02.01.2015 08:16

Streitgespräch«Die Frauen sind auch selber schuld»

Warum schaffen es nur wenige Frauen bis ganz nach oben? Wer trägt die Verantwortung dafür? Die Autorinnen Monique R. Siegel und Sonja A. Buholzer im Streitgespräch.

von
D. Pomper
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«Feminismus ist so was von gestern», sagt Sonja A. Buholzer (rechts). Monique R. Siegel kontert: «Ich finde es bedenklich, wenn junge Frauen sagen, dass wir keinen Feminismus mehr brauchen.»

«Feminismus ist so was von gestern», sagt Sonja A. Buholzer (rechts). Monique R. Siegel kontert: «Ich finde es bedenklich, wenn junge Frauen sagen, dass wir keinen Feminismus mehr brauchen.»

Buholzer kritisiert, dass Frauen ihre Weiblichkeit in den letzten Jahrzehnten unterdückt hätten: «Das ist eine Verschwendung von Güte und weiblichen Talenten, die wir ins Management einbringen müssen.»

Buholzer kritisiert, dass Frauen ihre Weiblichkeit in den letzten Jahrzehnten unterdückt hätten: «Das ist eine Verschwendung von Güte und weiblichen Talenten, die wir ins Management einbringen müssen.»

Die Frauen seien ein Stück weit selber daran schuld, dass Frauen in Kaderpositionen noch immer in der Minderheit sind: «Viele stecken noch immer in ihrer Opferrolle fest. Sie reden am liebsten über die Nachteile, die ihr Geschlecht mit sich bringt. Ihre Sicht heisst: me, myself and I.»

Die Frauen seien ein Stück weit selber daran schuld, dass Frauen in Kaderpositionen noch immer in der Minderheit sind: «Viele stecken noch immer in ihrer Opferrolle fest. Sie reden am liebsten über die Nachteile, die ihr Geschlecht mit sich bringt. Ihre Sicht heisst: me, myself and I.»

Beim Wort Feminismus stehen vielen jungen Frauen die Haare zu Berge. Brauchen wir diese Bewegung heutzutage noch?

Sonja A. Buholzer: Feminismus ist so was von vorgestern. Frauen dürfen, ja müssen ihre Weiblichkeit und ihr Anders-Sein mutig ins Management einbringen. Es ist die Angst vieler Frauen vor ihrer eigenen Weiblichkeit, die uns schwächt. Das ist kein Kampf mehr, den wir führen, sondern eine Einladung zur Karriere mit viel Weiblichkeit.

Wie meinen Sie das?

Buholzer: Wir haben unsere Weiblichkeit in den letzten Jahrzehnten unterdrückt, weil wir uns immer angepasst haben. Dabei wollen CEOs richtige Frauen und keine schlechteren Männer. Die Chefetagen wünschen sich Frauen, die nicht in direkter Konkurrenz zu Männern stehen, sondern komplementär wirken. Wir Frauen denken, fühlen und werten anders als Männer. Wir haben ein anderes Verhältnis zu Hierarchien und ein anderes Machtempfinden. Gesang, Tanz, Ästhetik, Humor, das Spielerische – das ist eine matriarchale Wurzel, die wir Frauen teilen. Aber wenn ich mir viele Frauen ansehe – das ist eine Verschwendung von Güte und weiblichen Talenten, die das Management dringend braucht, denn Frauen haben viel zu sagen.

Monique R. Siegel: Wie können Sie behaupten, Feminismus sei von gestern? – Ich bin Feministin durch und durch, aber das heisst für mich: für Frauen, nicht gegen Männer. Ich erinnere mich daran, wie in den USA mein Bus anhalten musste, weil eine Horde wild gewordener Frauen ihre BHs in Brand setzten und drumherum tanzten. Ich wusste nicht, was das sollte, und wollte nichts damit zu tun haben. Später in der Schweiz habe ich für verheiratete Frauen, die sich weiterbilden wollten, ein Weiterbildungsprogramm angeboten, und das hat einen Skandal ausgelöst. Frauen nahmen sich das Familienauto und gingen nach den Seminaren abends noch in die Beiz. Ihre Männer dachten wohl, ihnen würde die Frauen weggenommen. Als ich gemerkt habe, dass es Widerstände gegen Bildung von Frauen gibt, bin ich Feministin geworden.

Buholzer: Bitte, Frau Siegel. Die Generation von heute und von morgen wird dankbar sein für diese Vorreiterinnen – aber jetzt, hier und heute geht es nicht mehr um den Kampf um Rechte, sondern um das gemeinsame Entwickeln von Zukunftsmodellen, in denen nicht nur Frauen, sondern auch Männer neue Arbeits- und Lebensmodelle ausprobieren können. Wir wollen auch zwischen den Geschlechtern wieder Liebe leben statt Rivalität, Wettbewerb statt Konkurrenz und Heterogenität statt Verdrängung.

Siegel: Ich finde es bedenklich, wenn junge Frauen sagen, dass wir keinen Feminismus mehr brauchen. Es gibt keine Zukunft ohne Vergangenheit. Es gibt so viele fantastische Frauen, die für uns den Weg geebnet haben.

Trotz der Feminismus-Bewegung sind Frauen in Kaderpositionen in der Minderheit. Blockieren Männer den Weg nach oben oder sind die Frauen zu wenig kämpferisch?

Siegel: Die Frauen sind ein Stück weit selbst schuld. Es gibt so viele hoch qualifizierte Frauen. Nie waren ihre Chancen besser. Doch sie verpassen sie. Viele stecken noch immer in ihrer Opferrolle fest. Sie reden am liebsten über die Nachteile, die ihr Geschlecht mit sich bringt. Ihre Sicht heisst: me, myself and I. Alles dreht sich um mangelnde Kindertagesstätten oder ungleiche Löhne. Warum gründen sie nicht eine Kita oder kämpfen für Lohntransparenz? Offensichtlich haben es sich viele Frauen in der Mitte ganz gemütlich gemacht. Dort ist es leichter, sich den Herausforderungen eines anspruchsvollen Jobs nicht zu stellen. Anstatt sich auf diese Diskriminierungsidee zu fokussieren, müssen wir endlich damit anfangen, eine humanere Arbeitswelt aufzubauen. Männer und Frauen müssen miteinander aushandeln, was für ein Leben sie wollen. Die Phase in einem Frauenleben, in der Kinder das bestimmende Thema sind, dauert rund 15 Jahre. Es kann doch nicht sein, dass sie ein 90-jähriges Leben prägt – abgesehen davon, dass nicht jede Frau Kinder haben kann oder will.

Buholzer: Frauen haben so viele Pflichten, Arbeiten und Dienste der Männer übernommen, dass sie sich dabei selber verloren haben. Dabei dürfen sie sich vom fatalen Perfektionismus verabschieden, cool sein und sich ohne falsche Bescheidenheit professionell vermarkten. Gerade Frauen in der Schweiz sind viel zu bescheiden. Wichtig ist aber auch, dass sie sich Zeit nehmen für ihre Familie, wo sie Wärme und Geborgenheit bekommen und Energie tanken können. Denn viele Karrierefrauen sind sieben Tage 24 Stunden auf Draht. Sie drehen im Hamsterrad, verlieren ihre Weiblichkeit und haben dann ein Burnout. Am Schluss wird ihre Position dann wieder von einem Mann besetzt.

Siegel: Ja, Frauen sollten wegkommen von der Idee, alles stünde ihnen zu. Auch Männer müssen verzichten, wenn sie Spitzenjobs haben wollen. Ausserdem: Nicht alle Frauen wollen CEOs oder Manager werden. Ich empfehle Frauen, nicht eine Karriere zu planen, sondern ihre Talente und Neigungen zu verwirklichen.

Sie plädieren beide dafür, dass Frauen aus ihrer Opferrolle rausfinden und sich selber besser verkaufen, damit sie ganz nach oben gelangen. Sind Frauenquoten, wie sie der Bundesrat fordert, also überflüssig?

Siegel: Ich war mein ganzes Leben gegen Quoten, weil ich dachte, Frauen brauchen das nicht. Doch ich habe meine Meinung geändert. Studien beweisen, dass gemischte Gremien an der Spitze eine Firma profitabler machen. Dennoch holen Männer kaum Frauen an Bord. Das heisst: Sie betrügen ihre Aktionäre. Deshalb macht eine auf fünf Jahren begrenzte Quote leider Sinn. Das wäre ein selbstverschuldetes Strafmandat.

Frau Buholzer, hätten Sie Lust eine Quotenfrau zu sein?

Buholzer: In der Schweiz passiert nichts ohne Druck. Nur wenn wir die kritische Grösse von rund 30 Prozent Frauen in den Verwaltungsräten haben, können wir einen wirklichen Kulturwandel in Unternehmen vollziehen. Es gibt einen Pool von hoch qualifizierten Frauen, die längst bereit für den Einsitz in renommierten Verwaltungsräten sind. Aber solange Seilschaften unter Männer funktionieren, haben sie einen schweren Stand. Insofern: Ja, ich bin bereit.

Was für eine Rolle spielt eigentlich der Mann in dieser neuen Gesellschaftsordnung?

Siegel: Eine wichtige. Die Männer müssen sich nur ihre Väter anschauen, die einen Herzinfarkt erlitten haben oder ein Burnout. Und sie müssen sich fragen: Will ich auch so enden? Viele Männer wollen heutzutage ein anderes Familienleben haben, nicht permanent für ihre Firma verfügbar sein, dafür ihre Kinder aufwachsen sehen. Veränderungen können wir nur gemeinsam bewirken.

Buholzer: Immer mehr männliche Manager in meinen Executive Coachings stellen sich die Frage: «Wars das schon?» Auch sie wollen ein Leben neben Karriere einfordern, echter Partner sein und ihre Vaterrolle bewusst leben. Ich stelle auch fest: Es gibt immer mehr reife, starke Männer in den Chefetagen, die bereit sind, ebensolche Frauen als Chefinnen und Mitarbeiterinnen zu respektieren. Sie wollen von ihnen lernen und mit ihnen eine Zukunft mit einer neuen Wirtschaftsordnung schaffen.

Sonja A. Buholzer

Sonja A. Buholzer ist Inhaberin einer internationalen Executive Coaching- und Managementberatung in Zürich, langjährige Sparring Partnerin prominenter Entscheidungsträger in Wirtschaft und Politik, sowie persönlicher Coach für Frauen in Chefpositionen. In ihrem neusten Buch «Woman Power» erklärt die Philosophin, wie Frauen lustvoll Karriere machen können ohne Weiblichkeit einzubüssen.

Woman Power – Karriere machen, Frau sein, Orell Füssli Verlag, CHF 26.90

Monique R. Siegel

Monique R. Siegel gründete unter anderem die Frauenbildungseinrichtung Akad-Femina, das internationale Management –Symposium für Frauen sowie die Beratungsfirma mrsThink. In ihrem Buch «Wars das schon?» appelliert die Wirtschaftsethikerin und Trendspezialistin an Frauen, sich nicht länger dem System anzupassen, sondern es infrage zu stellen.

Wars das schon? Wie Frauen ihre Chance verpassen, Orell Füssli Verlag, CHF 26.90

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