Klimawandel: «Die Gefahr von Flutereignissen mit Todesopfern steigt auch in der Schweiz»

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Klimawandel«Die Gefahr von Flutereignissen mit Todesopfern steigt auch in der Schweiz»

Die Flutwelle in der Emme vom Montagabend richtete nur in Gebäuden Schaden an. Doch wenn die Schweiz keine Massnahmen ergreift, drohen auch hier verheerende Extremwetterereignisse, sagt Klimaforscher Thomas Stocker. 

von
Daniel Graf

Der Fluss Emme im Emmental führte am Montagabend Hochwasser. Ein News-Scout war mit seiner Drohne vor Ort.

(Video: 20min/dsc)

Darum gehts

  • Am Montagabend führte die Emme Hochwasser, eine Flutwelle trug viel Schwemmholz mit sich. 

  • Der Gasthof Kemmeriboden-Bad wurde überflutet, Personal und Gäste mussten sich in den ersten Stock retten.

  • Die Bilder der verheerenden Hochwasser in Deutschland von letztem Jahr sind vielen noch präsent. 

  • Auch in der Schweiz steigt die Gefahr solcher Extremereignisse, sagt der Klimaforscher Thomas Stocker. 

In Deutschland kamen bei extremen Hochwasser- und Flutereignissen letztes Jahr 180 Menschen ums Leben. Am Montagabend sorgte eine Flutwelle in der Schweizer Emme für Aufsehen. Thomas Stocker ist Klimaforscher an der Universität Bern und war von 2008 bis 2015 Ko-Vorsitzender der Arbeitsgruppe Wissenschaftliche Grundlagen des Weltklimarats IPCC. Im Interview schätzt er das Flutereignis in der Emme ein und verrät, was die Schweiz tun muss, um gegen Hochwasser und Fluten mit verheerenden Auswirkungen besser gerüstet zu sein.

Wie beurteilen Sie die Flutwelle in der Emme von Montagabend?
Das war auf jeden Fall ein aussergewöhnliches Ereignis. Es ist in ähnlicher Weise aber auch schon 2014 aufgetreten, bloss erinnern sich viele wohl nicht mehr daran.

Erst letztes Jahr war Deutschland von verheerenden Hochwassern mit 180 Todesopfern betroffen. Drohen solche Ereignisse auch in der Schweiz?
Diese Extremereignisse treten nach Starkniederschlägen auf. Messungen zeigen, dass die Häufigkeit und Intensität von Starkniederschlägen in der Schweiz deutlich zugenommen haben. Das eine Prozent der stärksten Niederschläge hat in den letzten 100 Jahren um 26 Prozent zugenommen. Wenn keine weiteren Massnahmen in Zuflüssen und Einzugsgebieten von Flüssen getroffen werden, werden auch in der Schweiz Flutereignisse weiter zunehmen. Die Gefahr von Flutereignissen mit hohem Schaden und Todesopfern steigt auch hier.

Die Schweiz ist das Wasserschloss Europas. Sind wir besonders gefährdet für solche Ereignisse?
Nicht unbedingt. Wie schlimm solche Hochwasser ausfallen, hängt von der Grösse des Einzugsgebiets und des Starkniederschlags sowie von den Präventionsmassnahmen ab. 

Fürchtest du kommende Extremwetterereignisse? 

Wie kommen solche Flutwellen zustande?
Sie sind immer noch eine Folge der einzelnen Wetterlage. Aber mit zunehmender Temperatur aufgrund der Klimaerhitzung steigt die Wahrscheinlichkeit für Starkniederschläge, da sich in wärmerer Luft mehr Wasser befindet. Höhere Temperaturen begünstigen auch die Bildung von Gewittern, welche dann die Starkniederschläge auslösen.

Wie kann sich die Schweiz gegen solche Hochwasser rüsten?
Indem die Wald- und Flussbettpflege in den Einzugsgebieten intensiviert wird. In den Unterläufen von Flüssen muss genügend Platz für Hochwasser gelassen werden. Das wird durch Renaturierung erreicht. Ein kanalisierter Fluss ist in solchen Extremereignissen gefährlich, da kein Ausweichplatz für die Wassermassen zur Verfügung steht. In Gebieten mit Hochwasserrisiko braucht es auch Präventionsmassnahmen. Der Schadensimulator des Mobilabs der Uni Bern hilft, diese Gebiete ausfindig zu machen.

Welche Extremwetterereignisse werden durch den Klimawandel auch noch begünstigt?
Die Liste ist leider lang: Hitzewellen, Dürren, Starkniederschläge, Hochwasser, tropische Wirbelstürme, Hangrutschungen, Gletscherabbrüche, Korallenbleiche und weitere.  

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