Aktualisiert 11.08.2009 15:05

Zwei Jahre nach dem TodDie grosse Medienschau hat begonnen

Seit Mitternacht sind die geheimen Gerichtsakten frei zugänglich: Die Gesichter der drei Beteiligten am Mord von Baby P. dürfen nun zum ersten Mal gezeigt werden. Da darf man sich fragen, wem das was nützt.

von
Karin Leuthold

Seit Dienstag darf jeder das Gesicht der 28-jährigen Tracey Connelly und ihres 33-jährigen sadistischen Freundes Steven Barker sehen. Zusammen mit einem Bruder Barkers hatte das Trio vor zwei Jahren Connellys Kind, das 17 Monate alte Baby P., zu Tode gequält. Der Fall hatte damals ein besonders grosses Medienecho ausgelöst, zum einen wegen der unglaublichen Brutalität, mit der Mutter und Stiefvater das Kind zu Tode gebracht hatten, zum andern wegen des kläglichen Versagens der Behörden: Obwohl Sozialarbeiter 60 Mal bei Connelly & Co. vorbeischauten, erkannten sie die schweren Verletzungen – darunter eine Lähmung durch die gebrochene Wirbelsäule – nicht, die dem Kleinkind zugefügt worden waren (20 Minuten Online berichtete).

Plötzlich wird alles bekannt

Die drei bereits verurteilten Kinderquäler durften bislang von den Medien weder namentlich genannt noch gezeigt werden. Damit wollte man vor allem die Brüder des getöteten Babys schützen. Doch genau eine Woche nach dem zweiten Todestag von Peter Connelly, dem bisher nur «Baby P.» genannten Kleinkind, wird das Verbot aufgehoben.

Die NSPCC, eine Organisation zum Schutz von misshandelten Kindern, kritisierte den Entscheid bereits: «Es gibt eine schmale Linie zwischen öffentlichem Interesse und Mediengeilheit», sagt Wes Cuell, der Leiter der Organisation, gegenüber der britischen Tageszeitung «The Times». «Peters Brüder haben mit seinem Tod schon viel durchgemacht. Ihnen jetzt Datenschutz zu gewähren, gibt ihnen die beste Chance zur Erholung.»

«Der perfekte Sturm»

Doch offenbar kümmern die Geschwister Connelly die britischen Medien wenig. In allen Details berichten sie über den Horror, den das Kind in seinem kurzen Leben erleben musste. Auch weiss man jetzt, dass der Stiefvater und sein Bruder eine lange kriminelle Vorgeschichte haben. Die Vergangenheit der Mutter hätte dagegen weniger auf die späteren Untaten schliessen lassen; die einzige Gemeinsamkeit mit den Barkers war die Herkunft aus zerrütteten Familien. Das Aufeinandertreffen von Connelly und Barker löste dann, wie einer der Ermittler sich ausdrückte, «den perfekten Sturm» aus, der später zum Tod des kleinen Peter führte.

Steven Barker und sein Bruder Jason Owen (er wechselte seinen Namen nach Peters Tod) wurden 1995 wegen Körperverletzung an ihrer damals 82-jährigen Grossmutter angeklagt: Sie hatten die Rentnerin geschlagen und in einem Kleiderschrank eingesperrt gehalten, damit sie ihr Testament zu ihren Gunsten abänderte.

Barker hielt eine Schlange als Haustier. Alles andere, was ihm über den Weg lief, wurde gequält und auf brutalste Art getötet. Auf dem Boden seines Hauses lagen ständig tote Mäuse, Hühner oder zerstückelte Hasen.

Wenig Reue

Connelly stellte den Messernarren, der Nazi-Memorabilien sammelte, den Sozialbehörden nie vor: Die junge alleinstehende Mutter fürchtete um ihr Sozialgeld. Freunden erzählte sie aber gerne und oft, wie verliebt sie in den Mann sei. So verliebt, dass sie sogar beide Augen zudrückte, wenn ihr sadistischer Freund ihren Sohn misshandelte. Später präsentierte sie sich vor Gericht als «eine Frau, die in den falschen Mann verliebt war».

In den Schlüsselmomenten der zwei Prozesse, die zwischen November 2008 und Mai 2009 stattfanden, weinte Connelly. Kurz vor dem Urteil schickte sie dem Richter einen Brief: «Jeden Tag meines Lebens fühle ich mich schuldig und muss mit meinem Versagen als Mutter klarkommen. Ich strafe mich täglich selber und es vergeht kein Tag, ohne dass ich Tränen vergiesse.» Es war das einzige Anzeichen von Reue, das Tracey Connelly je zeigte.

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