Heiz-Streit: «Die Ideal-Temperatur liegt zwischen 21 und 23 Grad»
Aktualisiert

Heiz-Streit«Die Ideal-Temperatur liegt zwischen 21 und 23 Grad»

Neu dürfen Winterthurer Schulzimmer auch auf 21 Grad geheizt werden. Doch nicht nur die Temperatur spielt fürs Wohlgefühl eine Rolle.

von
F. Riebeling

Weil es den Lehrerinnen und Lehrern an Winterthurer Schulen zu kalt war, gestattet die Stadt neuerdings, die Klassenzimmer auf 21 Grad statt wie bisher auf 20 Grad aufzuheizen. In Ausnahmefällen dürfen die Räume sogar noch ein Grad wärmer werden. Wie wichtig die Raumtemperatur für erfolgreiches Arbeiten ist und weitere die Fragen zum Thema finden Sie nachfolgend beantwortet.

Welche Rolle spielt die Raumtemperatur für die Arbeit oder das Lernen?

Eine grosse. Darüber sind sich Arbeitsphysiologen einig. Zwischen 19 und 29 Grad könne man sich wohlfühlen und arbeiten, sagt Bernhard Kampmann, Arbeitswissenschaftler an der Bergischen Universität Wuppertal. Da würden ein bis zwei Grad Unterschied nicht viel ausmachen.

Die Raumtemperatur wird aber auch von den Menschen im Raum beeinflusst, denn auch der Mensch produziert Wärme: «Bei warmblütigen Lebewesen geht das nach Kilo Körpergewicht. Bei Erwachsenen sind das 80 bis 100 Watt.» So beeinflusst es die Temperatur, ob sich in einem Raum zehn, dreissig oder hundert Personen befinden. Für die Bewertung der Temperatur ist das Wohlbefinden der Menschen im Raum entscheidend.

Was gilt als ideale Raumtemperatur für sitzende Tätigkeiten, was für körperliche?

Die Lufttemperatur bei sitzenden, vor allem geistig anspruchsvollen Tätigkeiten – beispielsweise am Computer – sollte gemäss Suva idealerweise zwischen 21 und 23 Grad Celsius liegen. Bei sitzender, leichter Handarbeit werden dagegen 20 bis 22 Grad Celsius empfohlen. Bei körperlicher Arbeit kommt es auf die Schwere der Tätigkeit an. Einem Holzfäller können bereits fünf Grad Celsius reichen – vorausgesetzt, er arbeitet schwer und ist entsprechend gekleidet.

Wer bestimmt, wie warm es in Klassen-, Seminar- oder Büroräumen sein soll?

Während mancherorts – wie bei den Winterthurer Schulen – die Stadt das Sagen hat, beziehen sich andere Institutionen wie die ETH Zürich auf ihre eigenen Richtlinien. Laut diesen sollte die Temperatur von Seminar- und Vorlesungsräumen 20 Grad betragen. Eine fixe Voreinstellung gebe es dafür nicht, erklärt Hans-Peter Schärer von der Abteilung Services und Ressourcen der ETH. Man beobachte während des laufenden Betriebs, ob die voreingestellte Temperatur für Behaglichkeit sorgten. «Im Zweifelsfall wird nachreguliert.»

In den Gebäuden der ZHAW sind die Thermostate auf maximal 22 Grad eingestellt. Im Sommer gilt zudem, dass die Differenz zur Aussentemperatur höchstens 6 Grad Celsius betragen darf.

Was kostet ein Grad mehr?

Schaltet man die Heizung höher, kostet es auch mehr. Bei einem Grad mehr steigen die Heizkosten um bis zu sechs Prozent. So lautet zumindest der Wert für standardgedämmte Räume. «Wie viel höher die Mehrkosten genau ausfallen, hängt immer von der jeweiligen Raumisolierung und den Lüftungsraten ab.» Auch die Aussentemperatur spielt hinsichtlich der Finanzen eine Rolle: Ist es draussen sehr kalt, muss drinnen mehr geheizt werden – und die Heizkosten steigen.

Steigt mit höheren Temperaturen die Gefahr, sich eine Krankheit einzufangen?

Hierbei spiele weniger die Raumtemperatur eine Rolle als die Luftfeuchtigkeit, erklärt Andreas Widmer, Chefarzt Spitalhygiene am Universitätsspital Basel. Diese sollte zwischen 30 und 50 Prozent liegen. Das wird jedoch mit steigenden Temperaturen schwieriger, denn «wenn die Raumtemperatur zunimmt, nimmt gleichzeitig die Luftfeuchtigkeit ab».

Zu Gesundheitsproblemen führe das aber nicht: «Heute sind Häuser meistens gut isoliert. Daher ist die Luftfeuchtigkeit eher hoch und damit das Risiko einer Ansteckung eher gering. Eine Schwankung zwischen 20 Grad und 23 Grad hat keine Auswirkung auf die Grippeverbreitung», so der Experte.

Welchen Einfluss haben höhere Temperaturen auf die Lern- und Leistungsfähigkeit?

Dazu gibt es weltweit verschiedene Studien, die zu leicht unterschiedlichen Ergebnissen kommen. Eine Erklärung dafür könnte sein, dass die Probanden aufgrund ihres Lebensraums an verschiedene Temperaturen gewöhnt sind und diese jeweils als angenehmer empfinden.

Das Gros der Untersuchungen kommt aber zu dem Schluss, dass Temperaturen zwischen 21 und 25 Grad die Leistung optimal für den Lernerfolg sind. Mehrere Arbeiten zeigten dagegen, dass die Schläfrigkeit und die Erschöpfung der Probanden mit der höheren Temperatur signifikant zunahmen.

Was kann man tun, wenn die Raumtemperatur einem zusetzt?

Jeder Mensch hat ein eigenes Klimaempfinden. Wo immer man die Temperaturen im Raum nicht selbst regulieren kann, sollte man mit der entsprechenden Kleidung nachhelfen, so Kampmann: Diese bildet eine Schutzschicht zwischen dem Menschen und der Umwelt.

So handhabt es Tamedia

So handhabt es Tamedia

Bei der Tamedia, dem Mutterkonzern von 20 Minuten, ist die Temperatur auf 22 bis 23 Grad eingestellt. Sobald diese erreicht ist, stellt die Wärmezufuhr vorübergehend ab. «Wir haben schon mehrfach versucht, die Temperaturgrenze tiefer zu stellen, auf 21 Grad. Dann war es aber einigen Mitarbeitern zu kalt», berichtet Christoph Ziegler vom Immobilien-Management. Daraufhin ist man zur Ausgangslage zurückgekehrt.

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