Aktualisiert 26.10.2019 17:28

Nordsyrien

«Die Frau starb im Kurden-Spital vor meinen Augen»

In Nordsyrien wüten Islamisten-Milizen trotz der Waffenruhe. Die 20-Minuten-Reporterin Ann Günter ist vor Ort und berichtet von dramatischen Szenen.

von
ehs

Nach dem Einmarsch der Türkei in die kurdisch beherrschten Gebiete im Norden Syriens herrscht Chaos – trotz einer derzeitigen Waffenruhe. Die 20-Minuten-Reporterin Ann Günter berichtet vor Ort.

Ann, du bist im nordsyrischen Tell Tamer. Was passiert gerade?

In der Region zwischen Tell Tamer und der Stadt Serêkaniyê befinden sich viele Dörfer, die trotz der Waffenruhe von Islamistenmilizen, die unter türkischer Herrschaft stehen sollen, beschossen werden. Hier ist ein kleines Spital mit zwei Operationsräumen eingerichtet. Die Verletzten werden hier von lokalen Ärzten und einem Team aus Deutschland, Dänemark und der Schweiz erstversorgt.

Wer kommt in dieses Spital?

Grösstenteils sind es verletzte Zivilisten, aber auch kurdische Soldaten. Gerade eben kam ein Auto aus dem etwa zehn Minuten entfernten Dorf Abdul Salami angerast. Das Dorf wurde von den Milizen mit schwerer Artillerie beschossen. Im Auto befanden sich drei Frauen. Zwei Frauen verliessen das Auto. Sie schrien und bluteten stark. Ein Arzt aus Deutschland hat festgestellt, dass sie mit Metallstangen geschlagen wurden. Eine dritte Frau wurde von Ärzten aus dem Auto getragen. Sie starb noch vor meinen Augen.

Was hast du sonst dort beobachtet?

Heute Morgen wurden drei Männer eingeliefert. Sie sind aus dem Dorf Menajir geflohen. Es wurde vor zwei Tagen von Islamisten eingenommen. Die meisten Bewohner sind geflohen, dieser Familie gelang das aber nicht. Die Männer waren übelst zugerichtet. Sie wurden verprügelt und mit Eisenstangen geschlagen. Leider sind sie die einzigen der Familie, denen die Flucht geschah.

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20-Minuten-Reporterin Ann Günter ist in Nordsyrien vor Ort. Sie berichtet aus einem Spital in Tell Tamer.

20-Minuten-Reporterin Ann Günter ist in Nordsyrien vor Ort. Sie berichtet aus einem Spital in Tell Tamer.

Lokale Ärzte und Ärzte aus Deutschland, Dänemark und der Schweiz versorgen dort verletzte Zivilisten und kurdische Soldaten.

Lokale Ärzte und Ärzte aus Deutschland, Dänemark und der Schweiz versorgen dort verletzte Zivilisten und kurdische Soldaten.

20M
Immer wieder werden neue Opfer eingeliefert.

Immer wieder werden neue Opfer eingeliefert.

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Der Alltag im Spital in Tell Tamer ist dramatisch, wie die Fotos von 20-Minuten-Reporterin Ann Günter zeigen.

Was geschah mit den restlichen Familienmitgliedern?

Sie wurden von den Islamisten gefangen genommen. Rund zehn Menschen aus dieser Familie sind in ihrer Gewalt.

Eigentlich sollte in Syrien eine Waffenruhe herrschen.

Die wird nicht eingehalten. Die Dörfer hier werden Tag und Nacht beschossen. Hier werden Kriegsverbrechen gegen die Bevölkerung begangen. Die Türkei mag die Verantwortung von sich weisen, aber sie arbeitet mit den für die Gräueltaten verantwortlichen Islamistenmilizen zusammen und kann sie offensichtlich nicht kontrollieren.

Ist das Spital sicher?

Nein. Letzte Woche versuchten vier IS-Selbstmordattentäter, das Spital mit Sprengstoffwesten zu stürmen. Sie wurden erschossen. Die Gefahr kommt nicht nur von den islamistischen Milizen, sondern auch vom IS. Er profitiert von diesem Chaos.

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