Reiseblog: Die Iguaçu-Wasserfälle muss man nicht sehen
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ReiseblogDie Iguaçu-Wasserfälle muss man nicht sehen

Wenn man auf Reisen geht, dann trifft man immer wieder auf andere Touristen, die einem Tipps geben. Das ist auch in Brasilien nicht anders.

von
Miriam Knecht
Touristen-Hotspot: Die Iguaçu-Wasserfälle in Brasilien.

Touristen-Hotspot: Die Iguaçu-Wasserfälle in Brasilien.

Jeder Gringo, den ich getroffen habe, und jeder Brasilien-Reisebericht, den ich las, beteuerte, dass die Wasserfälle von Iguaçu einfach unschlagbar seien. Nun, Foz do Iguaçu lag jetzt nicht gerade auf meiner Reiseroute. Nach Rio de Janeiro im Süden und einem Abstecher nach Amazonien bin ich nun hauptsächlich an der Ostküste unterwegs. Die Fälle befinden sich aber ganz im Westen, an den Grenzen Brasiliens zu Argentinien und Paraguay. Ausserdem bin ich jetzt auch nicht gerade ein Fan von diesen ganz touristischen Dingen. Cristo Redentor in Rio zum Beispiel war das reinste Grauen für mich: 50 Reais (20 Franken), nur, um mit einer Art Üetlibergbahn den Hügel raufzufahren und dann mit 345'720'388 anderen Touris um den besten Fotoplatz vor der Christusstatue zu rangeln. Klar, die Aussicht von da oben auf die Stadt ist sehr imposant. Aber das ist sie ehrlich gesagt auch vom Hügel in der Favela Cantagalo aus, und der ist gratis und menschenleer.

Aber egal. So ein gewaltiges Naturschauspiel wie riesige Wasserfälle kann man natürlich nicht mit einer ollen Statue vergleichen. War ich gerade daran, einen der schlimmsten Fehler meines Lebens zu begehen? Würde ich das etwa noch auf meinem Totenbett bereuen? Schluck! Also buchten meine schwedische Freundin und ich drei Nächte in einem Hostel in Foz do Iguaçu, sie dazu eine 21-stündige Busfahrt und ich einen halbwegs erschwinglichen Flug.

Europapark-Bähnli statt Dschungelpfad

Im Hostel beginnt es schon beim Frühstück mit den hohen Erwartungen. Wir treffen einen Engländer und drei Polinnen. Sie haben die Wasserfälle schon gesehen und kommen aus dem Schwärmen nicht mehr heraus. Als wir losmarschieren, schwant mir allerdings schon bald Fürchterliches: Die anderen Besucher, die uns entgegenkommen, tragen Flip-Flops, sind schon ziemlich betagt oder mit Kinderwagen unterwegs. Die Wanderwege sind deshalb auch asphaltiert – und so schmal, dass man bei dem Gedränge nur sehr langsam vorwärtskommt. Wir wollen gleich zum Garganta do Diabo, zum Teufelsschlund, dem besten und spektakulärsten Ausblick auf die Iguaçu-Fälle. Aber auch dorthin führt kein Pfad durch die unberührte Wildnis, auf dem wir exotische Vögel oder gefährliche Raubkatzen treffen. Nein, wir müssen in einen Zug einsteigen, der mich stark an eine Attraktion im Europapark erinnert, und werden bequem und sehr unspektakulär den Hügel hinaufgefahren.

Oben angekommen sind wir nun richtig ungeduldig, wir rennen geradezu über die Stege, die quer über die Wasser gebaut wurden, ohne ein Auge für die vielen bunten Schmetterlinge zu haben, die einzigen wilden Tiere, die es hier zuhauf gibt. Schliesslich hören wir das Tosen der Wassermassen, es kommt immer näher, sprühende Gischt benetzt unsere überhitzte Haut, wir bahnen uns unseren Weg durch die dichtgedrängte Menschenmasse, gespickt mit Foto- und Filmkameras. Und schliesslich stehen wir ganz vorne auf der Plattform, direkt am Abgrund, am Teufelsschlund, und schauen hinunter in die Tiefe – und finden es irgendwie ... ganz okay?

Es gibt nichts, was man gesehen haben muss

Schön sind sie, die Iguaçu-Fälle, sicher. Aber gerade in Ohnmacht vor Entzückung fallen wir nicht. Auch bleibt uns nicht «das Herz für einen Moment stehen», wie uns das eine befreundete Travellerin beschrieben hatte. Zum Glück verbessert sich meine Stimmung auf der brasilianischen Seite der Fälle wieder, wo man eher auf Augenhöhe mit den Wassermassen ist und einen besseren Eindruck von der grossen Ausdehnung der Fälle bekommt. Ein weiteres Plus: Es wimmelt hier von Quatis, Nasenbären! Die haben null Angst vor den Menschen, sie streichen ihnen um die Beine und wollen etwas zu fressen bekommen. Ich mag sie irgendwie.

Meiner Meinung nach gibt es nichts, was man unbedingt gesehen haben muss auf dieser Welt. Auch nicht in Brasilien. Diese Auffassung ist wohl sehr individuell. Was den einen beeindruckt, das entlockt dem anderen nicht mal ein müdes Lächeln, das habe ich wieder mal gelernt. Versteht mich nicht falsch: sie sind schön, ohne Zweifel, Natur ist schön. Aber dafür Eintritt bezahlen, um mit Hunderten anderen einfach davor zu stehen und Wasser zuzugucken – irgendwie überzeugt

mich das nicht.

Journalistin Miriam Knecht (35) reiste für mehrere Monate durch Brasilien. Im Reiseblog von 20 Minuten erzählt sie von ihren Erlebnissen.

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