Nationalbank greift ein: Die Geldpumpe ist angeworfen
Aktualisiert

Nationalbank greift einDie Geldpumpe ist angeworfen

Die Nationalbank (SNB) wird aktiv im Kampf gegen den starken Franken. Noch vor einem Monat sah sie keinen Handlungsbedarf. Was hat sich seither geändert?

von
Balz Bruppacher
Die Liquidität am Geldmarkt wird erhöht.

Die Liquidität am Geldmarkt wird erhöht.

Der beschleunigte Absturz von Euro und Dollar seit Wochenbeginn ruft die Schweizerische Nationalbank (SNB) auf den Plan. Sie beschloss Massnahmen, mit denen die Liquidität auf dem Geldmarkt erhöht wird. Mit der Drohung, bei Bedarf weitere Schritte zu ergreifen, machte sie zugleich klar, dass das Aussitzen der Frankenaufwertung kein Thema mehr ist.

Aus heutiger Sicht bestehe in der Geldpolitik kein Handlungsbedarf, hatte Nationalbank-Präsident Philipp Hildebrand vor knapp einem Monat in einem Interview der «SonntagsZeitung» gesagt. Was hat sich seither geändert? SNB-Sprecher Walter Meier spricht von einem Doppelschlag. Einerseits habe sich die Aufwertung des Frankens seit der letzten geldpolitischen Lagebeurteilung beschleunigt. Und anderseits hätten sich die globalen Wirtschaftsaussichten verdüstert.

Die gegenwärtige Frankenstärke bedrohe die Wirtschaftsentwicklung auch in der Schweiz und erhöhe die Abwärtsrisiken für die Preisstabilität in der Schweiz, heisst es in der kurzen SNB-Mitteilung. Abwärtsrisiken für die Preisstabilität heisst, dass die Nationalbank jetzt auch wieder mit einer Deflationsgefahr rechnet. Damit hatte sie im Mai letzten Jahres die umstrittenen Interventionen am Devisenmarkt begründet. Sie sind insofern verpufft, als sich der Franken seither sukzessive weiter aufgewertet hat. Und auf den zugekauften Euro und Dollar entstanden Verluste in zweistelliger Milliardenhöhe.

Symbolische Zinssenkung im Nullbereich

Von neuen Interventionen ist in der SNB-Mitteilung nicht die Rede. Die Notenbank beschreitet vielmehr einen anderen Weg. Sie senkt zum einen den Leitzins noch näher an die Nullmarke. Galt bisher ein Zielband von 0 bis 0,75 Prozent für den Dreimonats-Geldmarktzins sind es neu 0 bis 0,25 Prozent. Es handelt sich dabei mehr um einen symbolischen Schritt, weil dieser Satz ohnehin nahe beim Nullpunkt lag und die Banken fast gratis Geld ausleihen können.

Zum anderen will die SNB die Giroguthaben der Banken bei der Nationalbank in den nächsten Tagen von 30 auf 80 Milliarden Franken ausdehnen. Mit sofortiger Wirkung vezichtet sie deshalb darauf, die Liquidität abzuschöpfen, die sie mit den Interventionen in den letzten beiden Jahren geschaffen hatte. Und zwar so lang, bis der angestrebte Girobestand erreicht ist. Die Nationalbank kündigte zudem an, sie werde die Entwicklung am Devisenmarkt sehr aufmerksam beobachten und bei Bedarf weitere Massnahmen gegen die Frankenstärke ergreifen.

Noch kein Griff in den Giftschrank

Damit meinen die Währungshüter wohl den Griff in den Giftschrank. Naheliegend wäre die Festlegung eines Wechselkursziels, wie dies die Nationalbank letztmals im Jahre 1978 im Kampf gegen den Kurszerfall der D-Mark getan hatte. SNB-Sprecher Meier wollte nicht über einen solchen Schritt spekulieren.

Die grosse Frage ist, ob die Massnahmen ausreichen, um den Aufwertungstrend des Frankens zu brechen. Die ersten Reaktionen auf dem Markt scheinen der Nationalbank Recht zu geben, legte doch der Euro am Mittwochvormittag fast zweieinhalb Prozent auf deutlich über 1,10 Franken zu. Auch der Dollar verteuerte sich, blieb aber vorerst unter 78 Rappen.

Test für Kampfbereitschaft und Glaubwürdigkeit steht noch aus

Händler erwarten, dass die Kampfbereitschaft der Nationalbank bald getestet wird. Dies wird auch zu einem Glaubwürdigkeitstest. Sollte sich herausstellen, dass die Währungshüter nur halbherzig gegen die Frankenaufwertung kämpfen, muss mit neuen Spekulationswellen gerechnet werden. Voll des Lobes ist der Chefökonom der Bank Julius Bär, Janwillem Acket. «Die Nationalbank hat Mut bewiesen und macht das absolut Richtige», sagte er. Auch das Timing sei richtig. «Jetzt kann man nur hoffen, dass es wirkt», bemerkte Acket. Die in den Franken geflüchteten Anleger dürften allerdings erst dann kalte Füsse bekommen, wenn die Schweiz etwas von ihrem Nimbus als wirtschaftspolitisches Wunderland verliert.

Bundesrat begrüsst die Massnahmen

Der Bundesrat begrüsst die Massnahmen der Schweizerischen Nationalbank gegen die Frankenstärke. Dies teilte die Bundeskanzlei am Mittwoch nach einer Telefonkonferenz der Landesregierung mit.

Der Bundesrat nehme die wachsende Belastung von Exportindustrie, Detailhandel, Schweizer KMU und Tourismus ernst, hielt er fest. Sofortmassnahmen seien jedoch «nicht zielführend». Sollte der Euro weiter an Wert verlieren, müsse mit einer stärkeren Abschwächung des Wirtschaftswachstums gerechnet werden. Die Lage werde - zusammen mit der Nationalbank - auch in der Sommerpause laufend beurteilt.

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