Aktualisiert 08.02.2010 10:38

Proteste im IranDie Geschichte wiederholt sich nicht

Am 11. Februar, dem Jahrestag der islamischen Revolution gegen den Schah, sind im Iran neue Proteste von Regimegegnern angesagt. Allerdings warnen Oppositionelle im In- und Ausland: Vergleiche zwischen 1979 und heute sind wenig hilfreich – und gefährlich.

von
Omid Marivani
Proteste 1979 und 2009: Es gibt beträchtliche Unterschiede. (Bild: Keystone)

Proteste 1979 und 2009: Es gibt beträchtliche Unterschiede. (Bild: Keystone)

Unter dem Titel «Irans 'zweite Revolution' – schon wieder» enthüllt der iranische Blogger Cyrus Sadfari mit sichtlichem Hohn, wie die westliche Presse dem Gottesstaat seit seiner Gründung vor 30 Jahren das nahe Ende voraussagt. Sein Fazit: «Regimes kommen und gehen, aber Hype und Wunschdenken bleiben.» Damit spielt er auf jene Kreise an, die alles, was im Iran passiert, als Anzeichen für die nächste, unmittelbar bevorstehende Revolution deuten – nicht weil es zwischen 1979 und heute zwingende Parallelen gäbe, sondern weil sie sich nichts sehnlicher wünschen als ein schnelles Ende der Islamischen Republik.

In dieser Hoffnung und durch ihre «revolutionäre Brille» verfolgen sie die Nachrichten und erleben dabei ein Déjà-vu nach dem anderen: Dieselben nächtlichen Sprechgesänge (Gott ist gross), dieselben Sprechchöre an den Demonstrationen (Nieder mit X), dieselben hochgereckten Hände mit dem Blut der Toten (schiitischer Märtyrertod), dieselben Verschwörungstheorien der Regierung (BBC steckt dahinter), dieselben mysteriösen Attentate (Ermordung des iranischen Atomphysikers, Brandanschlag auf das Kino Rex). Selbst der neutrale Betrachter reibt sich manchmal die Augen und wähnt sich in einem Dokumentarfilm über die Revolution von 1979. Alles nur Zufall?

Voraussetzungen nicht gegeben

Die Vergleiche sind nicht nur irreführend, sie sind auch gefährlich, warnt der iranische Oppositionelle Ezzatollah Sahibi in einem offenen Brief. Er verlässt in seiner Analyse die Zeichen an der Oberfläche und vergleicht die gesellschaftlichen Verhältnisse damals mit heute. «Jede Revolution setzt eine bipolare Gesellschaft voraus. Wir sind uns aber einig, dass die iranische Gesellschaft fragmentiert ist, von religiösen und sehr traditionellen Menschen bis zu Atheisten, von rechtsgerichteten Konservativen zu linksgerichteten Aktivisten. Seid vorsichtig, diese Regierung, die sich unter fragwürdigen Umständen an der Macht gehalten hat, verfügt immer noch über einige Millionen Stimmen.»

Mit anderen Worten: die Situation heute ist multipolar, nicht bipolar wie damals, als sich der Schah und eine klare Mehrheit Irans gegenüber standen. Eine «Revolutionierung» der Proteste könnte eine Bipolarisierung herbeiführen, aber zum Vorteil der Regierung, nicht der Opposition, befürchtet Sahabi: «Wir müssen uns davor hüten, traditionelle Gesellschaftsgruppen in die Arme der Regierung zu treiben, indem wir unsere Forderungen radikalisieren. Die Opposition ist eine fragmentierte Bewegung, in der extreme Parolen Zweifel und Zwietracht hervorrufen, die Gegenseite aber vereinen werden.»

Derselbe Ort, eine andere Welt

Mit dem Blogger Sadfari teilt er die Ansicht, dass die radikalsten – und schädlichsten Forderungen aus dem Ausland kommen. Eine der Reaktionen auf seinen Brief lautet denn auch: «Der einzige Weg, dieses kriminelle Regime zu stürzen, ist zurückzuschlagen. Wach auf mein Freund, genug geträumt.»

Doch die Geschichte wiederholt sich nicht, wie jeder seriöse Historiker jederzeit bestätigen wird. Zuviel ist in 30 Jahren passiert, zu verschieden ist der heutige Iran von jenem Hexenkessel Ende der 70er-Jahre. Oder wie ein Iraner beim Anblick seiner Geburtsstadt resigniert feststellte, die der nach Jahrzehnten in der Fremde zum ersten Mal wieder besuchte: «Derselbe Ort, aber eine andere Welt.»

Sieben Oppositionelle verhaftet

Im Iran sind sieben Oppositionelle verhaftet worden, weil sie Proteste bei den Feiern zum 31. Jahrestag der Islamischen Revolution am 11. Februar vorbereitet haben sollen. Sie seien wegen Kontakten zu «konterrevolutionären und zionistischen Netzwerken» und wegen Aufruhrs verhaftet worden, berichteten örtliche Medien unter Berufung auf das Geheimdienstministerium. Demnach sollen sie Kontakte zu «Radio Farda» gehabt haben, einem von den USA finanzierten iranischen Radiosender in Prag. Einige von ihnen seien auch von einem «US-Spionage-Dienst» angeheuert worden. Die Festgenommenen hätten eine wichtige Rolle dabei gespielt, Nachrichten aus dem Iran im Ausland zu verbreiten, teilte das Ministerium weiter mit. (sda)

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