12.04.2019 19:47

«Ein Traum!» vs. «Weg damit!»Die Ibiza-Villa in Oberägeri entzweit die Schweiz

In Oberägeri ZG steht eine Villa zum Verkauf, die man eher am Mittelmeer vermuten würde. Der mediterrane Baustil mitten in ländlicher Idylle sorgt nun für heftige Diskussionen.

von
mme
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Diese Villa wie aus dem Ferienkatalog steht in den Schweizer Voralpen. Sie hebt sich eindeutig vom Nachbarshaus ab.

Diese Villa wie aus dem Ferienkatalog steht in den Schweizer Voralpen. Sie hebt sich eindeutig vom Nachbarshaus ab.

Hansruedi Schnider
Runde Formen, weisse Fassade, Sand und Palmen. So sehen die wenigsten Häuser in der Schweiz aus.

Runde Formen, weisse Fassade, Sand und Palmen. So sehen die wenigsten Häuser in der Schweiz aus.

Hansruedi Schnider
Die Villa liegt im Naherholungsgebiet Oberägeri im Kanton Zug.

Die Villa liegt im Naherholungsgebiet Oberägeri im Kanton Zug.

Hansruedi Schnider

Runde Fenster, kaum Kanten, Palmen und alles schneeweiss: Der Baustil einer Mittelmeer-Villa in Oberägeri ZG, dessen Bauherr in den mediterranen Lifestyle und Ibiza verliebt ist, gibt zu reden.

«Stylish, geschmackvoll. Ein Traum», kommentierte ein Leser den ersten Artikel von 20 Minuten zu dieser Villa, die derzeit für rund 3,4 Millionen Franken zu kaufen ist. Viele andere Leser träumen nun ebenfalls von diesem einzigartigen Objekt: «Eine wunderschöne Villa, gemütlich, mit toller Atmosphäre.»

Doch das Ibiza-Haus auf dem Land irritiert auch viele. So finden sich etliche Kommentare dieses Inhalts: «Diese Villa gehört ans Meer, nicht in die Berge» oder «Passt zu Spanien, aber nicht in die Schweiz». Jemand fordert gar: «Weg damit.»

79 Prozent möchten gern dort wohnen

Insgesamt jedoch gefällt die Ibiza-Villa von Oberägeri einer grossen Mehrheit: Auf die Frage, ob man gern in dieser Villa wohnen würde, klickten 79 Prozent von über 2000 Teilnehmern diese Anwort an: «Ja, das muss sich anfühlen wie Dauerferien.» Nur 21 Prozent finden die Villa zu speziell und möchten nicht dort wohnen.

«Baureglement in Oberägeri lässt offenbar viel Spielraum zu»

Und wie kommt die Ibiza-Villa in der Fachwelt an? Rahel Marti, stellvertretende Chefredaktorin beim Architektur-Magazin «Hochparterre», sagt zunächst: «In jeder Gemeinde gibt es ein Baureglement, diese Villa wurde also überprüft, und offenbar stimmen die Abmessungen mit dem dortigen Reglement überein.» Anders gesagt, so Marti weiter, lasse das Reglement in Oberägeri «offenbar viel Spielraum zu». Es regle eben Abmessungen und Flächen, aber nicht den Baustil.

«Quartiere sind oft richtige Architekturzoos»

«Das ist oft so, und darum findet man in Schweizer Einfamilienhäuser-Quartieren die verschiedensten Baustile, manchmal richtige Architekturzoos.» Konkret im Fall Oberägeri ZG verweist Marti darauf, dass neben dem Mittelmeer-Haus ein chaletartiges Einfamilienhaus stehe. «Dass es verschiedene Geschmäcke gibt, ist eine Tatsache und natürlich okay. Aber Bauen ist immer auch eine öffentliche Angelegenheit. Jedes Haus, auch ein privates Einfamilienhaus, steht schlussendlich im Dorf, in der Landschaft, im öffentlichen Lebensraum, wo es alle sehen und der allen gehört.» Und da komme die Pflicht der Baubehörde ins Spiel, die nicht nur auf Abmessungen, sondern auch auf das grosse Ganze achten müsse.

Wenn ein Baugesuch dem Reglement einer Gemeinde entspreche, könne man es nicht ablehnen. «Wenn man aber den Architekturzoo vermeiden will, gibt es zwei Wege. Entweder man macht das Baureglement strenger, sodass die Häuser einheitlicher werden.» Oder man solle versuchen, ein Projekt mit einer Bauberatung so zu begleiten, dass ein stimmiges Gesamtbild statt totale Individualität entstehe. Es gebe Gemeinden, die sich dafür sehr engagieren würden - und andere gar nicht.

«Ein stimmiges Ganzes erkenne ich in Oberägeri nicht»

Der Staat habe die Pflicht, Formen der Überbauung zu finden, die zueinanderpassen. Das Fazit der Fachfrau zur Ibiza-Villa: «Natürlich können Gebäude unterschiedlich sein. Eine gute Architektin wählt aber Formen und Merkmale, die etwas mit der Nachbarschaft zu tun haben. So entsteht ein stimmiges Ganzes. Das kann ich auf dem Bild des Quartiers in Oberägeri nicht erkennen.»

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