Vom Druck zur Depression: Die Globalisierung macht uns krank
Aktualisiert

Vom Druck zur DepressionDie Globalisierung macht uns krank

Die Zahl von Depressionen hat laut einer Studie nicht zuletzt wegen der Umwälzungen auf dem Arbeitsmarkt zugenommen – vor allem bei Jungen. Doch das ist nur eine Seite der Wahrheit.

von
Elisabeth Rizzi
Die wirtschaftliche Globalisierung hat unser Arbeitsleben verändert. Die zunehmende Flexibilisierung und Arbeitssicherheit macht viele Menschen depressiv.

Die wirtschaftliche Globalisierung hat unser Arbeitsleben verändert. Die zunehmende Flexibilisierung und Arbeitssicherheit macht viele Menschen depressiv.

Die wirtschaftliche Globalisierung schlägt auf die psychische Gesundheit – und zwar auch hierzulande. Eine Studie der Kalaidos Fachhochschule Schweiz zeigt, wie die Globalisierung in den letzten 25 Jahren unser Arbeitsleben beeinträchtigt hat: Der Druck und die Flexibilisierung im Beruf haben zugenommen. Gleichzeitig sind die sozialen Netzwerke zerfallen – allen voran die Familien.

Beides zusammen trägt laut der Studie zu einem Anstieg depressiver Erkrankungen bei. Denn das Entstehen von Depressionen lässt sich zu 65 Prozent auf äussere soziale Faktoren zurückführen. Nur 35 Prozent macht dagegen die genetische Veranlagung aus.

Verlorener Optimismus

Um die Erkenntnisse aus der Wissenschaftstheorie in der Praxis nachzuweisen, hat Autor Rochus Troger die konkrete Situation in Zürich untersucht, dem wirtschaftsstärksten Kanton der Schweiz. Am stärksten anfällig auf depressive Erkrankungen sind laut der Studie Kinder und Jugendliche. Sie würden bezüglich Schutz und Betreuung vernachlässigt und erleben durch ihre gestressten Eltern das Arbeitsleben negativ. Gleichzeitig verlieren sie ihren Optimismus sowie die Überzeugung, die Dinge in ihrem Leben kontrollieren oder sich selbst verwirklichen zu können.

Bei den jungen Menschen hat die Zahl der Erkrankungen zumindest im Kanton Zürich besonders deutlich zugenommen. Auch bei Migranten sind die psychische Belastung und damit die Anfälligkeit auf eine depressive Erkrankung überdurchschnittlich stark ausgeprägt.

Die volkswirtschaftlichen Konsequenzen der Depression sind beträchtlich. So entstehen laut Troger jährlich direkt messbare Kosten in Bezug auf Depression von mehr als 300 Millionen Euro allein im Kanton Zürich. Der Autor schätzt die indirekten Kosten bzw. die Dunkelziffer allerdings bedeutend höher. Seine Schlussfolgerung: Das Arbeitsleben muss wieder humaner gestaltet werden.

«Früher war alles besser»

Für Niklas Baer von der Psychiatrie Baselland und Mitglied der OECD-Projektgruppe «Mental Health and Work» ist das allerdings nur die halbe Wahrheit. «Weder ist sicher, dass die Belastungen insgesamt im Arbeitsleben gestiegen sind, noch ist bewiesen, dass Depressionen zugenommen haben», warnt er. So könne auch die veränderte Bereitschaft der Bevölkerung, psychische Probleme zuzugeben, zu einem Behandlungsanstieg führen.

«Klar ist bloss, dass sich die Lebensverhältnisse laufend ändern, dass es aber ein starkes Bedürfnis gibt zu denken, dass früher alles besser war», so der Experte. Klar sei auch, dass es heute viel mehr professionalisierte Strukturen für Kinder und Eltern gäbe.

Doch auch Baer gibt zu, dass nicht alles zum Besten steht. Tatsächlich warnt auch seine Arbeitsgruppe, dass innerhalb der OECD-Länder psychische Erkrankungen ein wachsendes Problem sind, die das Wohlbefinden und die Produktivität am Arbeitsplatz beeinträchtigen.

Statt Giesskannenprinzip für alle fordert er aber gezielte Schritte gegen die Ausgrenzung. «Flexibilisierung ist nicht per se schlecht. Aber die Veränderungen in der Arbeitswelt und die Professionalisierung von Hilfen sollten nicht dazu führen, dass immer mehr psychisch belastete Personen aus den Betrieben ausgegliedert werden», so Baer. Damit meint er vor allem frühzeitiges Eingreifen und Behandeln.

Der Arbeitspsychologe fordert nicht nur Arbeitgeber und die Invalidenversicherung auf, nicht wegzusehen, sondern auch die behandelnden Ärzte. «Sie werden meist zu wenig oder zu spät aktiv, erst wenn die Patienten schon vom Stellenverlust bedroht sind.» Daneben sollte auch mehr in junge Menschen investiert werden. Gerade bei psychisch verletzlichen Jungen sei mehr Unterstützung nötig, um den Übergang von der Schule ins Erwerbsleben nachhaltig zu sichern.

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