«Long hot summer effect»: Die Hitzewelle macht uns aggressiv
Aktualisiert

«Long hot summer effect»Die Hitzewelle macht uns aggressiv

Die vielen Gewalttaten in den letzten Tagen sind kein Zufall: Bei hohen Temperaturen sind wir laut Wissenschaftlern deutlich aggressiver.

von
Nikolai Thelitz
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Vor dem Zürcher Seerestaurant Quai 61 kam es in der Nacht auf Sonntag zu einem Streit und einer Messerattacke. Ein 20-Jähriger musste danach notoperiert werden.

Vor dem Zürcher Seerestaurant Quai 61 kam es in der Nacht auf Sonntag zu einem Streit und einer Messerattacke. Ein 20-Jähriger musste danach notoperiert werden.

In Basel wurde in der Nacht auf Samstag ein 41-Jähriger an der Rheinberme auf der Höhe des Museums Kleines Klingental zu Tode geprügelt.

In Basel wurde in der Nacht auf Samstag ein 41-Jähriger an der Rheinberme auf der Höhe des Museums Kleines Klingental zu Tode geprügelt.

Am Samstagabend wurde am Basler Centralplatz ein Mann (38) von einem 80-Jährigen mit einer Stichwaffe lebensgefährlich verletzt. Der Täter wurde verhaftet.

Am Samstagabend wurde am Basler Centralplatz ein Mann (38) von einem 80-Jährigen mit einer Stichwaffe lebensgefährlich verletzt. Der Täter wurde verhaftet.

In der Nacht auf Samstag wurde ein Mann in Basel zu Tode geprügelt. Am Abend darauf wurde ein Mann (38) von einem 80-Jährigen mit einer Stichwaffe lebensgefährlich verletzt. In Zürich kam es in der Nacht auf Sonntag vor dem Restaurant Quai 61 zu einer lebensbedrohlichen Messerattacke, an der Langstrasse wurde am Freitag ein Mann mit einer Flasche und Tritten am Kopf verletzt. In Bern wurde ein Mann in der Nacht auf Sonntag mit einem Messer bedroht und dabei verletzt.

Verantwortlich für die Häufung von Straftaten könnte das heisse Wetter sein: Forscher weisen immer wieder einen Zusammenhang zwischen erhöhter Aggressivität und hohen Temperaturen nach. Das Ganze ist in der Wissenschaft als «long hot summer effect», also als «langer, heisser Sommer-Effekt» bekannt – benannt nach dem Sommer 1967, als in den USA in mehreren Städten Rassenunruhen ausbrachen.

Footballspieler foulen bei Hitze häufiger

Psychologe Craig A. Anderson und seine verschiedenen Forschungspartner konnten in zahlreichenStudien nachweisen, dass wir bei Hitze aggressiver sind. Laut den Forschern werden im Sommer mehr Gewalt- und Sexualverbrechen begangen und es gibt mehr gewaltsame Aufstände, je heisser das Wetter ist. Zudem reagierten Probanden in Experimenten bei höherer Temperatur aggressiver. Ein Forscherteam der Universität Michigan zeigte auf, dass auch die Baseballspieler ein aggressiveres Verhalten zeigen. Forscher der Texas Tech University fanden heraus, dass Footballspieler bei Hitze mehr Fouls begehen.

Und auch wer von anderen negativ bewertet wird, schlägt bei Hitze heftiger zurück: In einem Experiment der US-Forscher Paul A. Bell und Robert A. Baron verteilten die Teilnehmer bei hohen Temperaturen längere Elektroschocks an Personen, die sie vorher kritisiert hatten – bis zu einer Temperatur von 30 Grad. Bei 33 Grad sind die Kritisierten hingegen schon gutmütiger. Erhielten die Teilnehmer ein positives Feedback, schockierten sie das Gegenüber weniger lang. Auch hier nahm die Dauer aber mit der Temperatur zu.

Auch Polizisten reagieren laut einer Studie holländischer Forscher bei Hitze gereizter. So zückten die Beamten in einer Simulation bei 21 Grad zu 60 Prozent die Waffe, bei 27 Grad wurde die Waffe zu 85 Prozent gezückt. Die Polizisten schätzten zudem die gleiche Situation bei Hitze als kritischer ein als bei gemässigten Temperaturen.

«Die Hitze macht auch Polizisten zu schaffen»

«Im Sommer findet das Leben eher draussen statt, da kann es gut sein, dass es zu mehr Konflikten und Aggression kommt», sagt Johanna Bundi Ryser, Präsidentin des Verbandes Schweizerischer Polizei-Beamter. Zwar habe man dazu keine Untersuchungen gemacht, aber eine Tendenz sei durchaus denkbar. «Es gibt mehr Anlässe und Feiern im öffentlichen Raum, wo Alkohol konsumiert wird, entsprechend sind die Leute eher enthemmt und gewaltbereit.»

Dass auch die Polizisten gereizter sind, stellt Bundi Ryser in Abrede: «Die Polizisten sind auch für solche Extremsituationen gut ausgebildet und leisten ihren Dienst auch zu hundert Prozent unter denen zurzeit herrschenden extremen Wetterbingungen.» Natürlich sei es auch für die Polizisten zurzeit nicht einfach. «Die Hitze macht ohne Zweifel jedem zu schaffen.» Es sei aber auch an den Polizeikorps, für die richtigen Arbeitsbedingungen zu sorgen. So könnte man etwa mehr Pausen einlegen oder die Schichten wegen der Belastung kürzer gestalten. «In einem grossen Korps wurde am Montag etwa jeder Mitarbeiter an der Front mit einigen Flaschen Mineralwasser beliefert, das schätzen wir sehr», so Bundi.

Die Kantonspolizei Zürich führt keine Statistik darüber, ob bei Hitze mehr Gewaltdelikte begangen werden. Die Hitze stelle jedoch gerade die Kollegen, die auf der Autobahn im Einsatz seien, vor besondere Herausforderungen, sagt Sprecherin Rebekka Tilen: «Wenn man bei über 30 Grad auf dem heissen Asphalt in der Uniform einen Unfall protokolliert, hilft nur eines: viel trinken!»

Herr Roth*, warum macht uns die Hitze so aggressiv?

Verantwortlich ist unser limbisches System, welches auf Stress aller Art reagiert. Das kann eine lange Wartezeit, eine belastende Situation oder auch einfach die Hitze sein. Unser Hirn registriert Gefahr, und reagiert mit einer von drei Strategien: Flüchten, Kämpfen oder Erstarren. Die Aggression ist eine Verteidigungs-Reaktion unseres gestressten Körpers.

Was soll ich tun, wenn ich merke, dass ich Aggressionen entwickle?

Der Klassiker ist hier: Sich auf beide Füsse stellen und einmal tief ein- und ausatmen. Das funktioniert, weil dann der rationale Teil unseres Verstands einschaltet, das Grosshirn. Es kann uns dann von diesen Instinkt-Reaktionen abhalten.

Und was mache ich, wenn andere aggressiv sind und mich sogar bedrohen?

Das ist komplizierter, hier habe ich auch kein Patentrezept. Als Faustregel gilt, die Person nicht weiter zu provozieren, sondern auf die Aggressivität einzugehen. Man kann zum Beispiel sagen: «Oh, warum bist du denn so wütend?» oder direkt auf das heisse Wetter anspielen: «Hey, die Hitze macht uns schon zu schaffen, oder?»

*Erich Roth ist Deeskalationstrainer

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