21.06.2019 11:18

Überfälle«Die Geldtransporter werden ausgespäht»

Gruppierungen aus Frankreich beobachten mit Geld beladene Wagen genau und haben schon mehrmals zugeschlagen. Die Branche fordert mehr Schutz.

von
B. Zanni

Der betroffene Lieferwagen zählt zu einem Konzern, dessen Fahrzeuge nicht zum ersten Mal geplündert wurden. (Video: 20 Minuten)

Unbekannte übten in der Nacht auf Donnerstag in Mont-sur-Lausanne VD auf einen Geldtransporter einen Raubüberfall aus. Der betroffene Lieferwagen gehört zu einem Konzern, dessen Fahrzeuge nicht zum ersten Mal geplündert worden sind. In der Nähe von Lyon raubten vier Bewaffnete im Dezember 2016 70 Kilogramm Gold im Wert von 2,5 Millionen und sperrten zwei Mitarbeiter in den Geldtransporter ein.

Zudem geriet der Konzern in die Schlagzeilen, weil seine Fahrer selbst Geld erbeutet hatten. Im Februar 2019 machte sich ein Fahrer mit umgerechnet rund einer Million Franken in Aubervilliers nahe Paris aus dem Staub, 2009 raubte ein Fahrer in Lyon 17,5 Millionen Franken aus dem Transporter.

«Branche muss mit Überfällen rechnen»

Bei der betroffenen Werttransportfirma heisst es, dass ihre Geldtransporter gut gesichert seien. «In unserer Branche muss man damit rechnen, dass es zu Überfällen kommt», so die Firma, die aus Sicherheitsgründen anonym bleiben will. Die Branche entwickle sich bezüglich Sicherheitsvorkehrungen weiter. «Leider feilen aber auch unsere Gegner an Mitteln, um an transportiertes Geld zu kommen.»

Attacken auf Geldtransporter kommen in der Schweiz regelmässig vor (siehe Box). Besonders oft schlagen die Räuber aber in der Westschweiz zu. In den vergangenen Jahren seien vor allem Gruppierungen aus Frankreich in Erscheinung getreten, schreibt Lulzana Musliu, Mediensprecherin des Bundesamts für Polizei (Fedpol). «In der Schweiz gab es die Fälle aufgrund der Nähe zu Frankreich insbesondere in der Romandie.»

«Taten werden aufwendig geplant»

Laut Musliu sind Überfälle auf Geldtransporter ein internationales Phänomen, das sich weder an Kantons- noch Landesgrenzen hält. «Die Taten werden in der Regel aufwendig geplant und gut organisiert. Die Routen und Fahrzeiten des Geldtransportes müssen ausgespäht werden.» Dann werde der Wagen angehalten und die Kuriere würden ausser Gefecht gesetzt. Aktiv seien unterschiedliche kriminelle Gruppierungen. Das Fedpol beurteilt Überfälle auf Geldtransporter als grundsätzlich selten.

Ein Insider aus dem Geldtransportbusiness verrät, dass die Transporter ihre Fahrzeiten und Routen ständig änderen. Doch beim Überfall im Jahr 2018 in Mont-sur-Lausanne wählten die Räuber eine Route, die für die Transporteure praktisch unumgänglich war, um zu ihrem Standort zurückkehren zu können.

«Besserer Schutz für Transporter»

«Es wird vermutet, dass die Täter oft aus dem Raum Lyon stammen und das erbeutete Geld in illegalen Kreisen landet», sagt Matthias Fluri, Generalsekretär des Verbands Schweizerischer Sicherheitsdienstleistungs-Unternehmen VSSU. Nach den Überfällen flüchteten sie wohl über die Landesgrenze, um sich einem polizeilichen Eingriff zu entziehen.

Laut Fluri sind die Geldtransporter im Rahmen der Möglichkeiten gut geschützt. Es gebe aber Verbesserungspotenzial. Aufgrund des Nacht- und Sonntagsfahrverbots für schwere Motorwagen seien für Geldtransporter keine schweren Motorwagen zugelassen. «Wir setzen uns dafür ein, dass Geldtransporter mit schweren Motorwagen auch in der Nacht erlaubt werden. Auf diese Weise wäre man besser vor Überfällen geschützt.»

Risiko besteht wohl immer

Geldtransporte werden von Lieferwagen ausgeführt. Diese Fahrzeuge zählen zur Kategorie leichte Motorwagen. Fahrzeuge, die 3500 Kilogramm überschreiten, fallen laut Verordnung hingegen in die Kategorie schwere Motorwagen. Etwa durch eine zusätzliche Panzerung geschützte Lieferwagen würden den schweren Motorwagen zugeteilt.

Laut Fluri können aber auch Überfälle aus den eigenen Reihen nie ganz ausgeschlossen werden. «Jedes Sicherheitsunternehmen trifft im Rahmen der Möglichkeiten die entsprechende Abklärungen. Trotzdem besteht am Schluss wohl immer ein Risiko.»

Überfälle

Januar 2019: Ganoven erbeuteten in Oftringen AG aus einem Transporter einen grossen Geldbetrag.

April 2018: Eine Gruppe von Unbekannten überfiel in Mont-sur-Lausanne VD einen Geldtransporter und bedrohte die Fahrer mit Kalaschnikows. Wie im aktuellen Fall steckten die Räuber das Fahrzeug in Brand. Die Täter wurden bis heute nicht gefasst.

Februar 2018: Männer, die sich als Handwerker ausgaben, entführten die Tochter eines Geldtransporter-Fahrers. Für die Freilassung der Tochter forderten die Männer vom Fahrer auf einem Parkplatz in der Nähe von Charvonay VD die gesamte Ladung seines Geldtransporters, was 20 bis 30 Millionen Franken entsprochen haben soll.

Mai 2017: Sieben Täter erbeuteten in der Nähe von Nyon Juwelen und Bargeld im Wert von rund 45 Millionen Franken aus einem Transporter.

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