... kommt vor dem Fall: Die grössten Aufholjagden aller Zeiten
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... kommt vor dem FallDie grössten Aufholjagden aller Zeiten

Fussball-Deutschland zerfleischt sich nach einem sensationell vergeigten Sieg gegen Schweden. Tröstet euch, liebe Nachbarn, da gabs schon dramatischere Pleiten nach sicher geglaubtem Triumph!

von
P. Dahm

In Deutschland herrscht nach dem Match gegen Schweden Katerstimmung. «Mensch Jogi, das war dämlich», ärgert sich die «Bild». Die «Welt» – nicht Mutter Erde, sondern die Zeitung – ist gar in Endzeitstimmung: «Die hässliche Fratze der Nationalmannschaft», titelt das Blatt, das eine «historische Blamage» gesehen haben will. Dabei zeigt die Fussball-Geschichte, dass die DFB-Elf beileibe nicht das erste Team ist, das einen so hohen Vorsprung verspielt hat.

Schweizer Fussballfreunde erinnern sich da an das legendäre Cup-Halbfinale 2004: Der FCZ liegt in der 83. Minute bei GC mit 5:2 vorne, doch der Lokalrivalen schlägt zurück und drei mal zu und markiert in der Verlängerung den 6:5 Endstand. Im Frühjahr 2000 hatten der Rekordmeister weniger Fortune: GC gab gegen St. Gallen eine 3:0-Führung aus der Hand und trennte sich am Ende im Hardturm 4:4 (mehr hier).

GC – FCZ 6:5 (nach Verlängerung). Quelle: YouTube/ZwoelfMagazin

Besonders brisant ist ein solches Fussball-Comeback natürlich, wenn es um alles geht. So wie im Finale der höchsten europäischen Spielklasse, der Champions League. Selbst wenn es nur eine «kleine Aufholjagd» ist: Im sagenumwobenen Endspiel 1999 führt der FC Bayern München gegen Manchester United nach 90 Minuten mit einem Tor, muss nach Abpfiff aber dennoch mit 1:2 vom Platz schleichen. Im Finale 2005 erzielt der FC Liverpool gegen AC Milan innert sechs Minuten drei Treffer und gewinnt nach Penaltyschiessen.

Manchester United – Bayern München 2:1. Quelle: YouTube/ Steven LJ

FC Liverpool – AC Milan 5:6 (nach Penaltyschiessen). Quelle. YouTube/mildale

Diese und weitere denkwürdige Aufholjagden finden Sie in obiger Bildstrecke, doch auf zwei internationale Beispiele wollen wir noch genauer eingehen.

Motherwell – Hibernian 6:6

Im Mai 2010 zeigen zwei schottische Clubs, dass man nie aufgeben darf. Die Fans werden die Partie zwischen Motherwell F.C. und Hibernian F.C. wohl nie vergessen: Beim Stande von 1:3 wird zur Halbzeit gepfiffen. Nach dem Pausentee erhöhen die «Hibs» auf 1:4. Dem Heim-Team gelingt der Anschlusstreffer, doch in der 65. Minute liegt es mit 2:6 hinten. Dann geht offenbar ein Ruck durch die Mannschaft: Motherwell netzt in der 67., 72. und 76. Minute ein. Die Gastgeber vergeben dann einen Penalty, die Anhänger verzweifeln, doch in der 93. macht Lukas Jutkiewicz noch das Unentschieden perfekt.

Das irre Spiel ist das vorletzte der Saison und Motherwell kann Platz vier gegen die Hibs verteidigen, die nur einen Zähler dahinter lauern. Im Saisonfinale gelingt Motherwell erneut eine wahnwitzige Aufholjagd: Das Team biegt in der Nachspielzeit gegen die Glasgow Rangers einen 1:3-Rückstand in ein 3:3 um. Mit der Qualifikation für die Europa League wird es damit dennoch nichts: Hibernian zieht durch ein 2:0 gegen Dundee United noch vorbei.

Damit aber immer noch nicht genug: Besagtes Dundee gewinnt 2010 den schottischen Pokal und weil die Mannschaft ohnehin für den früheren UEFA-Cup qualifiziert ist, rückt Motherwell am Saisonende nach und doch noch nach Europa vor. Auch bei Hibernian sorgt das 6:6 für Nachwehen: Als der Club im Juni 2010 den Mittelfeldspieler Edwin de Graaf unter Vertrag nimmt, begründet der sein Kommen vom niederländischen Verein NAC Breda mit dem wahnwitzigen Unentschieden.

Motherwell – Hibernian 6:6. Quelle: YouTube/SportingNation

Bayer 05 Uerdingen – Dynamo Dresden 7:3

Dennoch: Für das deutsche Fussball-Fachmagazin «11 Freunde» ist die Partie Uedringen - Dresden das beste Match aller Zeiten. Warum also diese Partie aus dem «Europapokal der Pokalsieger»? Weil dieses Match die oftmals strapazierte Bezeichnung «Wunder von ...» auch verdient. Uerdingen unter seinem Trainer Karl-Heinz Feldkamp hatte das Hinspiel in der DDR mit 2:0 verloren und geriet auch vor heimischer Kulisse in Rückstand: Schon in der ersten Minute schepperte es im Karton des Westdeutschen.

Zur Halbzeit liegt Uerdingen mit 1:3 hinten: Das Team braucht vier Tore, um das Ergebnis inklusive Hinspiel auszugleichen. Weil bei Gleichstand die mehr erzielten Auswärtstore den Ausschlag geben, müssen Wolfgang Funkel, Wolfgang Schäfer und Co sogar fünf Treffer markieren, um in die nächste Runde einzuziehen. Sie schiessen sechs – in einer Halbzeit.

Die Ostdeutschen um Spieler wie Ulf Kirsten und Matthias Sammer erleben eine herbe Niederlage. Trainer Klaus Sammer, der Vater des heutigen Bayern-Funktionärs, muss ob des «Wunders von der Grotenburg» («Wunder von Uerdingen») seinen Hut nehmen, während die Westdeutschen im folgenden Halbfinale an Atlético Madrid scheitern.

Bayer 05 Uerdingen - Dynamo Dresden 7:3. Quelle: YouTube/ahrensburger1

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