Aktualisiert 07.06.2012 09:47

Swatch-Pate Hayek«Die guten Zahlen täuschen»

Nick Hayek ist der Rebell unter den Schweizer CEOs. Der Swatch-Chef über den Rechtsstreit mit der UBS, seinen Frust über Fälschungen und das Ende des Luxusuhren-Booms.

von
Sandro Spaeth
Kein gewöhnlicher Chef: Vor seinem Bürofenster hängt eine Piratenfahne. «Ein Pirat zu sein hat mit Esprit zu tun. Ich mache, was mir gefällt», sagt Hayek.

Kein gewöhnlicher Chef: Vor seinem Bürofenster hängt eine Piratenfahne. «Ein Pirat zu sein hat mit Esprit zu tun. Ich mache, was mir gefällt», sagt Hayek.

Herr Hayek, wann waren Sie letztmals in einer UBS-Filiale?

Nick Hayek:Das ist nicht lange her - ich holte Geld bei einem Bancomaten. Ich habe kein Problem mit den Mitarbeitern der UBS.

Es gibt aber einen Streit zwischen Ihnen und der UBS um einen Anlageverlust von 30 Millionen Franken.

Es ist kein Streit, es sind Tatsachen. Wir wurden von der UBS nicht korrekt beraten. Wenn man Fehler macht, muss man dazu stehen. Bei UBS hat man aber anscheinend Angst, Fehler zuzugeben.

Haben Sie schon mit UBS-Chef Sergio Ermotti persönlich über den Fall gesprochen? Von CEO zu CEO?

Wir haben Kontakt auf verschiedenen Ebenen und keine Berührungsängste. Ich bin eine sehr kommunikative Person. Anderseits spüre ich auf der anderen Seite eine gewisse Sprachlosigkeit.

Haben Sie keine Angst davor, dass die UBS in einem Rechtsstreit ein Übermächtiger Gegner ist?

Die Swatch Group hat vor niemandem Angst, wir sind sehr unabhängig. Wir glauben, dass wir im Recht sind, darum kämpfen wir. Mein Gefühl ist aber eher, dass die UBS Angst hat. Es scheint fast, als hätten heute die Juristen dort das Sagen.

Im Rahmen des Streits zwischen UBS – Swatch Group ist es laut «Tages-Anzeiger» auch zu einer Bankgeheimnisverletzung gekommen. Worum geht es konkret?

Nach unseren Informationen hat die UBS unsere Kundendaten an externe Gutachter weitergegeben. Das ist rechtswidrig. Wir haben deshalb schon im Januar 2012 eine Klage wegen Bankgeheimnisverletzung deponiert.

Sie gelten als der Rebell unter den Schweizer CEOs. Vor Ihrem Bürofenster hängt die Piratenfahne. Weshalb zelebrieren Sie diese Rolle?

Ich zelebriere diese Rolle überhaupt nicht. Die Piratenfahne ist Ausdruck von Unabhängigkeit. Sie hängt schon seit Jahrzehnten vor meinem Bürofenster, seit meinen Zeiten bei der Swatch-Uhrenmarke. Ich bin mir treu geblieben, egal welche Positionen und Titel ich habe.

Wofür steht die Fahne genau?

Die Piratenfahne steht dafür, dass man nicht alle Regeln einfach so akzeptiert. Man soll Dinge hinterfragen und nicht alles, was von Obrigkeiten kommt, einfach akzeptieren. Das gehört auch zu unserer Firmenphilosophie. Man darf und soll auch dem Chef widersprechen können.

Passt Pirat sein zu den teuren Uhren, die Sie verkaufen?

Warum denn nicht! Ein Pirat zu sein, hat mit Esprit zu tun. Ich mache, was mir gefällt. Nur weil ich jetzt CEO bin, muss ich keine Krawatten und Businessanzüge tragen. Dasselbe gilt für Uhren. Wenn ich eine Uhr kaufe, kaufe ich sie, weil sie mir gefällt, egal ob sie teuer ist oder nicht.

Tragen Sie keine Businessanzüge, wenn Sie zu Ihren grössten Kunden gehen?

Ich gebe mich ausserhalb des Büros genau so wie im Büro. Ich verhalte mich nicht anders, ob ich nun bei einem kleinen oder einem grossen Kunden bin.

Welche Uhr tragen Sie?

Ich trage eine Swatch (Modell «occupy your wrist») und eine Omega Planet Ocean.

Als CEO könnten Sie eine Luxusuhr tragen?

Eine Breguet ist viel zu teuer für mich. Ausserdem herrscht im Moment eine solche Knappheit an Breguet-Uhren, dass ich den Kunden gerne den Vortritt lasse. Aber ich trage eine der exklusivsten Uhren überhaupt! Die Swach Occupy, die ausschliesslich den Aktionären vorbehalten ist, die dieses Jahr an unserer GV in Biel persönlich dabei waren.

Sie sind kein typischer Manager. Sie studierten an einer Filmschule in Paris. Was bringt Ihnen das als CEO?

Ein Regisseur bringt den Film vom Papier zur Realität. Er muss ein ganzes Team verschiedenster Fachspezialisten und dazu noch Schauspieler führen können. Zudem braucht der Regisseur Fantasie, Übersicht und muss ein Budget einhalten. Der ganze kreative Prozess beim Film ist derselbe, wie wenn man ein emotionales Konsumgut wie die Uhr herstellt. Kreatives unternehmerisches Handeln lernt man beim Filmmachen besser als in Harvard.

Vermissen Sie als Uhrenmanager manchmal das Kreative des Regisseurs?

Nein. Die Swatch Group zu führen, ist genauso spannend wie Filme machen. Ich erlebe hier Action, Komödie, Thriller, Drama – manchmal auch höchste schauspielerische Leistungen!

Wie stark nehmen Sie als CEO Einfluss auf das Design einzelner Uhren?

Die strategische Positionierung der Marken wird sehr direkt vom Hauptsitz aus gesteuert. Wir passen auf, dass es keine Überschneidungen gibt bei Design und Positionierungen. Dennoch behält jede Marke ihre Autonomie. Es gibt Marken, wie beispielsweise Omega und Swatch, welche ich näher verfolge und direkt Inputs betreffend Form und Design gebe. Das ist spannend.

Schmerzt es Sie, wenn Sie gefälschte Uhren von Blancpain oder Omega sehen?

Fälschungen schmerzen mich sehr – nicht nur solche, die unseren Konzern betreffen. Der Schaden für die Schweizer Uhrenbranche ist immens. Neben dem Kampf gegen die Fälscher muss der Weg aber auch sein, die Konsumenten dazu zu bringen, keine gefälschten Produkte zu kaufen. Und da sind die Europäer - Schweizer inklusive - und Amerikaner leider keine Unschuldslämmer.

Können Sie den Schaden beziffern?

Fälschungen kosten die Schweizer Uhrenbranche jährlich Milliarden. Das Schlimme ist, dass die Fälschungen immer professioneller werden. Verheerend ist, dass es auch Schweizer Firmen gibt, die unsere Original-Eta-Uhrwerke ins Ausland verkaufen, wo sie später auch in gefälschte Uhren eingebaut werden. Aufgrund der Bestimmungen der Wettbewerbskommission müssen wir leider im Moment noch auch diese Wiederverkäufer beliefern.

Der Schweizer Uhrenindustrie geht es gut. Der starke Franken hat nicht allzu viel Schaden angerichtet.

Das ist nur eine kurzfristige Betrachtungsweise – und die ist gefährlich. Die Schweizer Uhrenindustrie exportiert 95 Prozent der Produkte. Preiserhöhungen aufgrund des starken Frankens sind fast nur im Luxussegment möglich. Im mittleren und unteren Segment ist der Kunde nicht bereit, so mir nichts, dir nichts mehr zu bezahlen. Folglich müssen wir eine viel tiefere Marge akzeptieren. Die Swatch Group kann das verkraften, viele kleinere Firmen und Zulieferer können das nicht.

Dann täuschen die guten Zahlen?

Ja. Die Situation mit dem starken Franken ist trotz Eingriffen der Nationalbank extrem beunruhigend, nicht nur für die Uhrenindustrie, sondern für die gesamte Exportindustrie und den Tourismus. Täuschend wirkt: Viele Schweizer Hersteller verkaufen immer nur noch teurere Uhren, die mit noch etwas mehr Gold und Diamanten verziert sind. Das schlägt sich zwar positiv in den Werten der Exportstatistiken nieder. Aber was die Industrie braucht, ist Wachstum in Stückzahlen, und das ist längst nicht so hoch.

Wo sehen Sie sonst noch Gefahren?

Das Problem ist, dass die Swatch Group nahezu die ganze Schweizer Uhrenbranche mit mechanischen Uhrwerken beliefert – und beliefern muss! Damit lastet die Innovation zum grössten Teil auf der Swatch Group, statt dass es eine gesunde Konkurrenz gibt. Diese Situation ist ungesund. Störend ist zudem, dass viele Marken behaupten, sie würden Uhrmacherkunst beherrschen – dabei baut man einfach unsere Werke ein.

Aber Sie verdienen Geld am Verkauf der Uhrwerke.

Wir verdienen unser Geld mit dem Verkauf von Uhren, nicht mit Werken.

Das Luxussegment boomt. Wie lange wird das noch so weitergehen?

Für Uhren von anerkannten Manufakturen wird es immer einen Markt geben. Irgendwann wird das Wachstum aber etwas abklingen, denn es gibt so oder so etwas wie eine natürliche Bremse. Wegen der vielen komplizierten und äusserst anspruchsvollen Produkte können gar keine grossen Stückzahlen hergestellt werden. Das ist gut so: Denn grössere Produktionsmengen würden die Exklusivität der Marke kaputt machen. Das langfristige starke Wachstum wird aus dem oberen, mittleren und unteren Preissegment kommen, nicht primär aus dem Luxussegment.

Die Swatch Group wächst und wächst. Sie wollen 8 Milliarden Umsatz übertreffen. Das ist ambitiös.

Ich habe vor drei Jahren gesagt, dass die Swatch Group aus eigener Kraft bis auf einen Umsatz von 10 Milliarden Franken wachsen kann. Ohne die extreme Überbewertung des Schweizer Frankens hätten wir das heute fast erreicht. Die Zielsetzung für dieses Jahr ist noch immer, dass wir versuchen, die Marke von 8 Milliarden Umsatz knacken. Dafür müssen wir aber Tag für Tag kämpfen, und viel hängt von den Wechselkursen ab.

Wenn man die Swatch-Group-Website anschaut, sieht man auf den ersten Blick vor allem Bilder Ihres Vaters Nicolas G. Hayek. Sie hingegen sind nicht so präsent.

Mein Vater ist der Gründer dieses Unternehmens. Sein Geist lebt in der Firma weiter, auch dadurch, wie meine Schwester Nayla, mein Neffe Marc und ich in der Gruppe arbeiten. Die Philosophie und die Strategie ist jene, die unser Vater eingebracht hat. Dafür hat er die starke Präsenz verdient.

Regisseur, CEO, Pilot

Der 58-jährige Nick Hayek ist seit 2003 CEO der Swatch Group. Er ist Sohn des 2010 verstorbenen Retters der Schweizer Uhrenindustrie, Nicolas G. Hayek. Zum Swatch-Konzern gehören 19 Uhrenmarken, darunter Breguet, Blancpain, Omega, Tissot und Swatch. 2011 war die Swatch Group nach Umsatz gerechnet der grösste Uhrenkonzern der Welt. Nick Hayek brach sein Wirtschaftstudium in St. Gallen nach kurzer Zeit ab und besuchte eine Filmakademie in Paris. In den Achtzigerjahren wirkte Hayek als Produzent und Regisseur. Zur Swatch Group stiess Nick Hayek 1994 als Marketingleiter der Uhrenmarke Swatch. Er ist verheiratet und wohnt im Kanton Zug. Hayek besitzt den Pilotenschein und fliegt ab und zu mit dem Helikopter in die Konzernzentrale nach Biel.

Familie Hayek darf nicht bauen

Der Schutz der Landschaft am Hallwilersee im Kanton Aargau wird nicht gelockert. Das hat das Aargauer Kantonsparlament diese Woche entschieden. In Meisterschwanden hätte unter anderem die Uhrenfamilie Hayek an bester Lage ein zweites Haus bauen können. Von sieben Hektaren Land, das die Gemeinde umzonen wollte, beanspruchten die Hayeks aber nur 0,6 Hektaren. Meisterschwanden ist u.a. wegen der Familie Hayek die steuergünstigste Gemeinde des Kanton Aargau. Zum gescheiterten Umzonung wollte sich Nick Hayek nicht äussern.

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