Aktualisiert 20.09.2019 05:11

Geschlechterrollen

Die grössten Frauen- und Männerjobs bei Lehrlingen

Ein Ranking zeigt, in welchen Jobs die alten Rollenbilder nach wie vor gelten. Eine Maurerin, ein Praxis- und ein Dentalassistent berichten.

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Nadja Büttiker (25) hat vor einem Jahr ihre Maurerlehre abgeschlossen – und ist in der Schweiz damit eine Exotin. «Die Umgangssprache ist auf dem Bau logisch ein bisschen rauer als im Büro. Aber das ist ja kein Problem.»

Nadja Büttiker (25) hat vor einem Jahr ihre Maurerlehre abgeschlossen – und ist in der Schweiz damit eine Exotin. «Die Umgangssprache ist auf dem Bau logisch ein bisschen rauer als im Büro. Aber das ist ja kein Problem.»

#MeToo und Frauenstreik zum Trotz: Laut einer neuen Analyse des Eidgenössischen Hochschulinstituts für Berufsbildung (EHB) treten in der Schweiz praktisch keine Frauen die Lehre zur Maurerin an. (Symbolbild)

#MeToo und Frauenstreik zum Trotz: Laut einer neuen Analyse des Eidgenössischen Hochschulinstituts für Berufsbildung (EHB) treten in der Schweiz praktisch keine Frauen die Lehre zur Maurerin an. (Symbolbild)

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Umgekehrt sind die Berufe Medizinischer Praxisassistent sowie Dentalassistent für Männer keine beliebte Wahl. (Symbolbild)

Umgekehrt sind die Berufe Medizinischer Praxisassistent sowie Dentalassistent für Männer keine beliebte Wahl. (Symbolbild)

Antonio_diaz

#MeToo und Frauenstreik zum Trotz: Laut einer neuen Analyse des Eidgenössischen Hochschulinstituts für Berufsbildung (EHB) treten in der Schweiz praktisch keine Frauen die Lehre zur Maurerin an. Umgekehrt sind die Berufe Medizinischer Praxisassistent sowie Dentalassistent für Männer keine beliebte Wahl. Von allen im Ausbildungsjahr 2016/2017 angetretenen Maurerlehrlingen waren nur 0,64 Prozent Frauen. Und bei den Dentalassistentslehrlingen machten Männer nur 1,11 Prozent, bei den Medizinischen Praxisassistenten gar nur 0,94 Prozent aus.

Untersucht wurden insgesamt die 20 beliebtesten Lehrberufe in der Schweiz auf ihre Männer- und Frauenanteile. Dabei stellte sich heraus, dass auch in anderen Berufen wie Fachmann/Fachfrau Betreuung oder Informatiker/in die Verhältnisse zwischen Männern und Frauen eher unausgewogen sind.

20 Minuten hat mit drei Berufsleuten gesprochen, die mit den Geschlechterrollen brechen.

Draussen unter Männern

Nadja Büttiker (25) hat vor einem Jahr als ihre Maurerlehre abgeschlossen – und ist in der Schweiz damit eine Exotin. «Ich wollte schon immer draussen etwas mit den Händen tun.» Die Frau aus Mosnang SG hatte zuerst eine Lehre als Gärtnerin absolviert. Während der eher ruhigen Wintersaison durfte sie mit auf den Hochbau, wovon sie aber nicht viel verstand. Da habe es sie dann gepackt und sie entschied sich, nochmals eine Lehre als Maurerin zu machen.

«Natürlich war ich mir bewusst, dass nicht viele Frauen diese Lehre machen.» Wahrscheinlich weil es oft noch immer als Männerarbeit gelte. Teilweise merke sie es von der Fingerkraft und Handgrösse her schon, dass sie Dinge nicht gleich halten könne wie ihre Arbeitskollegen. Trotzdem fänden diese es toll, dass auch mal eine Frau diesen Job mache. Falls jemand gerade zur Stelle ist, könne sie auch immer um Hilfe fragen. Und sie fügt an: «Die Umgangssprache ist dabei logisch ein bisschen rauer als im Büro. Aber das ist ja kein Problem.»

Immer von Frauen umgeben

Abishann Rasamuthu (21) befindet sich im zweiten Lehrjahr zum Dentalassistenten. «Als ich schnuppern ging, sah ich, dass es ein Beruf ist, bei dem man immer voll mitdenken und sehr viel wissen muss.» Das habe sein Interesse geweckt. Und auch den Kontakt zu Mitarbeitern und Patienten schätzt er. Vor Lehrantritt habe er sich gar nicht überlegt, dass diesen Job fast keine Männer wählen. «Erst zu Schulbeginn merkte ich, dass nur Frauen da sind.»

Aber auch Rasamuthu hat bis jetzt an Arbeitsplatz, in der Schule und im privaten Umfeld nur positive Reaktionen auf seine Berufswahl erlebt. In der Schule sei es ganz normal, «wie halt mit anderen Kolleginnen», so der Könizer. Und seine Freunde respektierten ihn ebenfalls für seine Tätigkeit: «Oft meinten sie: Boah, du bist ja immer nur von Frauen umgeben. Das ist ja das Paradies!»

Einziger Mann in Ausbildungsgang

Yannick Gresch (18) befindet sich im zweiten Lehrjahr zum Medizinischen Praxisassistenten. Der in Thusis lebende Lehrling findet seine Lehre extrem vielfältig: «Ich bin nach wie vor begeistert vom Beruf.» Jeden Tag lerne man Neues dazu. Er habe zuvor schon gewusst, dass es nicht viele Männer in diesem Beruf gebe. «Aber schon nach einer Woche habe ich mich daran gewöhnt, dass rundherum alles Frauen sind.»

Dass so wenige Männer Medizinische Praxisassistenten werden, ist seiner Ansicht doppelt begründet: «Zum einen gilt dieser Job noch immer als Frauenberuf. Und dann gibt es auch sehr wenige Lehrstellen für MPAs, das schreckt männliche Bewerber eventuell noch mehr ab.» Deshalb sei seine Schule, die MPA Berufs- und Handelsschule, auch sehr erfreut darüber, dass sie nun jeweils zur Berufsmesse ihn als männlichen Vertreter schicken könne.

Starre Verteilung

Die geschlechtsspezifische Verteilung zu ändern, sei grundsätzlich schwierig, sagt Lars Hering, Leiter der Basler Berufsberatung. Dafür nennt er vier Gründe: «Es mangelt an Vorbildern, die in den entsprechenden Berufen tätig sind. Auch muss man sich Ende der Pubertät für einen Job entscheiden. Das ist ein schwieriges Alter für einen untypischen Job. Daher wählt man eher etwas, was bei Freunden und Familie gut ankommt.»

«Auch eignen sich gerade Männer, die im Schnitt stärker sind, eher für körperlich anspruchsvolle Jobs wie Maurer. Hinzu kommt, dass gewisse Arbeitgeber – aber auch Kunden – eher das eine Geschlecht mit einem Job verbinden. So vertreten manche Zahnärzte immer noch gern die typische Rollenverteilung und haben lieber eine Frau als Assistentin an ihrer Seite. Gleichzeitig empfinden Kunden Frauen als fürsorglicher.»

«Vorbilder können Wandel beschleunigen»

Laut Hering gibt es immer wieder Verschiebungen, aber diese würden viel Zeit in Anspruch nehmen. «Vielleicht gelingt die Auflösung der Geschlechtsverteilung irgendwann bei vielen Berufen. Aber ich bezweifle, dass es auch bei Extremberufen wie Maurer rasch zu einem solchen Wechsel kommt.»

Den Verschiebungsprozess könne man durchaus beschleunigen, so Hering: «Vorbilder in Lehrbüchern sind eine Möglichkeit, noch besser aber sind Besuche in der Schule. Am besten durch Lernende. In machen Kantonen gibt es Programme wie Rent a Stift. Oder – wenn es diese nicht gibt – durch Lehrmeister, die persönlich glaubhaft machen können, dass sie auch Personen des anderen Geschlechts suchen.»

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