«Time out»: Die grösste sportpolitische Torheit
Aktualisiert

«Time out»Die grösste sportpolitische Torheit

Der Internationale Eishockeyverband IIHF zerrt den SC Bern vor das Bundesgericht. Nun ist der Damm gebrochen. Die Anwälte dürfte es freuen.

von
Klaus Zaugg
IIHF-Präsident René Fasel ist das Lachen vergangen. (Bild: Keystone/AP)

IIHF-Präsident René Fasel ist das Lachen vergangen. (Bild: Keystone/AP)

Das Sportbusiness wird immer komplexer. Einerseits ist der Sport längst ein Teil der Gesellschaft und ihrer Probleme geworden. Stichworte: Korruption, Wettbetrug, Gewalt in den Stadien, Doping, Finanzprobleme. Andererseits braucht der Sport Freiräume, um funktionieren zu können. Und dafür ist unter anderem eine eigene Gerichtsbarkeit notwendig: Wenn der Sport den Fristen der zivilen Gerichten unterworfen wird, ist ein geordneter Spielbetrieb nicht mehr gewährleistet. Deshalb formieren Sportverbände und Ligen eigene Gerichte und sind darauf angewiesen, dass ihre Mitglieder (Athleten, Klubs) nicht bei jeder Gelegenheit ein ziviles Gericht anrufen.

Diese sporteigene Gerichtsbarkeit funktioniert in der Schweiz nicht mehr reibungslos. Im Fussball ist durch Christian Constantins juristisches Powerplay ein heilloses Durcheinander ausgebrochen. Im Eishockey halten sich die Nationalliga-Clubs hingegen noch an die Gentleman-Agreements, unterziehen sich der eigenen Verbandsgerichtsbarkeit und können so unter anderem die Anzahl Ausländer pro Klub limitieren. Ein juristisches Rumpelstilzchen wie Christian Constantin würde unser Eishockey in ein heilloses Chaos stürzen.

Wer im Sport Erfolg haben will, darf keine Kompromisse eingehen. Diese kompetitive Mentalität, die im Training, im Wettkampf und im Management kultiviert wird, erschwert im Streitfall abseits der Arenen oft die Kunst des Kompromisses. Der Internationale Eishockeyverband hat das Scheitern der Champions Hockey League durch Missmanagement selbst verschuldet. Aus juristischen, politischen und wirtschaftlichen Gründen hätte eine Einigung mit den unzufriedenen Klubs oberste Priorität haben müssen: Die Forderung des SC Bern auf eine Entschädigung von 100 000 Euro war moderat. Mit rund drei Millionen Euro hätte die IIHF alle betroffenen Klubs in dieser Höhe entschädigen können.

IIHF zieht vor Zivilgericht

Doch die IIHF-Führung hat sich dazu verleiten lassen, mit dem SC Bern den Rechtsstreit zu suchen. SCB-Manager Marc Lüthi wählte nicht den Weg vor ein ziviles Gericht. Er hat das Olympische Sportgericht in Lausanne angerufen. So wie es sein sollte. Und dort hat die IIHF nun erwartungsgemäss verloren. Und müsste nun so schnell wie möglich eine aussergerichtliche Lösung mit dem SCB und den übrigen Teilnehmern der verblichenen Champions Hockey League anstreben. Die Vermeidung von Rechtsfällen und das Hegen und Pflegen, Respektieren und Fördern der sporteigenen Gerichtsbarkeit müsste das höchste Ziel jedes Sportverbandes sein.

Doch nun zieht erstmals ein grosser Olympischer Sportverband, geführt von René Fasel, einem Mitglied des Exekutiv-Komitees des Internationalen Olympischen Komitees einen Entscheid des höchsten eigenen Sportgerichtes vor eine ziviles Tribunal. Vor das Schweizerische Bundesgericht. Und das ohne Not. Es ist selbst bei wohlwollender Beurteilung die grösste sportpolitische Torheit des 21. Jahrhunderts. IIHF-Boss René Fasel hat sie zu verantworten. Künftig kann mit dem Hinweis auf das unglückselige Gebaren der IIHF-Exponenten jeder Athlet und jeder Klub mit gutem Gewissen Fälle durch zivile Gerichte beurteilen lassen. Die Anwälte freuen sich.

Mit dem Gang vor das Bundesgericht wird das ohnehin unterkühlte politische Klima im internationalen Hockey noch frostiger. Und das ausgerechnet in einer Zeit, da die IIHF grosse Herausforderungen zu meistern hat: Die grossen Klubs der wichtigen Ligen Europas verweigern immer mehr die Zusammenarbeit, das Transferabkommen mit der NHL (Entschädigung an die europäischen Klubs für Spieler, die in die NHL wechseln) ist nach wie vor nicht erneuert, die NHL-Zusage für die Olympia-Teilnahme der NHL-Profi für 2014 fehlt immer noch und künftig könnte auch die WM-Teilnahme der NHL-Profis zum Thema werden.

Will Fasel nicht auf den Thron?

René Fasel führt die IIHF seit 1994 und ist durch politische Schlauheit, Charme und diplomatisches Geschick der erfolgreichste IIHF-Präsident der Geschichte und einer der mächtigsten Sportfunktionäre der Welt geworden. Doch ausgerechnet jetzt, da er nur noch ein paar hundert Meter unter dem Gipfel des sportpolitischen Mount Everst steht (dem Amt des IOC-Präsidenten) hat er die grösste Torheit seiner Funktionärs-Karriere gemacht. Selbst wenn die IIHF dereinst den «Fall SCB» vor Bundesgericht gewinnen sollte – es wäre ein verlorener, ein wertloser Sieg. Der sportpolitische Schaden ist erheblich und auf einige Zeit hinaus nicht mehr gutzumachen.

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