Unvergessene Momente: Die Gassers: Fürsten, aber keine Könige
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Unvergessene MomenteDie Gassers: Fürsten, aber keine Könige

Die Familie Gasser, die grösste Schwingerdynastie aller Zeiten, hat nie einen König hervorgebracht. Das mag zeigen, wie schwierig es ist, den Thron zu besteigen.

von
Zaugg Klaus
Niklaus Gasser (oben) schafft es als einziger seiner Dynastie in einen Eidgenössischen Schlussgang.

Niklaus Gasser (oben) schafft es als einziger seiner Dynastie in einen Eidgenössischen Schlussgang.

Vielleicht liegt ja die Antwort auf die Frage, warum die Gassers nie einen König hervorgebracht haben, in der Lebensphilosophie des Dynastie-Gründers Ernst Gasser (1905 bis 1971). Er ist Lohnkäser in Ersigen (500 Einwohner) bei Burgdorf. Die Bauern betrachten zu dieser Zeit im Bernbiet die Lohnkäser als ihre Knechte und nicht als gleichberechtigte Partner. Wer in der Käshütte seinen Frieden haben wollte, tat gut daran, die bäuerlichen Barone nicht zu provozieren.

Ernst Gasser entwickelt mit List und Beharrlichkeit Methoden, ihm ein ruhiges Leben ermöglichen. Wenn er zum Jass ins Nachbardorf geht, verlässt er die Käshütte immer durch den Hinterausgang damit es nicht auffällt. Als er am Eidgenössischen 1929 in Basel im schönen zehnten Rang den Kranz und ein Schaf herausschwingt, verzichtet er auf jegliche Feierlichkeiten und fährt mit der Eisenbahn noch am gleichen Abend heim nach Burgdorf, läuft mit dem Schaf zu Fuss die fünf, sechs Kilometer nach Ersigen und nimmt am Montag früh persönlich die Milch entgegen. Das Gerede, zum Schwingen am Sonntag habe er Kraft, aber nicht für die Arbeit, für die er schliesslich bezahlt werde, kann er sich so sparen.

Fehlender Rock'n'Roll

Die Frage ist nun, was denn diese Einsichten ins dörfliche Bauernleben der ersten Jahrhunderthälfte mit der fehlenden Königskrönung der Gasser-Dynastie in der zweiten Jahrhunderthälfte zu tun hat. Nun, um König zu werden, braucht es immer eine Mischung aus Talent, Trainingsfleiss, Cleverness, Risikobereitschaft, Mut, Schlitzohrigkeit, gewürzt mit einer Prise Rock'n'Roll (Aufmüpfigkeit). Die Gassers hatten alles, aber diese Prise «Rock'n'Roll» hat ihnen im entscheidenden Moment mehrmals gefehlt. Das macht sie sympathisch. Aber es hat sich in der Rangliste bei so manchem Eidgenössischen ausgewirkt.

Die Gassers, ursprünglich Freiburger aus Seligswil, wo Christian Gasser (1861 bis 1942) Käser und Landwirt war, sind von Natur aus klug, bescheiden, friedfertig, kompromissbereit und gute Verlierer. Niklaus Gasser, der in jungen Jahren noch am ehesten etwas von einem Rock'n'Roller hatte, kommt dem Königsthron am nächsten. Mehrmals ist er ganz nahe dran. Als einziger Gasser steht er 1983 in Langenthal (gegen Ernst Schläpfer) im Schlussgang und dreimal (1986 in Sion, 1992 in Olten und 2001 in Nyon) scheitert er ganz knapp im 7. Gang, quasi im Halbfinale.

Kenner, nicht nur im Bernbiet, sind sich einig, dass wohl nur eine Mischung aus der schwingerischen Klasse von Niklaus Gasser und der Aufmüpfigkeit seines grossmauligen Klein-Cousin Christian Oesch (wie Niklaus Gasser ein sechsfacher Eidg. Kranzschwinger) einen König gegeben hätte.

23 Eidgenössische Kränze für die Gassers

Dass die grösste Schwingerdynastie im Lande keinen König und nur zahlreiche Fürsten hervorgebracht hat, mag zeigen, wie schwierig es ist, König zu werden. Die Gassers teilen sich nicht weniger als 23 Eidgenössische Kränze: Ernst, Hansueli, Peter und Niklaus Gasser sowie Niklaus' Klein-Colusin Christian Oesch haben sie geholt. Verteilt auf die Eidgenössischen von 1929 bis 1998. Dazu kommen zwölf Siege am Berner Kantonalen durch Hansueli (1957, 1958, 1959 und 1960), Peter (1963), Niklaus (1983, 1984, 1987, 1990, 1992 und 1993) sowie Rock'n'Roller Oesch (1994).

Die Gassers waren im Bernbiet und auf Eidgenössischer Ebene fast 70 Jahre lang an der Macht beteiligt. Eine im Schwingen einmalige Konstanz. Hansueli Gasser gilt als bester Schwinger aller Zeiten, der nie in einem Eidgenössischen Schlussgang stand, Niklaus Gasser als Bösester, der nicht wenigstens Erstgekrönter an einem Eidgenössischen war.

Doch ganz ungekrönt ist die Dynastie doch nicht geblieben: Niklaus Gasser gewinnt im Alter von 35 Jahren immerhin den Kilchberg-Schwinget, das «Master des Schwingens». 2010 in Frauenfeld ist aus der Gasser-Dynastie keiner mehr dabei.

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