Van Gent zu Paketbomben: «Die Gruppe scheint relativ naiv zu sein»
Aktualisiert

Van Gent zu Paketbomben«Die Gruppe scheint relativ naiv zu sein»

Hinter den jüngsten Paketbomben soll eine linksradikale Gruppierung stecken. Deren Ideologie ist laut SF-Korrespondent Werner van Gent sehr verworren.

von
Lukas Mäder

Eine Serie von versuchten Anschlägen mit Paketbomben aus Griechenland sorgt in Europa für Verunsicherung. Nachdem die Polizei bereits am Montag zwei Verdächtige festgenommen hatte, sucht sie nun mit Fahndungsbildern fünf weitere Personen, die für die Attentate verantwortlich sein sollen. Am Montag und Dienstag detonierten in Athen drei Sprengsätze, einer davon in der Schweizer Botschaft. Weitere Paketbomben an ausländische Vertretungen konnten von der Polizei unschädlich gemacht werden. Eine Sendung, die an die deutsche Kanzlerin Angela Merkel persönlich adressiert war, wurde am Dienstag in Berlin entdeckt. Am Abend konnte die griechische Polizei auf dem Flughafen in Athen zwei weitere Briefbomben unschädlich machen. In Bologna ging ein an den italienischen Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi adressiertes Paket beim Öffnen durch die Sicherheitskräfte in Flammen auf.

Hinter der Anschlagswelle steht offenbar eine linksextreme Organisation. Der Griechenland-Korrespondent von Schweizer Radio und SF, Werner van Gent, gibt im Interview eine Einschätzung.

Die Polizei hat gestern fünf Personen mit Fotos zur Fahndung ausgeschrieben. Gibt es schon erste Erfolge?

Festnahmen gibt es noch keine. Aber die Arbeit der Polizei hat sich in den letzten zehn Jahren stark verbessert. Deshalb kam sie auch so schnell an die Namen und die Bilder, die sie in einer konspirativen Wohnung fand.

Hinter den Anschlägen steht offenbar die linksradikale Gruppierung «Verschwörung der Zellen des Feuers».

Höchstwahrscheinlich ist diese Gruppierung für die aktuellen Paketbombenanschläge verantwortlich. Die beiden am Montag verhafteten Personen sind offenbar Mitglieder dieser Verschwörung der Zellen des Feuers.

Wie ordnen Sie diese Gruppe ein?

Sie ist Teil der autonomen Bewegung mit einer totalen Ablehnung der Gesellschaft. Ihre Mitglieder sind mehrheitlich unter 25 Jahre alt. Die Gruppe scheint auch relativ naiv zu sein. Im Gegensatz zu dieser neuen Gruppe blieb die frühere Terrororganisation 17. November mehr als 30 Jahre lang unentdeckt.

Die Gruppe 17. November verübte zahlreiche tödliche Attentate. Wie gefährlich ist die Verschwörung der Zellen des Feuers?

Im Unterschied zum 17. November und deren Nachfolger ist diese dritte Generation nicht so gefährlich, insbesondere wenn sie jetzt von der Polizei zerschlagen wird. Bedenklicher ist, dass diese Gruppe Ausdruck einer ganzen Generation ist, die diese Aktionen stillschweigend duldet.

Die Bomben scheinen nicht darauf ausgelegt zu sein, möglichst grosse und tödliche Zerstörung anzurichten.

Nein, es sind Briefbomben mit schwacher Detonationskraft, die offenbar als Denkzettel gedacht sind. Darauf deutet auch die Verwendung von Schwarzpulver hin, das man überall kaufen kann. Im Juni tötete eine Paketbombe, die an einen Minister gerichtet war, einen Polizisten. Damals kam Dynamit zum Einsatz. Es stellte sich dann aber heraus, dass nicht eine terroristische Organisation hinter dem Anschlag steckte, sondern ein Schwerkrimineller, der aus persönlichen Gründen handelte.

Was wollen die Mitglieder der Gruppe mit ihren Anschlägen bezwecken?

Die Ideologie ist reichlich unklar und verworren. Es gibt auch kein Bekennerschreiben. Sie wollen offenbar gegen die globalisierte Gesellschaft kämpfen, ohne dass sie einen Gegenvorschlag hätten.

Haben die beiden Verhafteten etwas über die Gründe gesagt?

Nein. Als sie am Dienstag dem Haftrichter vorgeführt wurden, haben sie die Aussage verweigert. Auch wenn sie dem Staatsanwalt vorgeführt werden, wollen sie nichts sagen. Das haben sie bereits angekündigt.

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