Attentat von Zug: «Die hasserfüllte Stimme verfolgte mich»
Aktualisiert

Attentat von Zug«Die hasserfüllte Stimme verfolgte mich»

Der grüne Nationalrat Jo Lang war vor zehn Jahren dabei, als Friedrich Leibacher im Zuger Kantonsparlament ein Massaker anrichtete. Noch jahrelang dachte er täglich daran.

von
pbl

Landschreiber Tino Jorio erinnert sich an das Attentat. (Video: Keystone)

Langsam rücke die Erinnerung in den Hintergrund, komme aber immer wieder hoch, sagt Lang im Gespräch mit der sda. Während des Attentats am 27. September 2001 befand sich der damalige Kantonsrat im Parlamentssaal zufällig in einem Gang, den Leibacher nicht frontal beschoss. «Es war alles eine Frage der Zeit», sagt Lang: «Er kam nicht mehr dazu, von vorne auf uns zu schiessen.» Klar sei: «Er wollte uns alle umbringen.»

Diese Erkenntnis sei später auch für jenen unverletzt gebliebenen Regierungsrat wichtig gewesen, dessen Namen der Attentäter immer schrie. Es war nicht so, dass die anderen an seiner Stelle getötet wurden. Zweieinhalb Minuten dauerte der endlos scheinende Beschuss. Während dieser Zeit sei er «hochkonzentriert auf seine Stimme und auf die Schüsse» gewesen, sagt Lang. «Diese hasserfüllte Stimme. Sie verfolgte mich viel länger als die Schüsse.» Er hörte die Magazinwechsel und schloss daraus auf die Anzahl Schüsse.

Gedanken an den Tod verdrängt

Die Todesgefahr verdrängte der damalige Kantonsrat. Er stellte sich vor, der Täter schiesse in die Decke. So wie er es in den Fernsehberichten über den Angriff auf das spanische Parlament im Jahr 1981 gesehen hatte. Nur einmal blitzte der Gedanke an den Tod in seinem Kopf auf: «Ich will nicht so jung sterben wie meine Mutter.» Seine Mutter war mit 41 Jahren gestorben, als Lang 15 Jahre alt war, das älteste von acht Kindern.

Da Lang sich als Historiker und Pazifist schon seit Jahrzehnten wissenschaftlich mit der Verknüpfung von Waffe und Würde auseinandergesetzt hatte, war «eine Schublade» für die Vorgänge bereit: «Da versucht einer, mit der Waffe seine Ehre wiederherzustellen.» Und als er das Sturmgewehr zu Boden scheppern und gleich darauf den Knall eines Pistolenschusses hörte, ordnete er auch dies sachlich ein: «Jetzt hat er sich mit der Waffe der Ehre, der Offiziere, selbst umgebracht.»

«Ich dachte, sie sind bewusstlos»

Gleich darauf wurde Lang für kurze Zeit bewusstlos. Als er zu sich kam, sah er überall Feuer und der ganze Saal war eingenebelt: Der Attentäter hatte einen Kanister explodieren lassen. «Jemand rief ‹Jo, geh raus›, oder so.» Lang sah nichts im Rauch, stiess aber auf zwei am Boden liegende Menschen, die sich nicht rührten, auch als er sie an die Schulter fasste. «Ich dachte, sie sind bewusstlos.»

Vor dem Saal standen einige Menschen über eine am Boden liegende Person gebeugt. «Ich sah nur den bunten Rock von Regierungsrätin Monika Hutter. Der war mir am Morgen aufgefallen.» Die Leute riefen ihren Namen, und in ihren Stimmen war etwas – «da ging mir zum ersten Mal durch den Kopf, dass es Tote gegeben haben könnte».

Das Ausmass der Tragödie erfuhr Lang später am Tag eher zufällig. Die Betroffenen waren evakuiert worden, die Rettungs- und Polizeiarbeiten liefen, Gerüchte machten die Runde. «Um etwa 12.30 Uhr wurde ich in ein Zimmer gerufen, wo Rettungsleute sassen. Und die hatten vergessen, das Radio abzustellen.»

Nun war sein vordringliches Problem, seine Lebenspartnerin in den Ferien zu erreichen. Denn die Nachricht würde innert Minuten in der Welt verbreitet. Nach vielen vergeblichen Versuchen erreichte er einen der Söhne. «Ich sagte nur: ‹Lauf und sag, ich lebe und sei gesund.›» Und tatsächlich habe sie am Strand schon mit Leuten gesprochen, die Radio gehört hatten.

Existenzielle Erfahrung

Jahrelang hat das schreckliche Geschehen Lang Tag für Tag verfolgt. Erst nach vier, fünf Jahren wurde ihm einmal bewusst, «dass nun eine Woche vergangen war, in der ich einen Tag lang nicht daran gedacht hatte». Heute erinnert er sich vor allem «wenn ich am Regierungsgebäude vorbeigehe oder die Sicherheitsschleuse im Bundeshaus passiere».

Die Erinnerungen der Überlebenden unterscheiden sich alle. Noch heute sind sie aber durch das gemeinsame Erleben verbunden – über alle Parteigrenzen hinaus. «Wir waren nur noch eines: Mensch. Nichts anderes existierte mehr.» Man spreche nicht darüber, sagt Lang, aber «etwas von dieser existenziellen Erfahrung bleibt». (pbl/sda)

Deine Meinung