Obama-Vereidigung: Die grossen Reden der Präsidenten
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Obama-VereidigungDie grossen Reden der Präsidenten

Barack Obama ist ein brillanter Redner. Entsprechend hoch sind die Erwartungen in seine Ansprache. Der neue Präsident wird an drei grossen Vorgängern gemessen werden. Gelingt ihm ein zündender Satz?

4. März 1865: Präsident Abraham Lincoln trat seine zweite Amtszeit an. Der Bürgerkrieg war so gut wie beendet, der Süden geschlagen. Der Präsident formulierte ein flammendes Plädoyer für die Versöhnung der gespaltenen Nation. Seine Worte wurden zur Legende: «Mit Groll gegen niemanden, mit Wohltätigkeit für alle, mit Stärke durch Gerechtigkeit, geleitet von Gott, wollen wir uns bemühen, die begonnene Arbeit zu beenden, die Wunden unserer Nation zu verbinden, für den zu sorgen, der die Schlacht geschlagen hat, für seine Witwe und seinen Waisen – und alles tun, um einen gerechten und dauerhaften Frieden für uns selbst und mit allen anderen Ländern zu erreichen.» Unter den Zuhörern befand sich ein gewisser John Wilkes Booth. Der fanatische Südstaatler erwies sich als unempfänglich für Lincolns Appell. Sechs Wochen später ermordete er den Präsidenten.

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Ausschnitt aus Franklin D. Roosevelts Rede von 1933 (mit deutschen Untertiteln)

4. März 1933: Zum letzten Mal fand die Inauguration an diesem Datum statt, danach wurde sie auf den 20. Januar verlegt. Die Situation war ähnlich wie heute: das Land litt unter einer schweren Wirtschaftskrise, der abgewählte Präsident Herbert Hoover galt wie George W. Bush als Versager. Als Hoffnungsträger wurde Franklin Delano Roosevelt vereidigt. In seiner kurzen Ansprache enttäuschte er die Erwartungen nicht. Er prangerte die «gewissenlosen Geldwechsler» an: «Sie besitzen keine visionäre Kraft, und wo diese fehlt, gehen die Menschen zugrunde.» In Erinnerung blieb ein Satz, der noch heute als Sinnbild für Hoffnung in finsterer Zeit gilt: «Das Einzige, was wir fürchten müssen, ist die Furcht selbst.»

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John F. Kennedys Rede vom 20. Januar 1961

20. Januar 1961: An einem eiskalten Tag wurde John F. Kennedy als Präsident vereidigt. Danach lieferte er ein Meisterstück der Redekunst ab, auf dem sein bis heute anhaltender Ruhm massgeblich beruht. Auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges appellierte JFK an die Stärke und den Optimismus des Landes: «Lasst uns nie aus Furcht verhandeln. Aber lasst uns auch niemals davor fürchten zu verhandeln.» Und er sprach die wohl legendärsten Worte aus, die je an der Amtseinführung eines Präsidenten verwendet wurden: «Fragt nicht, was euer Land für euch tun kann – fragt, was ihr für euer Land tun könnt.»

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Die Antrittsrede von Barack Obama in voller Länge (Videos: YouTube)

20. Januar 2009: Viele erwarteten von Barack Obama eine rhetorische Glanztat. Das Fazit der Kommentatoren in den USA: Die Antrittsrede war gut bis sehr gut, aber nicht ganz auf der Höhe der legendären Vorgänger. Sie habe «nicht so viel hochfliegende Sprache enthalten» wie jene von Roosevelt oder Kennedy, schrieb etwa die «New York Times». Tatsächlich bot sie kaum einen prägnanten Satz, der in Erinnerung bleiben dürfte. Der republikanische Stratege Ed Rollins, ein alter Politfuchs, bezeichnete sie in einem Kommentar für CNN dennoch als «eine der zuversichtlichsten und inspirierendsten Ansprachen, die ich je gehört habe». Die User der CNN-Website gaben Obamas Rede die Durchschnittsnote B, was bei uns einer 5 entspricht. Das wohl beste Fazit zog der konservative Kolumnist Michael Gerson in der «Washington Post»: Viele hätten eine rhetorisch meisterliche, aber ideologisch schwammige Rede erwartet. «Stattdessen hörten wir eine Ansprache, die rhetorisch platt, dafür von der Substanz her interessant war. An seinem ersten Arbeitstag ist Präsident Obama eine Überraschung gelungen.»

(pbl)

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