert sind. Die Untersuchungen zeigten, dass die Frau tatsächlich erlebte, was sie schilderte.

Zuerst liessen die Forscher die Frau ihre nicht gelähmte rechte Hand bewegen. Wie erwartet mobilisierte dies in der linken Gehirnhälfte Teile des so genannten motorischen Cortex. Ähnliche, aber weniger starke Aktivität fanden die Forscher, wenn sie die Frau baten, sich vorzustellen, sie bewege die rechte Hand.

Imaginäre Bewegungen der gelähmten linken Hand führten in ähnlicher Weise zur Aktivierung im motorischen Cortex der rechten Hirnhälfte. Dasselbe Bild zeigte sich auch, wenn sich die Frau vorstellte, ihren Phantomarm zu bewegen.

Wie bei echter Berührung

Zusätzlich kam es zu einer Aktivierung im visuellen Cortex, was laut den Forschern anzeigt, dass die Frau ihre imaginäre Extremität tatsächlich sah. Mehr noch: Als sich die Frau mit ihrer Phantomhand an der Wange kratzte, kam es zur Aktivierung in Gehirnregionen, die auch bei echten Berührungen aktiviert werden.

Seines Wissens sei es das erste Mal, dass ein Patient eine Phantomextremität nicht nur fühlte, sondern auch sah und absichtlich bewegen konnte, sagte Khateb. Und es sei auch das erste Mal, dass die Gehirnaktivität während einer imaginären Berührung gemessen worden sei.

Wieder verschwunden

Laut dem Forscher verschwanden die Wahrnehmungen rund vier Monate nach dem Schlaganfall wieder - ohne dass die Frau deswegen eine spezielle Behandlung erhalten hatte. «Unser hauptsächlicher Verdienst war es, der Patientin verstehen zu helfen, dass dieses Phänomen nach Gehirnschlägen auftreten kann», sagte Khateb.

Die Ursache der Wahrnehmungen bleibt laut Khateb ein Rätsel. Weil bei den Schlaganfällen meist grosse Hirnareale beschädigt werden, ist eine Eingrenzung schwierig. Zumal die überzähligen Phantomgliedmassen selten sind: In der Fachliteratur sind laut Khateb beispielsweise gerade einmal neun Fälle beschrieben, in denen der Patient die Extremität nicht nur spürt, sondern auch sieht. (sda)

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