Im Griff der Kartelle: Die «Goldküste» wird zur «Koksküste»

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Im Griff der KartelleDie «Goldküste» wird zur «Koksküste»

Einst galt Westafrikas Küstenlinie als «Goldküste». Doch zunehmend wird der Küstenstreifen zur «Koksküste». Die oft bitterarmen Länder der Region entwickeln sich zunehmend zu Transit- und Umschlagplätzen der südamerikanischen Drogenmafia. Drogenbarone glauben sich dort vor Strafverfolgung sicher.

UNO-Beamte warnten schon vor Jahren, Guinea-Bissau könne der erste «Drogenstaat» Afrikas werden. Denn das arme Land, einst eine portugiesische Kolonie, ist schon wegen der geringen Sprachprobleme bei Kriminellen aus Brasilien oder Kolumbien beliebt: Portugiesisch ist die wichtigste Sprache des kleinen Landes südlich von Senegal.

«Geschäftsleute» in Clubs

Noch vor wenigen Jahren, als die ersten Päckchen mit Kokain an die Küste Guinea-Bissaus geschwemmt wurden, waren die Fischer völlig ahnungslos, was sie da zufällig aus dem Meer geholt hatten.

Ein Mann soll das Pulver in Farbe gekippt haben, um sein Boot zu streichen. Sogar ein Fussballfeld wurde laut Medienberichten mit Kokain markiert. Doch diese Zeiten sind vorbei. Südamerikanische «Geschäftsleute» sitzen heute in den Clubs der Hauptstadt Bissau.

Es waren vor allem die Erfolge der Drogenfahnder in der Karibik und in Europa, die Westafrika für die Drogenmafia interessant machten. Ein Bericht von US-Drogenfahndern nennt gleich mehrere «Pluspunkte» für Drogenhändler in Westafrika.

Zum einen ist der Transport auf dem Luftweg kurz, zum anderen ist von Brasilien oder Venezuela aus auch ein Schiffstransport möglich. Westafrika liegt strategisch günstig auf halbem Weg zwischen Südamerika und Europa.

Polizei und Sicherheitskräfte stellen in den politisch oft nicht gerade stabilen Ländern der Region kein grosses Risiko für die Drogenhändler dar. Mit ihrem Geld können sie Beamte und hohe Politiker bestechen.

Boom beim Export von Kokain

Antonio Maria Costa, Direktor der UNO-Behörde zur Bekämpfung von Drogen (UNODC), sagte im November: «Im 19. Jahrhundert hat Europas Hunger nach Sklaven Westafrika verwüstet. Zweihundert Jahre später könnte der wachsende Hunger nach Kokain die gleiche Wirkung haben.»

Wurden zwischen 1998 und 2003 in Westafrika jährlich noch rund 600 Kilogramm Kokain pro Jahr sicher gestellt, verfünffachte sich diese Menge seitdem. Inzwischen gehen die Experten von 50 Tonnen Kokain aus, die jährlich über Westafrika nach Europa gelangen.

UNOCD schätzt, dass derzeit etwa ein Viertel des für den europäischen Markt bestimmten Kokains über die Drehscheibe Westafrika eingeschmuggelt wird, Interpol geht sogar von einem Drittel aus.

Kaum Chancen für die Polizei

Der Verkaufswert der Droge übersteigt das Bruttoinlandprodukt der betroffenen Staaten meist bei weitem. Guinea-Bissau, eines der ärmsten Länder der Erde, sei den reichen, gut bewaffneten Drogenhändlern «auf Gnade und Verderb ausgeliefert», heisst es in einem Bericht internationaler Drogenermittler.

Selbst wenn sich ehrliche Polizisten bemühen, der Drogenmafia den Kampf anzusagen, sind sie hoffnungslos im Nachteil: Oft genug haben sie kein Benzin für ihre alten Fahrzeuge, keine funktionierenden Funkgeräte oder Mobiltelefone.

Festgenommen werden in der Regel nur die kleinen Fische, etwa die «Mulas», die mit verschluckten Kondomen voller Kokain aus Westafrika nach Europa reisen und mit dem Geld aus dem Drogenschmuggel von einem besseren Leben träumen.

(sda)

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