Aktualisiert 13.08.2019 14:36

WWF-Studie

Die Hälfte aller Waldtiere ist bereits ausgestorben

Der WWF fordert, den «planetaren Wald-Notstand» auszurufen. Grund: Der Tierbestand in Wäldern ist weltweit um 50 Prozent zurückgegangen.

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Der Begriff Waldsterben bekommt fast eine neue Bedeutung: Laut einer WWF-Untersuchung sind die Tierbestände, die auf diesen Lebensraum spezialisiert sind, seit den 1970er-Jahren vielerorts stark zurückgegangen.

Zwischen 1970 und 2014 schrumpften die 455 untersuchten Populationen um durchschnittlich 53 Prozent, wie die Umweltstiftung WWF unter Berufung auf eine eigene Analyse mitteilte. Besonders betroffen seien die Tropen und der Amazonas-Regenwald. Als Hauptgrund für die Entwicklung wird «durch Menschen verursachter Lebensraumverlust» genannt.

Im Bericht «Below The Canopy» (dt: «Unter dem Blätterdach») ist auch von «leeren Wäldern» in manchen Regionen die Rede: Wälder, die auf den ersten Blick intakt erscheinen, in denen aber kaum noch Tiere lebten.

Planetarer Wald-Notstand

Der WWF forderte die Staatengemeinschaft auf, «den planetaren Wald-Notstand zu erklären». Zudem müssten umfassende Vereinbarungen gegen den Verlust der Biodiversität, für den Kampf gegen die Klimaerwärmung und für nachhaltiges Wirtschaften getroffen werden. «Wenn wir den weltweiten Rückgang der biologischen Vielfalt umkehren und die Klimakrise verhindern wollen, müssen wir die Wälder und die dort lebenden Arten schützen», teilte Susanne Winter vom WWF mit. «Denn Wälder sind unser grösster natürlicher Verbündeter im Kampf gegen die Erderhitzung.»

Waldzustand und Klima hängen zusammen, weil Wälder riesige Kohlenstoffspeicher sind. Tiere übernehmen dabei wichtige Funktionen. Insbesondere in riesigen Wäldern Südamerikas und Afrikas würde mit einem Verlust grosser Vögel und Primaten auch ein Rückgang des dort gebundenen Kohlenstoffs einhergehen, heisst es im Report. Viele für den Klimaschutz wichtige Baumarten seien schliesslich darauf angewiesen, dass ihre Samen von Tieren verbreitet werden.

«Wälder sind unser grösster natürlicher Verbündeter im Kampf gegen die Erderhitzung.»

In der Analyse werden auch Beispiele genannt, in denen sich Arten bereits wieder erholen konnten. Bei Gorillas in Zentral- und Ostafrika zum Beispiel wird von einem Wiederanstieg der Zahl ausgegangen: auf rund 1000 Exemplare. Dazu hätten Massnahmen wie eine enge Zusammenarbeit mit der lokalen Bevölkerung, Patrouillen gegen Wilderer und regulierter Öko-Tourismus beigetragen.

Datenlücken in vielen Regionen

Insgesamt flossen in den Report Daten von 268 Wirbeltierarten ein, die in Wäldern leben oder komplett von ihnen abhängig sind: Vögel, Säugetiere, Amphibien und Reptilien. Die Autoren weisen allerdings auf Lücken bei der systematischen Erfassung in vielen Regionen hin. An der Arbeit waren das UNO-Weltüberwachungszentrum für Naturschutz und die Zoologische Gesellschaft London beteiligt.

Der Trend in Europa sei im Untersuchungszeitraum ab 1970 eher positiv, ausgehend von einem niedrigen Niveau, erläuterte ein WWF-Sprecher auf Anfrage. Das liege daran, dass die Tiere in unseren Regionen schon zu einem früheren Zeitpunkt stark dezimiert worden seien.

Es sieht nicht gut aus

Frühere, noch umfassendere WWF-Untersuchungen zu Beständen von Wirbeltierarten generell zeigten ebenfalls eine dramatische Entwicklung: Laut dem «Living Planet Report» von 2018 (hier als Pdf herunterladbar) schrumpften die untersuchten 16'700 Populationen um im Schnitt 60 Prozent zwischen 1970 und 2014. Als Beispiele besonders betroffener Arten wurden der Irawadi-Delfin, die Feldlerche, das Rebhuhn und der Stör genannt.

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2018 war kein gutes Jahr für die Tiere: Einige Arten erweitern ihre Lebensräume zwar aufgrund der Klimaerwärmung, beispielsweise der Bienenfresser. Doch erneut sind viele Arten stark gefährdet. Der WWF zieht Bilanz zu den Gewinnern und Verlierern 2018.

2018 war kein gutes Jahr für die Tiere: Einige Arten erweitern ihre Lebensräume zwar aufgrund der Klimaerwärmung, beispielsweise der Bienenfresser. Doch erneut sind viele Arten stark gefährdet. Der WWF zieht Bilanz zu den Gewinnern und Verlierern 2018.

WWF/Tomas Hulik
Zu den Verlierern des Jahres 2018 zählt die Schneeeule. Bisher galt der Vogel als weit verbreitet, sein Bestand wurde auf 200'000 Tiere geschätzt. Nur 28'000 Vögel sind es tatsächlich. Jetzt gelten Schneeeulen als «bedroht». Der Bestand der arktischen Vögel könnte weiter sinken.

Zu den Verlierern des Jahres 2018 zählt die Schneeeule. Bisher galt der Vogel als weit verbreitet, sein Bestand wurde auf 200'000 Tiere geschätzt. Nur 28'000 Vögel sind es tatsächlich. Jetzt gelten Schneeeulen als «bedroht». Der Bestand der arktischen Vögel könnte weiter sinken.

WWF / Michael Caroff
Auch die mongolische Saiga-Antilope zählt zu den Verlierern. Anfang 2017 fielen Tausende einer schlimmen Seuche zum Opfer. Der harte Winter 2017/2018 schwächte die Bestände noch weiter. Nach Zählungen im Mai 2018 haben nur 3000 Tiere überlebt.

Auch die mongolische Saiga-Antilope zählt zu den Verlierern. Anfang 2017 fielen Tausende einer schlimmen Seuche zum Opfer. Der harte Winter 2017/2018 schwächte die Bestände noch weiter. Nach Zählungen im Mai 2018 haben nur 3000 Tiere überlebt.

WWF/ Cherniye Zemli

Vor wenigen Tagen veröffentlichten Forscher eine Studie zur Entwicklung grosser Süsswassertiere, die noch massivere Verluste aufzeigte: Bei Arten mit einem Gewicht von mehr als 30 Kilogramm seien die weltweiten Populationen von 1970 bis 2012 um 88 Prozent zurückgegangen, hiess es. Dazu zählten etwa Flussdelfine, Biber, Krokodile, Riesenschildkröten und Störe.

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Wirklich glücklich schaut dieser Nasenaffe nicht aus. Möglicherweise weil er weiss, dass es in freier Wildbahn eng für ihn geworden ist. Sein Lebensraum, die Wälder Borneos, wird immer kleiner. Das ist ein grosses Problem, denn in Gefangenschaft lässt er sich nur schlecht halten.

Wirklich glücklich schaut dieser Nasenaffe nicht aus. Möglicherweise weil er weiss, dass es in freier Wildbahn eng für ihn geworden ist. Sein Lebensraum, die Wälder Borneos, wird immer kleiner. Das ist ein grosses Problem, denn in Gefangenschaft lässt er sich nur schlecht halten.

Tim Flach/In Gefahr. Bedrohte Tiere im Porträt
Vom Aussterben bedroht ist die Madagassische Schnabelbrustschildkröte. Ihr machen vor allem Wilderer das Leben schwer. Um die Tiere vor diesen zu schützen, werden ihre Panzer markiert. Das ist schmerzlos und macht den begehrtesten Part der Tiere – den Panzer – für die Wilderer unbrauchbar.

Vom Aussterben bedroht ist die Madagassische Schnabelbrustschildkröte. Ihr machen vor allem Wilderer das Leben schwer. Um die Tiere vor diesen zu schützen, werden ihre Panzer markiert. Das ist schmerzlos und macht den begehrtesten Part der Tiere – den Panzer – für die Wilderer unbrauchbar.

Tim Flach/In Gefahr. Bedrohte Tiere im Porträt
Ebenfalls vom Aussterben bedroht ist der Philippinenadler, der auch als Affenadler bekannt ist. Zwar gilt er seit 1995 in seiner Heimat als Nationalvogel, doch das hindert die Menschen nicht daran, ihm zuleibe zu rücken – sei es durch Wildern oder mittels Abholzung.

Ebenfalls vom Aussterben bedroht ist der Philippinenadler, der auch als Affenadler bekannt ist. Zwar gilt er seit 1995 in seiner Heimat als Nationalvogel, doch das hindert die Menschen nicht daran, ihm zuleibe zu rücken – sei es durch Wildern oder mittels Abholzung.

Tim Flach/In Gefahr. Bedrohte Tiere im Porträt

(fee/sda)

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