Aktualisiert 13.02.2009 13:28

Preiskrieg«Die Grossverteiler bestimmen den Preis»

In der jüngsten Preisdiskussion wird den Herstellern von Markenartikeln die Schuld für die Hochpreisinsel Schweiz gegeben. Anastasia Li-Treyer, Direktorin des Branchenverbandes Promarca, reicht den Schwarzen Peter weiter.

von
Dajan Roman

20 Minuten Online: Frau Li-Treyer, die Grossverteiler beklagen, die grossen Markenartikelhersteller verlangten überhöhte Preise.

Anastasia Li-Treyer: Das ist nicht wahr, sonst könnten sie ihre Produkte nicht verkaufen. Grossverteiler können zwischen vielen Markenlieferanten auswählen. Die Markenartikelhersteller haben mit Coop nur noch einen flächendeckenden Kanal. Das schafft eine ungeheure Machtposition. Die Frage ist, wer wirklich am längeren Hebel sitzt. Zudem: Der Händler definiert, wie viel er mit welchem Produkt verdienen will und bestimmt den Verkaufspreis an den Endkonsumenten.

Der Konsument versteht aber nicht, wenn Denner dem Lieferanten einen höheren Einstandspreis bezahlen muss als der Kunde in Deutschland an der Kasse.

In Deutschland verkaufen Discounter gewisse Markenprodukte zum Einstandspreis – als Lockvogel für Konsumenten. Sie machen keinen Gewinn damit. Ihr Geld verdienen sie mit dem übrigen Sortiment. Es gibt zahlreiche Gründe, warum Einstandspreise in der Schweiz höher sind als in Deutschland. Allein schon die Mengen, die der deutsche Handel absetzen kann, sind zwölfmal grösser als in der Schweiz. Bei uns existieren zudem staatliche Auflagen, die Produkte bis zu 50 Prozent verteuern. Weiter lassen Zölle, teurere Logistik und Sonderwünsche des Handels den Preis klettern. Internationale Konzerne wie Knorr, Unilever und Coca-Cola, die in der Schweiz produzieren, weisen hier höhere Produktionskosten auf.

Im Kassensturz begründen Sie die höheren Preise mit «staatlichen Auflagen», «kleineren Grössen», «Sonderwünsche der Detaillisten» und «spezieller Etikettierung». Was heisst das konkret?

Uns Schweizern ist Qualität wichtig. Es gibt staatliche Auflagen, die diesen Anspruch an hohe Qualität garantieren. Zum Beispiel enthalten Waschmittel keine Phosphate und Eier aus Käfighaltung sind verboten. Derartige Auflagen machen rund die Hälfte der Preisdifferenz zwischen der Schweiz und Europa aus. Die Schweiz ist ein kleiner Markt mit kleinen Verkaufsflächen. Ein Hersteller muss die Produkte in kleinere Verpackungseinheiten aufteilen. Wir haben vier Sprachregionen, diesen muss man gerecht werden und Werbung kostet verglichen mit Deutschland fast das Fünffache.

Diese Begründungen hören wir seit Jahren, sind sie nicht langsam veraltet?

Veraltet ist der Glaube, der Lieferant lege den Produktpreis fest. Vor Jahren war das noch so. Heute bestimmen die Grossverteiler die Preise an den Endkonsumenten.

Warum erhöhen die Markenartikler die Preise, obwohl die Preise vieler Rohstoffe gesunken sind?

Markenartikelhersteller sind vorsichtig in der Preissetzung, schliesslich stehen sie in intensivem Wettbewerb mit anderen Marken und Eigenmarken. Bei gewissen Rohstoffen wie Cacao und Vitaminen sind die Preise nicht gesunken. In der Schweiz wurden gerade vielerorts die Löhne um 3 Prozent angehoben. Die Strompreise sind ebenfalls gestiegen. Darum haben die Grossverteiler die Preise auf ihren

Eigenmarken nicht gesenkt.

Wie erklären Sie einem Angestellten, der um seinen Arbeitsplatz fürchtet, dass die Markenartikel teurer werden und die Multis Milliardengewinne einstreichen?

In der Schweiz geben wir nur 8 Prozent des Lohnes für Lebensmittel aus. Das ist im europäischen Vergleich wenig. Dieser Prozentsatz wird sich durch geringfügig teurere Produkte nicht ändern. Zudem gibt es hierzulande zahlreiche kleinere Markenartikelproduzenten, die mit dem Preisdruck schwer zu kämpfen haben. Markenhersteller schaffen nicht nur Arbeitsplätze, sie tätigen Investitionen in Forschung und Entwicklung, bringen Innovationen hervor, die sich nicht immer durchsetzen. Wer Risiken trägt, der hat das Recht, Gewinn zu erzielen.

Ex-Preisüberwacher Rudolf Strahm spricht davon, dass Markenprodukte im Vergleich zum Ausland noch 15 bis 25 Prozent zu teuer sind.

Für einen Grossteil der Produkte stimmt diese Aussage heute nicht mehr. Die Entwicklung von Preisen wird laufend von unabhängigen Instituten beobachtet. Deren Fazit: 2008 hat sich der Preis eines mit zehn Ländern verglichenen Schweizer Warenkorbes auf europäisches Niveau gesenkt. Deutschland bleibt das günstigste Land in ganz Europa.

Lidl wird mit seiner europäischen Marktmacht billiger einkaufen können als Coop, Migros oder Denner. Spar wird wohl dasselbe tun und ebenfalls europäisch einkaufen. Nehmen die Markenartikelhersteller eine Verschlechterung der Lage der Schweizer Grossverteiler in Kauf?

Grossverteiler verdienen gutes Geld mit Markenprodukten. Sie nutzen diese ertragsreichen und sicheren Einnahmequellen, um ihre Eigenmarken, Ladenausstattungen usw. zu finanzieren. Zudem bringen Markenartikel Kunden in die Geschäfte. Was Konsumenten oft nicht wissen: Markenartikelhersteller zahlen dem Händler Listungsgebühren, um überhaupt ins Sortiment aufgenommen zu werden. Dazu kommen Boni, Werbekostenzuschläge etc. Unsere Grossverteiler haben mit 30 bis 40 Prozent höhere Bruttomargen als der Handel im umliegenden Ausland.

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