Aktualisiert 16.10.2009 06:04

HP-Gewinnmarge

«Die HP-Löhne werden für alle gekürzt»

Selbst der Arbeitgeberpräsident meint: «Das hat es in der Schweiz noch nicht gegeben.» Trotz Riesengewinn will HP, dass seine 2000 Schweizer Mitarbeiter «freiwillig» auf bis zu 10 Prozent des Lohnes verzichten. Im Gespräch mit Mitarbeitern und Gewerkschaften zeigt sich schnell: «Freiwillig» ist ein äusserst dehnbarer Begriff.

von
Werner Grundlehner

Die Zeiten könnten trotz Krise kaum besser sein: HP weist Quartalsgewinne in Milliardenhöhe aus. HP-Chef Mark Hurd kassiert für das vergangenen Jahr inklusive Bonus 42 Millionen Dollar, unter den führenden Technologiefirmen gilt der IT-Riese aus Palo Alto als kerngesund. Und trotzdem will HP, dass seine Mitarbeiter auf einen Zehntel des Lohnes verzichten, freiwillig selbstverständlich, wie ein «Rundschau»-Bericht (siehe Box) im SF vor kurzem enthüllte.

Einige Firmen, wie die Alu Menziken kündigten vor wenigen Monaten ähnliche Schritte an - dies allerdings als quasi letzte Massnahme. Den HP-Ansatz, trotz glänzender Zahlen einen freiwilligen Lohnverzicht zu fordern, findet selbst Thomas Daum, Direktor des Schweizer Arbeitgeberverbandes, in der «Rundschau» fragwürdig: «HP hat Erklärungsbedarf. Denn das hat es in der Schweiz so noch nicht gegeben». Aber verzichten die Arbeitnehmer wirklich aus freien Stücken auf bis zu einem Zehntel ihres Gehalts?

In den USA ist der Lohnverzicht Pflicht

«Die Lohnreduktion ist wirklich freiwillig. Kein Vorgesetzter hatte eine Quote erhalten, die in seinem Bereich eingehalten werden muss», sagt Beat Welte, Sprecher von HP Schweiz. Und: «Erstaunlich viele haben mitgemacht.» Beim Lohnverzicht gibt es ein internes Progressionsmodell. Die vorgeschlagene Reduktion ist gemäss Welte einkommensabhängig – 2,5 Prozent für die tiefsten Einkommen, 10 Prozent für die höchsten.

Die Lohnreduktion ist nur für HP Europa freiwillig, – in den USA wurde sie für alle Mitarbeitenden vorgeschrieben. «Es stimmt, dass wir Marktführer sind und Marktanteile gewinnen, doch Margen und Umsätze sind auch bei uns unter Druck. Das Unternehmen muss reagieren», sagt Welte und bietet auch 20 Minuten Online gegenüber keine der geforderten Erklärungen, weshalb ohne wirtschaftliche Not zu solch drastischen Mitteln gegriffen wird.

«Die Mehrheit hat abgelehnt»

«Die Mehrheit der Angestellten hat Nein gesagt zum Vorschlag», glaubt ein HP-Mitarbeiter, der anonym bleiben will. Zu dieser Einschätzung kommt er auf Grund von Diskussionen mit Kollegen. Schlussendlich werde das aber keinen Einfluss haben, denn die Umfrage sei ja anonym per Brief durchgeführt worden. «Die Löhne werden für alle gekürzt werden», glaubt er. Es sei einfach nicht fair, dass der Konzern Riesengewinne ausweise und gleichzeitig die Löhne senke: «Das ist ein Transfer von Lohngeldern an die Aktionäre.» Als die Lohnsenkung im Frühling angekündigte worden sei, legte die HP-Aktie einige Prozente zu. «Die Lohnreduktion ist nur eine von vielen Sorgen, die uns plagen. Denn in allen globalen Tech-Unternehmen werden Jobs abgebaut oder in Billiglohnländer wie Indien verlegt», klagt der HP-Angestellte.

Keine Arbeitsplatzgarantie im Gegenzug

«HP schaltet auf stur», beklagt sich auch die Gewerkschaft Kommunikation. Die beiden Parteien haben noch diverse Punkte abzusprechen. Europaweit will HP gemäss Gewerkschaften 26 000 Stellen ohne Sozialplan streichen. In der Romandie sei es zudem zu zahlreichen «Verschiebungen» von Angestellten gekommen.

«Bezüglich Lohnverzicht haben wir HP Vorschläge unterbreitet, auf die wir jedoch noch keine Antworten erhalten haben», sagt Giorgio Pardini, Vizepräsident der Gewerkschaft Kommunikation. Die Gewerkschaft habe HP aufgefordert, den «freiwilligen» Lohnverzicht rückgängig zu machen. Falls dies nicht möglich sei, soll der Konzern eine Arbeitsplatzgarantie abgeben und ein Diskriminierungsverbot durchsetzen. Dies soll verhindern, dass Angestellte, welche die freiwillige Aktion ablehnen, später nicht durch Entlassung, Nichtbeförderung oder Ähnliches bestraft werden. Davon ist nichts in Sicht. In einem Zeitungsinterview schloss HP-Schweiz-Chefin Hauke Stars eine Arbeitsplatz-Garantie als Gegenleistung zum Lohnverzicht aus. Auch Beat Welte betont, eine Arbeitsplatz-Garantie sei nicht vorgesehen.

Schweizer Arbeiter sind zu «lieb»

Der liberale Arbeitsmarkt in der Schweiz erweist sich als Nachteil und nicht als Schutz. Pardini erklärt: «In Deutschland wurde der Lohnverzicht sowie ein Stellenabbau nach einem fast einmonatigen Streik der HP-Angestellten für drei Jahre ausgesetzt.» Schon mehrfach hat sich gemäss Pardini gezeigt, dass internationale Konzerne, die unter Kostensenkungsdruck stehen, die notwendigen Kürzungen in der Schweiz vornehmen, weil sie hier auf weniger Widerstand stossen als im angrenzenden Ausland.

Verbale Reaktionen heftig aber an der Ladenkasse nicht spürbar

Die Reaktion auf den Beitrag des Schweizer Fernsehens vor Wochenfrist war heftig. In Online-Foren und Leserbriefspalten macht sich die Bevölkerung ihrem Unmut Luft. Öfter werden harte Gegenmassnahmen gefordert und auch das Wort «Boykott» macht die Runde. Eine Mediensprecherin von Interdiscount sagte jedoch auf Anfrage, man habe diesbezüglich keine Kundenreaktion feststellen können.

Lohnverzicht ohne Not

Die «Rundschau» des Schweizer Fernsehen brachte den Sachverhalt an die Öffentlichkeit, der aber für die HP-Mitarbeiter schon seit Mai Realität ist. Der Technologieriese mit weltweit 320'000 Mitarbeitern fordert von seinen Mitarbeitern einen Lohnverzicht von 2,5 bis 10 Prozent. Weil der Konzern, der in der Schweiz rund 2000 Leute beschäftigt, Marktanteile gewinnt und nicht um die Existenz fürchten muss, erstaunt dieser Schritt.

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