Skandal-Chirurg: Die Fussball-Operation war kein Einzelfall
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Skandal-ChirurgDie Fussball-Operation war kein Einzelfall

Chef-Chirurg Vincent Bettschart schaute im Sommer trotz Operation WM-Spiele – prompt infizierte sich die Narbe des Patienten. Bettschart findet das normal, Experten nicht.

von
ann
Vincent Bettschart ist seit Anfang 2010 im Spital Sion (Spitalzentrum Mittelwallis) Chefarzt für Chirurgie.

Vincent Bettschart ist seit Anfang 2010 im Spital Sion (Spitalzentrum Mittelwallis) Chefarzt für Chirurgie.

Die Enthüllungen über den Chef-Chirurgen Vincent Bettschart vom Spital in Sion erstaunten die Schweiz: Während einer komplizierten Darm-Operation am 17. Juni lief auf einem Bildschirm im OP das WM-Spiel Mexiko–Frankreich. Doch nun stellt sich heraus: Dies war nicht seine erste Operation unter sportlicher Ablenkung.

Bereits am Tag zuvor schaute sich das Operationsteam während der Arbeit den Match Schweiz–Spanien an. Auf dem Operationstisch lag derselbe Patient wie am Tag danach. Hat der Sieg der Schweizer über die Spanier den Walliser Chirurgen abgelenkt? Mit Sicherheit lässt sich dies nicht sagen. Klar ist aber: Die Operation am Patienten war nicht erfolgreich. Bereits nach wenigen Stunden löste sich die Naht vorzeitig, weil der Patient eine Bauchfellentzündung bekam. Darum musste er am 17. Juni nochmals unters Messer – während des Spiels Mexiko-Frankreich.

Drei Operationen mit Sport

Chefarzt Vincent Bettschart bestätigt den Vorfall gegenüber «Le Matin» am Telefon: «Tatsächlich wurden dreimal sportliche Veranstaltungen auf einem der Bildschirme übertragen. Das war eine Fehleinschätzung meinerseits.» Er betont dabei, dass es fünf bis sieben Bildschirme in einem Operationssaal gebe und nur auf einem der Match lief. «Ich könnte ihnen aber nicht sagen, wer auf den Knopf gedrückt hat, ich war auf den Patienten konzentriert.»

Die beiden Operationen waren zudem nicht die einzigen, die der Darm-Patient über sich ergehen lassen musste. Noch dreimal wurde er unter Narkose behandelt: Um Verbände anzulegen oder Abzesse zu drainieren, so Bettschart. Für den Chirurgen sind die Komplikationen nicht aussergewöhnlich: «Diese Operation birgt ein hohes Infektionsrisiko», sagt er.

«Man kann einen technischen Fehler ableiten»

Dies sieht Phillipe Morel, Präsident der Schweizerischen Chirurgischen Gesellschaft, anders: «Es kommt vor, dass sich die Naht löst, aber es ist selten», meint er gegenüber «Le Matin». Besonders auffällig ist für Morel, dass die Naht schon innert 24 Stunden Probleme machte. «Daraus kann man einen technischen Fehler ableiten», sagt er.

Nebst Fussballübertragungen während der Operation soll sich Bettschart zudem von einer Operation entfernt und an einem Apéro teilgenommen haben. Bettschart widersprach dem Vorwurf: Er habe sich während einer 7-stündigen Operation nur kurz verpflegt und sei dabei an einem Apéro vorbeigelaufen.

Nicht die erste Kritik an Bettscharts Leistung

Doch für die Angestellten im Spital Sion ist Bettscharts Verhalten offenbar nicht so belanglos. Bereits die erste Operation mit Fussball am 16. Juni führte zu Protesten. Einige sollen sich beim Chefanästhesisten darüber empört haben. Bettscharts Vorgesetzte erhielten zudem zwei schriftliche Klagen. In der Folge wurde am 25. Juni ein Rundschreiben ausgesandt. Darin wurde die Nutzung des Internets während den Operationen untersagt. Für Bettschart hat sein Verhalten ansonsten keine Folgen.

Dabei war der Walliser Arzt bereits zuvor wegen mangelnder chirurgischer Leistungen in Kritik geraten. So hatte ihn ein Arzt am Spital in Sierre, wo Bettschart bis Ende 2009 beschäftigt war, für eine Zweitmeinung die Operationsunterlagen eines Falles zur Begutachtung an Philippe Morel weitergeleitet. Offenbar soll der Präsident der Schweizerischen Chirurgischen Gesellschaft die Bedenken seines Kollegen bezüglich Bettschart gestützt haben. Der Walliser Staatsrat Maurice Tornay hingegen liess verlauten, die Dossiers seien von Experten in Basel und Zürich geprüft worden und es gebe keine verlässlichen Anhaltspunkte bezüglich ungenügender Qualität.

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