Haie in Sharm el-Sheik: «Die Haie fühlten sich wohl angegriffen»
Aktualisiert

Haie in Sharm el-Sheik«Die Haie fühlten sich wohl angegriffen»

Die Attacken am Roten Meer waren ein Unfall, kein Angriff, sagt Hai-Experte Erich Ritter. Er fordert die Ägypter auf, endlich Hai-Prävention zu betreiben.

von
Joel Bedetti

20 Minuten Online: Herr Ritter, gibt es neues von Ihren Kollegen am Roten Meer?

Erich Ritter: Sie werten zurzeit die Daten aus und versuchen den Unfallhergang zu rekonstruieren. Ich gehe davon aus, dass ausgeworfene Köder so viele Haie ins flache Wasser getrieben haben. Das ist eine absolute Ausnahme.

Was war der Grund für die Attacke?

Attacke ist das falsche Wort. Ich würde es einen Unfall nennen. Die Bissspuren, die ich auf den Fotos gesehen habe, sehen für mich nach einer defensiven Haltung der Haie aus. Der Unfall könnte so gelaufen sein: Die Haie bissen zuerst zu, um zu sehen, ob sie den Geruch dieses Lebewesens kennen - so wie wir etwas anfassen, um zu prüfen, ob wir seine Beschaffenheit kennen. Danach wehrten sich die Opfer und stiessen die Haie, worauf sich die Haie angegriffen wähnten und fester zubissen.

Könnte es nicht ein Versehen gewesen sein?

Dass ein Hai versehentlich zubeisst, ist ein Mythos, der in der Idee wurzelt, der Hai sei ein dummer Brutalo. Haie sind intelligente Tiere und verwechseln Tiere nicht einfach so. Sie beissen zu, wenn sie nicht sicher sind, ob sie etwas kennen.

Sie vermuten eine Futterkonzentration als Ursache, dass so viele Haie im flachen Wasser schwammen. Woher könnte der Köder stammen?

Es könnte konzentriertes Abwasser gewesen sein, weggeworfener Fisch von Kuttern - oder Köder, die von Tauchbooten ausgeworfen wurden. Seit einigen Jahren suchen Taucher immer einen grösseren Kick, Haie möglichst nahe zu sehen. Das ist am Roten Meer zwar verboten, aber ich habe mit eigenen Augen gesehen, dass es trotzdem getan wird.

Wie kann man herausfinden, was es war?

Es wird wichtig sein, die Meeresströmungen am Unfalltag herzuleiten - dann kann man eruieren, woher der Köder kam, der die Haie in Strandnähe geleitet haben könnte.

Die Strände am Roten Meer haben wieder geöffnet. Eine gute Idee?

Ich hätte erstens gewartet, bis man mehr Durchblick hat, wie die Unfallserie zustande gekommen ist. Zweitens kann man einen Strand öffnen, wenn man ihn kontrollieren kann - aber das können die Ägypter nicht.

Wieso nicht?

Sie investieren nichts in Prävention. Wir zeigen auf den Bahamas den Strandwächtern, auf was sie schauen müssen, um Haie zu entdecken, und wie sie sie vertreiben können. Dazu muss man geschult sein und sich mit dem Tier befassen. Ausserdem gehört eine technologische Ausrüstung, zum Beispiel Videoüberwachung, zu einer Hai-Prävention. Man muss halt investieren. Das Problem ist auch, dass eine gute und deshalb sichtbare Hai-Prävention auf Touristen abschreckend wirkt - obwohl sie sicherer sind.

Wie werden die Ägypter reagieren?

Ich weiss es nicht. Ich hoffe, dass sie jetzt nicht Jagd auf alles machen, was schwimmt und Zähne hat, sondern gute Strandwächter ausbilden. Das ist wohl weniger aufwändig, als, wie jetzt, im Nachhinein einen Unfall zu rekonstruiern und einer Familie erklären zu müssen, wieso ihr Vater oder ihre Mutter von einem Hai getötet wurde.

Der Haiversteher

Erich Ritter studierte in Zürich Meereskunde. Seit über 15 Jahren beschäftigt er sich mit den Begegnungen von Haien mit Menschen. Regelmässig wird er als Experte herangezogen, wenn Hai-Angriffe auf Menschen aufgeklärt werden müssen. Ritter forscht am Hai-Forschungszentrum Shark Education & Research Center auf den Bahamas. Dort führt er auch seine Shark School, an der er Taucher und andere Wassersportler im Umgang mit den Meeresräubern unterrichtet.

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