Luchs auf der Terrasse – «Die Hunde bellten ihn an wie verrückt, doch er blieb seelenruhig stehen»
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Luchs auf der Terrasse«Die Hunde bellten ihn an wie verrückt, doch er blieb seelenruhig stehen»

In Belp treibt sich derzeit ein verwaister Jungluchs herum. Der Hunger treibt ihn bis auf die Häuser-Terrassen.

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Besuch einer Wildkatze: Am Donnerstagmittag guckte ein Luchs durch die Fenstertür von Familie Schumacher.

Besuch einer Wildkatze: Am Donnerstagmittag guckte ein Luchs durch die Fenstertür von Familie Schumacher.

Michaela Schumacher
Das sichtlich unterernährte Tiere ist auf der Suche nach Nahrung.

Das sichtlich unterernährte Tiere ist auf der Suche nach Nahrung.

Michaela Schumacher
Nicht einmal das Gebell von Schumachers Hunden konnte den Eindringling in die Flucht schlagen.

Nicht einmal das Gebell von Schumachers Hunden konnte den Eindringling in die Flucht schlagen.

Michaela Schumacher

Darum gehts

  • In Belp zieht derzeit ein junger Luchs umher. Bereits fielen ihm drei Hühner zum Opfer.

  • Wenn verwaiste Jungluchse Hunger leiden, legen sie ihre Scheu ab, sagt ein Wildtier-Experte.

  • Der zuständige Wildhüter hat Kenntnis vom Luchs in Belp.

«Mami, Mami, da ist ein Luchs vor unserem Haus!»: Michaela Schumacher nahm die aufgeregten Worte ihres Sohnes zunächst nicht ganz ernst. Sicherlich meine er einen Fuchs, belehrte sie den Bub, und schob in einer Mischung aus Spass und leichter Überheblichkeit nach, er schaue wohl zu viel fern. Als sie sich schliesslich zu ihm ins Wohnzimmer begab und aus dem Fenster blickte, war sie baff: «Genau vor unserer Gartentür stand tatsächlich ein junger Luchs.» Auch Schumachers beiden Hunden entging der Eindringling nicht: «Sie rannten zum Fenster und bellten ihn an wie verrückt, aber der Luchs blieb seelenruhig stehen. Das hat mir schon etwas Angst gemacht.»

Der Bernerin wurde in diesem Moment auch klar, dass sich der ungebetene Gast nicht zum ersten Mal bei ihr zuhause herumtrieb: «Am Mittwochabend wurden drei unserer Hühner getötet. Ich dachte zuerst, das sei ein Fuchs gewesen, aber jetzt weiss ich: Es war der Luchs.» Schumacher vermutet, dass dieser am Donnerstagmittag zurückkam, um seine Beute zu holen, die er am Vorabend verbuddelt hatte. Schumacher verständigte schliesslich den Wildhüter. Als dieser wenig später eintraf, hatte die Raubkatze aber bereits das Weite gesucht.

Geringe Überlebenschancen für verwaiste Jungluchse

Bei Luchsen im Siedlungsgebiet handle es sich meist um verwaiste Jungtiere, sagt Florin Kunz von der Stiftung Kora, dem Kompetenzzentrum für Raubtierökologie und Wildtiermanagement. Die im Frühsommer geborenen Tiere könnten nach wenigen Monaten zwar bereits grosse Strecken zurücklegen, würden jedoch bis zum Ende des ersten Lebensjahres von der Mutter abhängig bleiben. «Stösst der Luchsin in dieser Zeit etwas zu, ist unsicher, ob das Jungtier überleben wird», so der Wildtierbiologe. Je früher das Jungtier von der Mutter getrennt werde , desto kleiner seien die Überlebenschancen.

Jungluchse seien im Grunde sehr scheu. Doch treibe sie der steigende Hunger an den Rand der Siedlungsgebiete. «Bei den Menschen riecht es halt nach Essen», sagt Kunz. Dort fressen die unterernährten Grosskatzen dann alles, was ihnen vor die Nase kommt: Sie machen sich über Katzenfutter her oder dringen, wie im vorliegenden Fall, ins Hühnergehege ein. Für den Menschen würden Luchse aber keine Gefahr darstellen, sagt Kunz: «Mir sind keinerlei Fälle von Aggressionen gegen Menschen bekannt – schon gar nicht im Zusammenhang mit Jungtieren.»

Wildhüter hat Kenntnis

Bei Jungluchsen im Siedlungsgebiet rät der Experte, unverzüglich den Wildhüter zu verständigen. Dieser versuche, die Wildtiere einzufangen und untersuche sie. «Leider sind die Tiere dann oft schon zu abgemagert, als dass man sie noch gesund pflegen könnte, und müssen in der Folge euthanasiert werden», sagt er. Dennoch gebe es auch Fälle, in denen verwaiste Jungluchse wieder hätten aufgepäppelt und ausgesetzt werden können.

Das Berner Jagdinspektorat des Kantons Bern hat Kenntnis von einem Jungluchs im Siedlungsgebiet in Belp, der Wildhüter sei vor Ort gewesen. Weitere Auskünfte könnten derzeit nicht erteilt werden.

Du weisst von einem Tier in Not?

Hier findest du Hilfe:

Feuerwehr, Tel. 118 (Tierrettung)

Polizei, Tel. 117 (bei Wildtieren)

Tierrettungsdienst, Tel. 044 211 22 22 (bei Notfällen)

Schweizerische Tiermeldezentrale, wenn ein Tier entlaufen/zugelaufen ist

Stiftung für das Tier im Recht, für rechtliche Fragen

GTRD, Grosstier-Rettungsdienst, Tel. 079 700 70 70 (Notruf)

Schweizerische Vogelwarte Sempach, für Fragen zu Wildvögeln, Tel. 041 462 97 00

Tierquälerei:

Meldung beim kantonalen Veterinäramt oder beim Schweizer Tierschutz (anonym möglich)

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(sul)

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