Biowaffen: Die geheimen Tests der US-Armee am eigenen Volk
Publiziert

BiowaffenDie geheimen Tests der US-Armee am eigenen Volk

Im Kalten Krieg war die Angst vor sowjetischen Angriffen mit Biowaffen in den USA so gross, dass die Streitkräfte fragwürdige Massnahmen ergriffen.

von
jcg
1 / 7
Bis Ende der 1960er-Jahre führte das US-Militär Dutzende Tests zur Wirkung von Biowaffen durch. Einige der Experimente betrafen bewohntes Gebiet. 1950 zum Beispiel San Francisco, wo ein Kriegsschiff eine Bakterienwolke Richtung Stadt versprühte.

Bis Ende der 1960er-Jahre führte das US-Militär Dutzende Tests zur Wirkung von Biowaffen durch. Einige der Experimente betrafen bewohntes Gebiet. 1950 zum Beispiel San Francisco, wo ein Kriegsschiff eine Bakterienwolke Richtung Stadt versprühte.

AP/Eric Risberg
Von den Bewohnern San Franciscos wusste niemand etwas von der Bakterienwolke. Mindestens ein Mensch starb. (Im Bild: Die Nebelbrücke im Wissenschaftsmuseum Exploratorium in San Francisco. Aufnahme von 2014)

Von den Bewohnern San Franciscos wusste niemand etwas von der Bakterienwolke. Mindestens ein Mensch starb. (Im Bild: Die Nebelbrücke im Wissenschaftsmuseum Exploratorium in San Francisco. Aufnahme von 2014)

AFP/Justin Sullivan
Auch im Mittleren Westen der USA fanden Experimente statt. So wurde, zum Teil aus Flugzeugen, ein Leuchtstoff versprüht, um die Ausbreitung von Keimen zu überprüfen. Spuren des Stoffes konnten nachher in einem Umkreis von fast 2000 Kilometern nachgewiesen werden. (Im Bild: Minneapolis)

Auch im Mittleren Westen der USA fanden Experimente statt. So wurde, zum Teil aus Flugzeugen, ein Leuchtstoff versprüht, um die Ausbreitung von Keimen zu überprüfen. Spuren des Stoffes konnten nachher in einem Umkreis von fast 2000 Kilometern nachgewiesen werden. (Im Bild: Minneapolis)

AFP/Stephen Maturen

Der Friede nach dem Zweiten Weltkrieg währte nur kurz. Kaum war Nazi-Deutschland besiegt, tüftelten die beiden Supermächte USA und Sowjetunion bereits an neuen, noch verheerenderen Waffen. Der Kalte Krieg begann. Und mit ihm die atomare Aufrüstung, die beiden Ländern schnell die Fähigkeit gab, jede Zivilisation auszulöschen.

Doch mit der Entwicklung der Atombomben war es für die Militärs in Ost und West noch lange nicht getan. Im Geheimen arbeiteten beide Seiten auch an biologischen Waffen. Und genau wie Atombomben wollten auch diese auf ihre Effektivität getestet werden.

Gerade in dieser Hinsicht hatten die Biowaffen in den Augen ihrer Schöpfer einen riesigen Vorteil gegenüber den Nuklearwaffen, denn während Atombombentests einigen Lärm verursachten, konnten Biokampfstoffe praktisch überall beinahe unbemerkt ausprobiert werden. Zum Beispiel direkt in San Francisco.

800'000 Bewohner als Versuchskaninchen

Am 20. September 1950 spritzte die US-Marine von einem Schiff vor der kalifornischen Metropole eine Wolke von Mikroben in die Luft. Zweck der Übung war es zu testen, wie ein Angriff mit Biowaffen die 800'000 Bewohner der Stadt treffen würde.

In erster Linie traf es sie völlig unvermutet. Das Programm wurde nämlich unter grösster Geheimhaltung betrieben. Das Experiment in San Francisco dauerte sieben Tage, ohne dass jemand wirklich Verdacht schöpfte.

Einzig in einem Spital wurde man stutzig, als ein Mann eingeliefert wurde, der sich mit dem Bakterium Serratia marcescens angesteckt hatte. Der Keim kam in der Gegend eigentlich gar nicht vor. Kurz darauf starb der Patient.

Serratia marcescens war einer der Keime, den die Navy im Experiment verwendet hatte, wie der Bioterrorismus-Experte Leonard A. Cole Businessinsider.com sagte. Seinen Angaben zufolge weiss man heute von 239 Biowaffentests, die das US-Militär zwischen 1949 und 1969 durchführte.

Geheimnis bis in die 1970er-Jahre

Er bezeichnet es als unglaublich, dass die Verantwortlichen Millionen Menschen einer möglichen Gefahr ausgesetzt hätten. Alle die Stoffe, die damals im Test freigesetzt wurden, gelten heute als krankheitserregend.

Schliesslich wurde das Biowaffenprogramm 1969 von Präsident Richard Nixon beendet. Doch es dauerte bis weit in die 1970er-Jahre, bis die US-Bevölkerung erfuhr, «dass sie jahrzehntelang als Versuchskaninchen für Regierungsstellen diente», wie Cole in seinem Buch «Clouds of Secrecy: The Army's Germ Warfare Tests Over Populated Areas» schreibt.

Wolken über Städten

Tests zur Wirkung von biologischen oder chemischen Waffen wurden im ganzen Land durchgeführt. Cole berichtet davon, wie Flugzeuge den Leuchtstoff Zink-Cadmium-Sulfid über den Städten des Mittleren Westens abliessen. Zwar kam eine Untersuchung 1997 zum Schluss, dass für die Bevölkerung keine Gefahr bestanden habe, weist aber auch darauf hin, dass zum Zeitpunkt der Test noch kaum etwas über eine mögliche Toxizität des Stoffes bekannt war.

Den Verantwortlichen in den Städten wurde damals übrigens gesagt, mit den von den Flugzeugen verursachten Wolken werde getestet, wie man Städte im Falle eines Angriffs unsichtbar machen könnte.

Tests in der New Yorker Metro

1966 war sogar die New Yorker U-Bahn Schauplatz eines Biowaffentests. Forscher der Armee warfen mit Bakterien gefüllte Glühbirnen auf die Gleise und massen, wie sich die Keime im Tunnelsystem verbreiteten. Aufgrund der Sogwirkung fahrender Züge konnten sich an der 14. Strasse freigesetzte Bakterien problemlos bis zur 58. Strasse ausbreiten, wie ein beteiligter Wissenschaftler 1975 in einer Anhörung aussagte.

Zum Einsatz kamen in New York wieder das Bakterium Serratia marcescens sowie der Bacillus subtilis, der in sehr seltenen Fällen tödliche Infektionen auslösen kann, wie eine Studie der National Academy of Sciences feststellte.

Heute kaum mehr möglich

Cole listet in seinem Buch noch weitere Experimente auf, darunter die Behandlung von Kisten in einer Marinebasis mit Schimmelpilz sowie die Freisetzung von Keuchhusten-Erregern über Florida 1955. Allerdings sind laut dem Experten noch nicht alle Dokumente zu den Tests freigegeben worden. Und so sei nicht abzuschätzen, wie viel an Informationen zu den Tests noch fehlt.

Bleibt die Frage, wie sich die Situation heute präsentiert. Cole ist sich als absoluter Experte auf dem Gebiet ziemlich sicher, dass solche Tests heute nicht mehr denkbar sind. «Ich würde zwar nicht mein Leben darauf verwetten, dass nichts Unrechtmässiges passiert. Aufgrund von dem, was ich weiss, denke ich aber nicht, dass es gesetzwidrige Aktivitäten gibt, die Massen von Menschen gefährden, wie es in den 50er- und 60er-Jahren geschah», so Cole zu Businessinsider.com.

Deine Meinung