19.06.2016 07:21

Hunderte Tote

Die geheimnisvollen Skelette am Roopkund-See

Ein See voller Skelette gab Forschern jahrzehntelang Rätsel auf. Erst 62 Jahre nach der Entdeckung fanden Forscher die Erklärung.

von
F. Riebeling
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Der Roopkund-See (5029 Meter) ist auf den ersten Blick nicht mehr als eine unscheinbare Pfütze in ...

Der Roopkund-See (5029 Meter) ist auf den ersten Blick nicht mehr als eine unscheinbare Pfütze in ...

Flickr.com/Abhijeet Rane/CC BY 2.0
... der indischen Garwhal-Region, nahe Nepal.

... der indischen Garwhal-Region, nahe Nepal.

Screenshot Google Maps
Doch das nur in den Sommermonaten eisfreie Gewässer barg über viele Jahrhunderte ein dunkles Geheimnis.

Doch das nur in den Sommermonaten eisfreie Gewässer barg über viele Jahrhunderte ein dunkles Geheimnis.

Wikimedia Commons/Santanu/CC BY-SA 4.0

Als sich im Jahr 1942 Waldarbeiter in die indische Garwhal-Region aufmachten, gingen sie davon aus, dass es ein Tag wie jeder andere werden würde. Das änderte sich, als sie in 5029 Meter Höhe den Roopkund-See erreichten. Denn das kleine, kaum zwei Meter tiefe Gewässer war voller Skelette.

Erste Untersuchungen des fortan auch Skeleton Lake (Skelett-See) genannten Sees zeigten bald: Es handelte sich dabei um die sterblichen Überreste von rund 600 Menschen, wobei alle Schädel- und Schulterknochen merkwürdige Verletzungen aufwiesen. In den 1960er-Jahren kamen Forscher der Universität Michigan zum Schluss, dass die Gebeine etwa 800 Jahre alt waren.

Wenig Wissen, viele Vermutungen

Um wen es sich dabei handelte, wohin sie wollten und was ihren Tod herbeigeführt hatte, konnte jedoch niemand sagen. Und so bekam das Gewässer noch einen weiteren Spitznamen: Mystery Lake (Mysteriöser See). Gleichzeitig meldeten sich verschiedene Experten zu Wort – mit verschiedenen Erklärungsansätzen für die vielen knöchernen Opfer.

Manche Forscher vermuteten, dass die Toten zu Lebzeiten Händler gewesen und auf einer ihrer Touren ums Leben gekommen seien. Schliesslich war das Gebiet im Garwhal in früheren Jahrhunderten eine beliebte Route zwischen Indien und Tibet.

Andere waren hingegen davon überzeugt, dass es sich um eine «verschwundene Armee» handeln müsse. Wem die vermeintlichen Soldaten unterstanden haben könnten, darüber herrschte Uneinigkeit: Einige tippten auf die Untergebenen eines mittelalterlichen Mogul-Kaisers, die der Überlieferung nach auf dem Weg nach Tibet verloren gegangen waren. Andere, von den Wirren des Zweiten Weltkriegs Beeinflusste, meinten, es könnten japanische Soldaten gewesen sein, die versucht hatten, Indien über den Himalaja zu erobern.

Pest, Suizid oder zornige Göttin?

Wieder andere Wissenschaftler vertraten die Theorie, dass die Menschen an Pest gestorben und dann von ihren Angehörigen an den See gebracht worden seien, um weitere Ansteckungen in den bewohnten Gegenden zu vermeiden. Ebenfalls die Runde machte die These, die Menschen könnten kollektiv Suizid begangen haben. Doch dagegen – wie auch gegen die anderen Theorien – sprach, dass sie die Verletzungen nicht erklärte.

Als richtig entpuppte sich schliesslich eine Legende, welche sich die in der Region lebenden Menschen schon lange erzählten: Nach dieser hat sich einst eine grosse Gruppe von Pilgern aus dem indischen Bundesstaat Rajasthan aufgemacht, um die Göttin der Freude (Nanda Devi) zu ehren. Doch weil sie diese erzürnten, schickte sie einen gewaltigen Hagelsturm herab, der alle Pilger tötete.

Hagelkörner so gross wie Tischtennisbälle

Dass es sich tatsächlich so zugetragen hat, zeigte eine 2013 veröffentlichte Untersuchung von Forschern im Auftrag der «National Geographic Society». Sie zählten nicht nur die Knochen, sondern widmeten sich auch – als erste Forscher überhaupt – den Verletzungen.

So kamen sie einerseits zu dem Schluss, dass es sich «nur» um die Gebeine von 300 Menschen handelte, die dafür aber älter als 1000 Jahre waren. Andererseits stellten sie fest, dass die Opfer tatsächlich in ein Unwetter geraten waren und Tischtennisball grosse Hagelkörner den vielen Leben ein Ende gesetzt hatten. Damit war das Rätsel des Roopkund-Sees 62 Jahre nach den Knochenfunden endlich geklärt

Die Verletzungen brachten die Forscher schliesslich auf die richtige Fährte. (Video: Youtube/Atlas Obscura)

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