Selbst gemacHte Impfung: «Die Geimpften sind überglücklich, die Kritiker sind mir egal»
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Selbst gemacHte Impfung«Die Geimpften sind überglücklich, die Kritiker sind mir egal»

Arzt Winfried Stöcker sagt, er habe «die beste Impfung gegen Covid-19» entwickelt. Doch statt Applaus bekommt er Gegenwind: In Deutschland wird gegen ihn ermittelt. In der Schweiz hagelt es Kritik. Doch es gibt auch eine Chance für ihn.

von
Fee Anabelle Riebeling
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Winfried Stöcker hat laut eigenen Angaben «die beste Impfung gegen Covid-19» entwickelt. (Im Bild: Stöcker mit seiner Ehefrau Lei Zhu)

Winfried Stöcker hat laut eigenen Angaben «die beste Impfung gegen Covid-19» entwickelt. (Im Bild: Stöcker mit seiner Ehefrau Lei Zhu)

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Der 74-jährige ist kein Unbekannter. 1987 gründete er die Firma Euroimmun, die er 2017 aus Altersgründen verkaufte. Das Unternehmen lieferte etwa Coronavirus-Tests für die Heinsberg-Studie des Virologen Hendrik Streeck.

Der 74-jährige ist kein Unbekannter. 1987 gründete er die Firma Euroimmun, die er 2017 aus Altersgründen verkaufte. Das Unternehmen lieferte etwa Coronavirus-Tests für die Heinsberg-Studie des Virologen Hendrik Streeck.

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Mir der Entwicklung von Stöckers Corona-Impfstoffs hat das Unternehmen allerdings nichts zu tun. 

Mir der Entwicklung von Stöckers Corona-Impfstoffs hat das Unternehmen allerdings nichts zu tun.

20min/Matthias Spicher

Darum gehts

  • Der erweiterte Impfstoff-Selbstversuch von Winfried Stöcker stösst auf Kritik.

  • In Deutschland wird gegen ihn ermittelt, in der Schweiz wird sein Vorgehen scharf verurteilt.

  • Stöcker teilt indes selbst aus.

Es klingt zu gut, um wahr zu sein: Während sich alle Welt angesichts der Ausbreitung der verschiedenen Virus-Varianten um die Wirksamkeit der Impfstoffe sorgt, lässt der deutsche Mediziner und Unternehmer Winfried Stöcker verlauten, er habe «die beste Impfung gegen Covid-19» entwickelt. Die Daten, auf die er sich bezieht, liefert der 74-Jährige gleich mit (siehe Bildstrecke).

Doch damit nicht genug: Mit dem Impfstoff «könnte man innerhalb eines halben Jahres drei Viertel der Bevölkerung Deutschlands gegen Corona immunisieren», erklärt Stöcker während eines Laborbesuchs dem «Spiegel». Das Antigen, auf dem sein Präparat basiert, bewahrt der Tüftler in einer Ampulle in einem Konfiglas auf. Auch für die Schweiz könnte sein Präparat (siehe Box) die Lösung sein, so Stöcker zu 20 Minuten: «Für 8,6 Millionen Schweizer könnten wir den Impfstoff innerhalb weniger Monate herstellen. Und das Verimpfen wäre eine Leichtigkeit.»

Um was für einen Impfstoff handelt es sich?

Um einen Totimpfstoff, auch als inaktivierter Impfstoff bekannt. Ein solcher enthält nur abgetötete Krankheitserreger, die sich nicht mehr vermehren können, oder auch nur Bestandteile der Erreger. Bei Stöckers Präparat ist es laut seiner Auskunft das Antigen S1 des Sars-CoV-2. das er im eigenen Labor rekombinant, also gentechnisch, hergestellt hat. Dieses wird vom Körper als fremd erkannt und regt das körpereigene Abwehrsystem zur Antikörperbildung an, ohne dass die jeweilige Krankheit ausbricht. Auf diese Weise funktionieren etwa Impfstoffe gegen Polio, Tetanus, Keuchhusten und Diphtherie.

Auch die chinesischen Pharmafirmen Sinovac und Sinopharm sowie Bharat Biotech in Indien forschen an dieser Art Impfstoffen. Wie gut die insgesamt vier Präparate vor einer Coronainfektion schützen, ist derzeit allerding noch unklar. Denn verlässliche Daten gibt es bislang nicht.

Abkürzung genommen

Mit seiner Überzeugung steht Stöcker, der in Gross Grönau bei Lübeck zuhause ist, in Fachkreisen jedoch weitgehend alleine da: In Deutschland wurde ein Ermittlungsverfahren gegen ihn eingeleitet – wegen des Verstosses gegen das Arzneimittelgesetz. Und auch Fachleute in der Schweiz zeigen sich ob der Meldung entsetzt. Die Reaktionen gründen alle auf ein und demselben Punkt: dem Vorgehen Stöckers.

Stand der Ermittlungen

Das Ermittlungsverfahren lässt den 74-jährigen Winfried Stöcker kalt. Sein Anwalt, Wolfgang Kubicki, der als FDP-Vize im Deutschen Bundestag sitzt, liess laut Spiegel.de verlauten, sein Mandant habe keine klinische Prüfung durchgeführt. Er habe vielmehr das Antigen im Rahmen »individueller Heilversuche« gespritzt. Daher habe er auch keine Herstellungserlaubnis benötigt. Der Ausgang des Verfahrens ist offen.

Denn während renommierte Impfstoffhersteller bei der Entwicklung und Erprobung ihrer Vakzin-Kandidaten einem bestimmten Ablauf folgen (siehe Box), hat der Deutsche eine Abkürzung genommen: Ohne lange präklinische Untersuchungen injizierte er seinen Impfstoff zunächst sich, dann seiner Familie. Mittlerweile hat er das Antigen laut Medienberichten auch 120 Freiwilligen gespritzt.

Warum? «Die Not rechtfertigt unkonventionelle Mittel – bei dieser Pandemie kann man nicht zwei Jahre warten, bis wie bei anderen Impfstoffen letzte Zweifel über mögliche Nebenwirkungen beseitigt sind», erklärt der Gründer und ehemalige Geschäftsführer von Euroimmun, einer Firma für Labordiagnostik. «Hier muss schnell gehandelt werden.»

Die drei Phasen der Impfstoffentwicklung

Bevor ein Impfstoff zugelassen wird, durchläuft er – nach ersten Prüfungen im Labor und an Tiermodellen – drei klinische Testphasen:

In Phase I erhält eine kleine Anzahl gesunder Freiwilliger das Mittel. An ihnen wird untersucht, ob das Immunsystem reagiert und welche Nebenwirkungen auftreten. Auch Dosierungen können getestet werden.

In Phase II werden Impfungen auch an vorerkrankten Menschen erprobt. Zudem wird geprüft, ob das Medikament die Krankheit sicher verhindern kann. Mitunter werden Phase I und II kombiniert, um Zeit zu sparen.

Ob ein Mittel tatsächlich zugelassen wird, darüber bestimmt das Ergebnis aus den Phase-III-Studien. In diesen bekommen zehntausende Freiwillige den Impfstoff verabreicht, um seine Wirkung und Sicherheit zu bestätigen.

Kritik an Vorgehensweise

Schnell ja, aber nicht zu schnell und vor allem nicht auf diese Art, befand man beim Paul-Ehrlich-Institut. Dorthin hatte sich Stöcker mit der schriftlichen Bitte um Zustimmung gewendet, «dass wir umgehend diese bagatellartige Immunisierung mit einer grösseren Zahl Freiwilliger nachvollziehen, um festzustellen, ob es auch bei diesen keine Nebenwirkungen gibt.» Doch statt diese zu erteilen, hat man ihn «kaltschnäuzig verklagt.»

Christoph Berger, Präsident der Eidgenössischen Kommission für Impffragen (EKIF), hat Verständnis für die Reaktion der deutschen Kollegen, denn «die Zeiten, in denen man irgendwo im Labor etwas zusammenmixt, die man dann irgendjemandem in den Muskel sticht, die sind eigentlich definitiv vorbei.» Stöcker sei in keinster Weise standardisiert vorgegangen – weder bei der Herstellung noch bei den Versuchen. «Die Art wie das Rezept formuliert ist – es beginnt mit ‹Man nehme ...› – passt für ein Spaghetti-Rezept, aber nicht für eine Impfung, der wir Probanden aussetzen und von der wir uns schlussendlich zuverlässigen Schutz versprechen.»

«Ethische Grundsätze für die medizinische Forschung am Menschen sind klar geregelt»

Auch der Kommentar vom Schweizerischen Heilmittelinstitut Swissmedic ist deutlich: «Das Vorgehen ist äusserst fragwürdig und widerspricht der Helsinki-Deklaration (siehe Box)», so Sprecher Lukas Jaggi. «Zum Schutz von uns allen sind die ethischen Grundsätze und die Evidenz der wissenschaftlichen Forschung international klar geregelt.» Daneben müssten Beobachtungen, und seien sie auf den ersten Blick noch so vielversprechend, zuerst mit klinischen Daten und Kontrollgruppen untermauert werden. «Wer hat die Sicherheit, Wirksamkeit und Qualität dieses ‹Stoffs› vor der Anwendung überprüft?», fragt Jaggi. Aus seiner Sicht hat der Deutsche «von guter Laborpraxis über gute Herstellungspraxis über gute klinische Praxis oder Sorgfaltspflichten im Schweizerischen Heilmittelgesetz so ziemlich alles strapaziert, was es zu strapazieren gibt.»

Helsinki-Deklaration?

Dabei handelt es sich um eine Deklaration des Weltärztebundes zu ethischen Grundsätzen für die medizinische Forschung am Menschen. Sie wurde von der 18. Generalversammlung des Weltärztebundes in Helsinki im Juni 1964 verabschiedet. Seither wurde der Text mehrfach revidiert, zuletzt im Jahr 2013. Die Deklaration gilt allgemein als Standard ärztlicher Ethik und wird in vielen Ländern angewendet, allerdings in unterschiedlichen Fassungen. Die World Medical Association (WMA) akzeptiert allerdings nur die jeweils aktuelle Version als gültig.

Stöcker selbst interessieren die Kritikpunkt nicht. Gegenüber Spiegel.de verweist er auf die positiven Bewertungen der Virologen Christian Drosten und Hendrik Streeck: Beide hätten die Wirkung seines Impfstoffs bestätigt. Davon will zumindest Drosten nichts wissen. Schon vorab habe er erklärt, das Ganze als «diagnostische Untersuchung» und «weniger als einen Test einer Impfstoff-Wirksamkeit» zu sehen, so das Magazin.

Das sieht auch EKIF-Präsident Berger so: «Stöcker hat nur die Immunantwort, nicht aber die Wirksamkeit seines Präparats untersucht.» Das unterscheide seine Studie von den klassischen anerkannten Impfstoffstudien: «In diesen wird die Hälfte der Teilnehmer geimpft, die andere erhält nur ein Placebo», erklärt Berger das gängige Vorgehen. «Dann wird geschaut, ob die Geimpften die Infektion weniger bekommen als die nicht Geimpften – das hat Stöcker nicht gemacht.» Das sei aber absolut essentiell.

«Der Erfolg gibt uns Recht»

An Stöcker prallt das alles ab: «Die Impfung schützt vor einer Ansteckung.» Von 20 Minuten auf die Kritik angesprochen, antwortet er: «Der Erfolg gibt uns recht, so gut wie keine Nebenwirkungen, schnell hohe neutralisierende Antikörperspiegel, jetzt, und nicht am Sankt Nimmerleinstag.» Und weiter: «Alle Geimpften sind überglücklich. Die Ansichten der Beckmesser (kleinliche, pedantische Kritiker, Anm. d. Redaktion) sind mir gleich.»

Dabei schliessen die so Bezeichneten gar nicht aus, dass Stöckers Mixtur halte, was er so vollmundig verspricht. Er müsse seine Aussagen nur seriös belegen können, so Christoph Berger. «Um das weiter zu verfolgen braucht es die entsprechend vorgesehenen Studien, ohne dies wissen wir es nie und ohne dies kann man heute eine solche Impfung nicht empfehlen.» Würde Stöcker diese liefern, könnte man das Ganze prüfen. Ein solches Vorgehen sei zwar zeitaufwendig, aber absolut notwendig, denn «wer gesunden Menschen etwas spritzen will, braucht Sicherheit, dass nichts schiefgeht.» Stöcker sei praktisch in der Bringepflicht.

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Hier findest du Hilfe:

BAG-Infoline Coronavirus, Tel. 058 463 00 00

BAG-Infoline Covid-19-Impfung, Tel. 058 377 88 92

Dureschnufe.ch, Plattform für psychische Gesundheit rund um Corona

Branchenhilfe.ch, Ratgeber für betroffene Wirtschaftszweige

Pro Juventute, Tel. 147

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