Baselland – Frauenhäuser am Limit, trotz weniger Anzeigen wegen häuslicher Gewalt
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BasellandFrauenhäuser am Limit, trotz weniger Anzeigen wegen häuslicher Gewalt

Anzeigen im Bereich häusliche Gewalt gingen im vergangenen Jahr im Kanton Baselland um 17 Prozent zurück. Trotzdem sind die Frauenhäuser voll.

von
Vanessa Travasci
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Im Baselland gingen Anzeigen von häuslicher Gewalt von 378 auf 314 Fälle zurück. Basler Frauenhäuser sind dennoch voll. Grund dafür können nicht gemachte Strafanzeigen sein, trotz erlebtem Gewaltverbrechen. 

Im Baselland gingen Anzeigen von häuslicher Gewalt von 378 auf 314 Fälle zurück. Basler Frauenhäuser sind dennoch voll. Grund dafür können nicht gemachte Strafanzeigen sein, trotz erlebtem Gewaltverbrechen. 

20min/Marco Zangger
Als heimliches Handzeichen häuslicher Gewalt gilt die emporgestreckte Hand mit sich langsam schliessender Faust: Damit können Opfer auf sich aufmerksam machen. 

Als heimliches Handzeichen häuslicher Gewalt gilt die emporgestreckte Hand mit sich langsam schliessender Faust: Damit können Opfer auf sich aufmerksam machen. 

20min/Marco Zangger
Gründe für Nicht-Anzeige gibt es verschiedene. Entweder die betroffene Person ist noch nicht so weit, sie hat die Energie in der bereits stark angespannten Situation nicht oder sie hat Angst vor der Reaktion der angezeigten Person – dass die Lage noch mehr eskaliert.

Gründe für Nicht-Anzeige gibt es verschiedene. Entweder die betroffene Person ist noch nicht so weit, sie hat die Energie in der bereits stark angespannten Situation nicht oder sie hat Angst vor der Reaktion der angezeigten Person – dass die Lage noch mehr eskaliert.

20min/Simon Glauser

Darum gehts

  • Laut Kriminalstatistik Baselland gingen Anzeigen im Bereich häusliche Gewalt um 17 Prozent zurück.

  • Die Frauenhäuser in Basel sind dennoch stark gefragt.

  • Gründe für Nicht-Anzeige häuslicher Gewalt sind unterschiedlich.

Am Montag präsentierte der Kanton Baselland seine Kriminalstatistik für das vergangene Jahr und einige Zahlen scheinen auf den ersten Blick erfreulich. So gingen Anzeigen zu häuslicher Gewalt im letzten Jahr um 17 Prozent zurück. Doch die Statistik vermittelt ein trügerisches Bild. «Die Frauenhäuser sind wirklich stark ausgelastet», relativiert Regierungsrätin und Sicherheitsdirektorin Kathrin Schweizer. «Offenbar geht da Schutz vor Anzeige.»

«Telefonische Anfragen haben im vergangenen Jahr massiv zugenommen»

Bettina Bühler, Geschäftsleiterin Frauenhaus Beider Basel

So merkt auch das Frauenhaus Beider Basel vom gemessenen Rückgang häuslicher Gewalt nichts. Im Gegenteil: «Telefonische Anfragen haben im vergangenen Jahr massiv zugenommen», berichtet  Geschäftsleiterin Bettina Bühler gegenüber 20 Minuten. Nicht jede Frau, welche häusliche Gewalt erlebe, zeige das Verbrechen an. So gehe die Gewalt an Frauen nicht zurück, nur würden die Frauen nicht gleich eine Anzeige machen. «Die Gründe dafür können sehr unterschiedlich sein. Entweder die betroffene Frau ist für eine Anzeige noch nicht bereit oder ihr fehlt die Energie in der bereits stark belastenden Situation. Oder sie hat Angst – Angst vor der Konfrontation und der Reaktion der angezeigten Person, dass die Lage noch mehr eskaliert», erklärt Bühler weiter.

Das Frauenhaus biete klar Schutz, betont die Geschäftsführerin: «Wir unterstützen unsere Klientinnen, egal, wie sie sich entscheiden.» Der Findungsprozess sei bei jeder Frau unterschiedlich und dauere meist eine Weile. 

«Jeder Fall ist extrem unterschiedlich»

Thomas Lyssy, Mediensprecher Staatsanwaltschaft Baselland

«Jeder Fall ist extrem unterschiedlich», weiss auch Thomas Lyssy, Mediensprecher der Staatsanwaltschaft Baselland. Typischerweise komme es in zwei Fällen zu einem Strafverfahren bei häuslicher Gewalt: «Entweder die Polizei leitet die Anzeige vom Opfer weiter oder das Verfahren wird aufgrund der Meldung einer Drittperson eröffnet, aufgrund dieser die Polizei ausrücken musste und entsprechend ein Bericht verfasst wird. Sobald die Staatsanwaltschaft Kenntnis von einem Gewaltverbrechen hat, handelt es sich um ein Offizialdelikt. Dafür braucht es keine Anzeige und die Staatsanwaltschaft beginnt zu ermitteln», führt Lyssy weiter aus. 

Dennoch verzeichnet Baselland im Allgemeinen eine tiefere Kriminalitätsrate als der Schweizer Durchschnitt. Auf 1000 Einwohnerinnen und Einwohner kommen 41 Strafanzeigen. Im Landesschnitt sind es 48 Anzeigen. Besonders die Zahl der registrierten Cyberdelikte nahm zu. Zum Vorjahr stiegen diese um 48 Prozent, von 557 auf 826 Fälle. «Die Polizei Baselland sah sich im letzten Jahr mit einer grossen Personalbelastung konfrontiert», führt Kommandant Mark Burkhard in der aktuellen Medienmitteilung zur Kriminalstatistik aus. Der Grund dafür seien die angespannte Lage zu Einbruchdiebstählen, die Kontrolle der eingeführten Corona-Massnahmen letztes Jahr und Einsätze in anderen Kantonen. Polizeistützpunkte, welche deshalb seit Dezember 2021 teilweise halb- oder ganztägig geschlossen waren, sind seit dem 1. März jedoch wieder besetzt.  

Kriminalität unter Landesschnitt

Baselland verzeichnet im Allgemeinen eine tiefere Kriminalitätsrate als der Schweizer Durchschnitt. Auf 1000 Einwohnerinnen und Einwohner kamen im Jahr 2021 41 Strafanzeigen. Im Landesschnitt liegt dieser Wert bei 48. Insgesamt wurden leicht mehr Straftaten verzeichnet. Eine starke Zunahme registrierten die Strafverfolgungsbehörden bei den Cyberdelikten. Zum Vorjahr stiegen diese um 48 Prozent, von 557 auf 826 Fälle. Zugenommen haben auch die Einbruchdiebstähle, nachdem diese 2020 einen historischen Tiefpunkt erreicht hatten. Die Polizei war zudem durch die Corona-Massnahmen und die damit verbundene Kontrolltätigkeit stark belastet. Dies führte zur vorübergehenden Teilschliessung von Polizeiposten, die jedoch seit dem 1. März wieder alle regulär besetzt sind.

Bist du oder ist jemand, den du kennst, von sexualisierter, häuslicher, psychischer oder anderer Gewalt betroffen?

Hier findest du Hilfe:

Polizei nach Kanton

Beratungsstellen der Opferhilfe Schweiz

Lilli.ch, Onlineberatung für Jugendliche

Frauenhäuser in der Schweiz und Liechtenstein

Zwüschehalt, Schutzhäuser für Männer

LGBT+ Helpline, Tel. 0800 133 133

Alter ohne Gewalt, Tel. 0848 00 13 13

Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Tel. 143

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

Beratungsstellen für gewaltausübende Personen

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