Aktualisiert 04.05.2012 09:06

Timoschenkos TochterDie grösste Aufgabe ihres Lebens

Die Inhaftierung der ukrainischen Oppositionsführerin Julia Timoschenko rückt ihre Tochter Jewgenija in den Fokus. Die 32-Jährige kämpft wie eine Löwin für deren Freilassung.

von
Nina Jeglinski, dapd
Die Ähnlichkeit ist nicht zu übersehen: Mutter Julia und Tochter Jewgenija Timoschenko.

Die Ähnlichkeit ist nicht zu übersehen: Mutter Julia und Tochter Jewgenija Timoschenko.

Grosse, dunkle Augen, identische Wangenpartien und neuerdings auch die gleiche blonde Haarfarbe: Für viele, die Jewgenija Timoschenko, Tochter der seit neun Monaten inhaftierten und schwer erkrankten ukrainischen Oppositionsführerin, Julia Timoschenko, sehen, erscheint die 32-Jährige wie eine Kopie der Mutter. Doch wer beide Timoschenkos kennt, trifft auf eine junge Frau, die über Nacht in die Aufmerksamkeit der internationalen Öffentlichkeit geraten ist.

Jewgenija Timoschenko führte bis zur Verurteilung ihrer Mutter im vergangenen Herbst ein abgeschottetes, privilegiertes Leben in London und in Kiew. Während ihre 51-jährige Mutter als Vollblutpolitikerin und geborenes Alphatier stets die Medien suchte, scheint die Tochter sich bei ihren Auftritten bis heute nicht recht wohlzufühlen. Immer ist ein Misstrauen zu spüren, als frage sie: «Wollen die mich in die Pfanne hauen oder sind sie tatsächlich an Informationen meiner Mutter interessiert?»

Teure Ausbildung

Jewgenija kennt die Macht der Medien. Als zwischen August 2000 und März 2001 Vater Alexander, Grossvater Gennadi und Mutter Julia wegen angeblicher Steuerhinterziehung in U-Haft sassen, durchlebte sie in London ihre schwersten Tage.

Mutter Julia hatte 1993 dafür gesorgt, dass ihr einziges Kind eine internationale Schul- und Universitätsausbildung bekommt. Auf einem privaten Mädcheninternat und anschliessend auf der London School of Economics sollte Jewgenija fit gemacht werden für ein Leben in den Topetagen der Wirtschaft oder der Politik.

Wohlbehütete Kindheit

Ihre Mutter wuchs in einfachen Verhältnissen auf, vaterlos. Julia Timoschenkos Mutter musste zwei Jobs annehmen, um sich, die Tochter und die Grossmutter durchzubringen. Dagegen wuchs Tochter Jewgenija in geradezu behüteten Verhältnissen auf. Vater Alexander war der Sohn eines KP-Funktionärs der mittleren Führungsebene.

Jewgenijas Grosseltern väterlicherseits hatten zu Sowjetzeiten eine Reihe Privilegien. Grossvater Gennadi hat zusammen mit seiner Schwiegertochter Julia seit Ende der 1980er-Jahre den Grundstock für den späteren, märchenhaften Reichtum der Timoschenkos gelegt. Mitte der 1990er-Jahre leitete die heutige Oppositionsführerin den Energiekonzern United Energie Systems Ukraine (UESU), der zeitweise einen Jahresumsatz von elf Milliarden Dollar machte.

Vom Leben im Ausland geprägt

«Ich war damals 364 Tage im Jahr auf Businesstour», sagte Julia Timoschenko einmal nicht ohne Stolz. Tochter Jewgenija wurde derweil in London erzogen. In der Familie soll es darüber immer wieder zum Streit gekommen sein. Der Vorwurf an die Mutter: Sie entfremde das Kind, weil es die englische Sprache und Kultur erlerne.

Die Jahre im Ausland haben Jewgenija ohne Zweifel geprägt, dennoch macht sie den Eindruck, als habe sie nie vergessen, woher sie kommt und wohin sie gehört. Ihre vordergründige Unsicherheit gilt der Öffentlichkeit, unter der stillen Oberfläche ist eine sensible, suchende, vielleicht sogar allein gelassene Frau erkennbar.

Ihre Ehe mit Sean Carr, dem fast 15 Jahre älteren Hobbymusiker und Inhaber einiger Schusterfilialen, ist vor ein paar Monaten geschieden worden. Der tätowierte Heavy-Metal-Fan aus Leeds hatte die junge Timoschenko 2003 während einer Urlaubsreise in einem Club in Scharm El-Scheich kennen gelernt. Als er seine Eroberung das erste Mal in London besuchte, glaubte er, sich in der Adresse geirrt zu haben. Im Nobelstadtteil Kensington bewohnte die Studentin ein Stadthaus ganz für sich alleine.

«Ich bin keine Politikerin»

Julia Timoschenko machte nie einen Hehl aus ihrer Abneigung gegen diese Verbindung und lästerte im ukrainischen Fernsehen offen über die mangelnden Ukrainisch- und Russischkenntnisse ihres Schwiegersohns. Jetzt schweisst die Haft der Mutter die beiden vielleicht enger zusammen als jemals zuvor. Vater Alexander hat in Prag politisches Asyl erhalten und kann seiner Tochter und seiner Ehefrau nur aus der Ferne beistehen. Julia Timoschenko, nicht nur ein Workaholic, sondern auch hochgradig misstrauisch, will sich in ihrer jetzigen Lage nur auf engste Vertraute und internationale Experten verlassen.

Inwiefern die aktuelle Aufgabe Jewgenija Timoschenko verändern wird und ob sie danach irgendwann einmal in die Fussstapfen ihrer Mutter tritt und sich für politische Ämter aufstellen lässt, bleibt abzuwarten. Sie selbst wiederholt immer wieder: «Ich bin nicht wie meine Mutter und ich bin keine Politikerin» und stellt klar: «Die Verteidigung meiner Mutter ist die Aufgabe meines Lebens.»

Wie es um Julia Timoschenko steht

Der Gesundheitszustand der hungerstreikenden ukrainischen Oppositionsführerin hat sich nach Einschätzung ihrer Tochter weiter verschlechtert: «Sie ist viel schwächer, als sie noch vor ein paar Tagen war», sagte Jewgenija Timoschenko am Donnerstagabend im ZDF. Ihre Mutter müsse liegen und könne sich zurzeit «praktisch gar nicht bewegen», berichtete sie nach einem Besuch im Gefängnis.

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