Aktualisiert 16.05.2011 13:12

Politiker im Tal der TränenDie Heulsuse unter den Republikanern

John Boehner ist Barack Obamas mächtigster politischer Gegner. Doch der Konservative hat nahe am Wassser gebaut. Vielleicht zu nahe.

von
Adrian Eng

«Der Typ hat ein emotionales Problem», urteilte die US-TV-Ikone Barbara Walters einst über den Mehrheitsführer im US-Repräsentantenhaus, nachdem er in einem Fernsehinterview plötzlich zu weinen begann. John Boehner fällt immer wieder damit auf, wie er unvermittelt und ohne offensichtlichen Anlass seinen Gefühlen freien Lauf lässt. Der stärkste Mann in der US-Politik ist offenbar eine Heulsuse.

Jüngstes Beispiel ist sein Weinkrampf an diesem Wochenende bei einer Rede an der Catholic University in Washington D.C. Boehner sprach über seinen Entscheid im Jahr 2006, Mehrheitsführer im Repräsentantenhaus zu werden. Um einen Rat der heiligen Jungfrau Maria habe er gebeten, erzählte er dem Publikum. Diese habe sich zwar in der Kirche nicht bei ihm gemeldet, doch wenige Stunden später habe ihm sein alter Football-Coach per Telefon Mut gemacht. Der bereits schluchzende Boehner weiter: «Er sagte mir, dass ich es schaffen kann. Ich habe noch nie einen Telefonanruf von der heiligen Mutter bekommen, aber das war sehr nahe dran.» Danach musste er sich die Tränen aus den Augen wischen.

Pelosi und Obama brachten ihn zum Weinen

Seinen letzten öffentlichen Gefühlsausbruch hatte Boehner im Januar dieses Jahres, als er zum zweiten Mal sein Amt als Mehrheitsführer antrat. Als die abtretende Demokratin Nancy Pelosi eine Lobrede auf ihren Nachfolger hielt, konnte sich Boehner nicht mehr zusammenreissen. Er sei ein Mann, der an Gott, Vaterland und die Familie glaube, sagte die sichtlich amüsierte Pelosi. Der starke Mann im Parlament heulte wie ein Schlosshund.

Ähnliches ereignete sich auch in der Wahlnacht vergangenen Jahres im November, als die Republikaner einen Erdrutschsieg errungen hatten. Oder im Dezember in besagtem Interview mit Barbara Walters, als er gleich mehrmals die Kontrolle verlor. Die sichtlich überraschte Moderatorin fragte daraufhin seine Frau: «Weint er immer so viel?» Sogar sein politischer Erzfeind Barack Obama brachte ihn zum Weinen, als er vor versammeltem Kongress auf dessen Lebensgeschichte anspielte.

Gott, Vaterland und Familie: In der Tat sind es diese drei Themen, die John Boehners Emotionen wecken. Er könne keine Kinder anschauen, ohne zu weinen, sagte er einst. Beim Ausdruck «The American Dream» schiessen ihm automatisch die Tränen in die Augen und auch wenn er von seiner schwierigen Kindheit mit seinen elf Geschwistern und der Arbeit in der Kneipe des Vaters spricht, gibt es kein Halten mehr.

Ab fünf Uhr Abends in der Bar

Im Medienland USA haben Boehners Weinanfälle eine Kontroverse ausgelöst. Über die Ursachen wird heftig spekuliert. Ist er schlicht ein solch emotionaler Mensch? Hat er Depressionen? Ist es Kalkül? Antworten auf diese Fragen blieben bis heute unbeantwortet. Allerdings hält sich seit Jahren das Gerücht, dass Boehner ein Alkoholproblem habe.

Seine Zuneigung zum Wein ist in Washington ein offenes Geheimnis. Präsident Obama berichtete, er sei einst an einer Party mit Boehner zusammengestossen. Boehner habe Eierlikör getrunken. Dieser entgegnete: «Nein, es war Wein!» Und auch andere US-Politiker berichten über Boehners Alkoholgenuss: «Ab fünf oder sechs Uhr Abends sieht man ihn immer in den Bars.» Boehner zeige diverse Anzeichen eines starken Trinkers, urteilen Gesundheitsexperten in den USA.

Die Öffentlichkeit scheint sich jedoch an den weinenden Republikaner gewöhnt zu haben. Spasseshalber wird er auch als «Weeper of the House» bezeichnet (zu deutsch: «Weiner des Hauses», in Anlehnung an die amerikanische Bezeichnung für den Mehrheitsführer «Speaker of the House»). Und auch in vielen Internetblogs kursiert die Meinung: «Lasst den Mann weinen!»

John Boehners Rede an der Catholic University dieses Wochenende:

Barack Obama bringt John Boehner zum weinen:

Nancy Pelosi übergibt an den weinenden John Boehner: (Ab 9 Minuten 20 Sekunden)

John Boehner darüber, warum er keine Kinder sehen kann:

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