WM-Serie: 1994: Die Heulsuse, die den herzigen Torjubel erfand
Aktualisiert

WM-Serie: 1994Die Heulsuse, die den herzigen Torjubel erfand

Filigran, abschlussstark, sensibel, einfallsreich: Der Brasilianer Bebeto prägte die WM 1994 in den USA. Auch, weil er seinem Sohn ein Tor mit einer besonderen Geste widmete.

von
Kai Müller

Es ist so eine Sache mit Bildern für die Ewigkeit. Sie gehen um die Welt, dutzendfach, tausendfach, und machen die Protagonisten auf einen Schlag berühmt – oder noch berühmter. Im Extremfall überblendet eine einzige Szene im Rückblick eine ganze Sportlerkarriere. José Roberto Gama de Oliveira, mittlerweile 50-jährig, sagt: «Ich hätte mir nie vorstellen können, dass sich die Leute bis heute daran erinnern. Überall, wo ich hinkomme, imitieren sie meinen Jubel.»

Der Brasilianer ging als Bebeto in die Fussballgeschichte ein, als jener Mann, der dem Torjubel an der WM 1994 in den USA eine neue Dimension verlieh. Als der feingliedrige Angreifer mit dem Gesicht eines Jünglings beim 3:2 im Viertelfinal gegen Holland in Dallas das 2:0 erzielte, lief er mit schaukelnden Armen zur Seitenlinie, wo Sturmpartner Romário und Mazinho, der Vater des heutigen Bayern-Spielers Thiago, in die Choreografie einstimmten. Zu dritt wiegten sie Bebetos zwei Tage zuvor geborenen Sohn Mattheus fiktiv in den Schlaf.

Der rührende und später oft kopierte Jubel bot gleichzeitig ein Abbild der Harmonie im brasilianischen Team. Besonders das kongeniale Sturmduo Romário/Bebeto, das Brasilien mit acht Toren zum vierten WM-Titel führte, riss sich für das Turnier zusammen, begrub die gegenseitige Antipathie. Die beiden waren erbitterte Rivalen, kämpften in den frühen 1990er-Jahren um den Titel des Torschützenkönigs in Spanien, Bebeto für La Coruña, Romário für Barcelona. Vor allem aber fanden sie wegen ihrer unterschiedlichen Charaktere lange keinen Zugang zueinander. Romário sagte einmal: «Bebeto ist ein Familienmensch, ich bin ein Strassenkater.» An der WM 1998 in Frankreich profitierte Bebeto dann ausgerechnet von einer Verletzung Romários, wurde Stammspieler und dreifacher Torschütze jener Mannschaft, die sich beim 0:3 im Final vom Gastgeber dominiert sah.

Waden einer Ziege, Bizeps eines Professors

Der Weg des tiefgläubigen Edeltechnikers blieb zwar skandalfrei, einfach im Umgang war Bebeto trotzdem nicht. In der Heimat erlangte er schnell den Übernamen «chorão», Heulsuse. Er galt gerade in den Anfängen seiner Karriere als Sensibelchen, ein kritisches Wort genügte, um ihn in eine Sinnkrise zu stürzen. Und sein Körper war zerbrechlich. Als Flamengo Rio de Janeiro den 19-Jährigen 1983 für 400'000 Dollar – die bis dato höchste Ablösesumme für einen Nachwuchsspieler in Brasilien – von Vitória übernahm, wog er lediglich 53 kg. «Waden wie eine Ziege und ein Bizeps wie ein Philosophie-Professor», beschrieb eine Zeitschrift seine Statur.

Trotzdem avancierte der 1,77 m grosse Goalgetter dank zahlreicher Tore zum Klubidol. 1989 zog es Bebeto zum Stadtrivalen Vasco da Gama, ehe er drei Jahre später den längst erwarteten Sprung nach Europa wagte. Er hatte zwar bei Borussia Dortmund unterschrieben, liess sich jedoch vom damaligen Deportivo-Präsidenten umstimmen und stürmte fortan für La Coruña. Mit 86 Ligatoren in vier Saisons ist er bis heute der erfolgreichste Torjäger des Klubs.

Als Romário Bebeto entliess

Sesshaft wurde Bebeto danach nicht mehr. Die Kadenz seiner Wechsel erhöhte sich, Transfers folgten im Halbjahres- oder Jahresrhythmus. Er fand temporär Arbeit in Brasilien, Spanien, wieder Brasilien, Mexiko, Japan, noch einmal Brasilien und zum Schluss in Saudi-Arabien, wo er 2002 nach fünf Spielen für Al-Ittihad endgültig genug hatte.

Nach dem Ende seiner Aktivzeit blieb es lange still um Bebeto, stand nicht gerade eine WM samt obligaten Rückblenden vor der Tür. Bis eine Schlagzeile die Runde machte: «Romário feuert Bebeto». Weil er als Trainer bei America FC Rio de Janeiro keine überzeugenden Resultate lieferte, entliess ihn Klubmanager Romário im Februar 2010 – nach nur acht Spielen.

Die Schicksale der früheren Sturmpartner scheinen untrennbar miteinander verknüpft zu sein. Beide stiegen in der Folge in die Politik ein. Bebeto sitzt heute im Regionalparlament des Bundesstaates Rio de Janeiro und ist Botschafter der Endrunde 2014. Romário sitzt im Bundesparlament und ist Chefkritiker der Heim-WM. Vor einigen Monaten sagte Bebeto: «Romário wird für immer mein Freund bleiben. Aber er hat nunmal seine Ansichten, und ich habe meine.» Dass die beiden unterschiedlicher Meinung sind, überrascht nicht. Weitaus bemerkenswerter ist, dass sie doch noch zu Freunden wurden.

Bebetos legendärer Torjubel im Video. (Quelle: Youtube)

WM-Serie

Am 12. Juni beginnt mit dem Eröffnungsspiel in São Paulo die Fussball-WM in Brasilien. In einer Serie wirft 20 Minuten einen Blick auf vergangene Weltmeisterschaften, auf Stars und Helden, auf Geschichten und Anekdoten von damals.

USA 1994

17. Juli 1994: Brasilien – Italien 3:2 n.P. (0:0, 0:0)

Stadion: Rose Bowl, Los Angeles/Pasadena

Zuschauer: 94’194

Schiedsrichter: Puhl (Ungarn)

Tore: Fehlanzeige (Penaltyschiessen: Baresi – verschossen, Marcio Santos – verschossen, Albertini 0:1, Romarío 1:1, Evani 1:2, Branco 2:2, Massaro – verschossen, Dunga 3:2, Baggio - verschossen.

Brasilien: Taffarel; Aldair, Marcio Santos, Mauro Silva; Jorginho (21. Cafú), Dunga, Branco; Mazinho, Zinho (106. Viola); Bebeto, Romarío. (Trainer: Parreira)

Italien: Pagliuca; Mussi (34. Apolloni), Maldini, Baresi, Benarrivo; Donadoni, Albertini, D. Baggio (95. Evani), Berti; R. Baggio, Massaro. (Trainer: Sacchi)

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