Schulhotel Regina: Jugendpsychologe kritisiert strikte Geschlechtertrennung

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Rigorose Geschlechtertrennung«Die Internate erweisen sich einen Bärendienst mit solchen Regeln»

Männer dürfen Frauen nicht besuchen – und umgekehrt. In vielen Internaten ist das auch für Volljährige der Normalfall. Warum das keine gute Idee ist, erklärt Jugendpsychologe Felix Hof.

von
Lucas Orellano
Zoé Stoller
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Das Schulhotel Regina in Matten bei Interlaken verpfiff eine Schülerin bei ihrem Ausbildungsbetrieb, weil sie «Herrenbesuch» hatte.

Das Schulhotel Regina in Matten bei Interlaken verpfiff eine Schülerin bei ihrem Ausbildungsbetrieb, weil sie «Herrenbesuch» hatte.

20min/Matthias Spicher
Daran störte sich eine ehemalige Internatsschülerin, die deswegen Verweise erhalten hatte – bei einem ging gar eine Kopie an den Lehrbetrieb.

Daran störte sich eine ehemalige Internatsschülerin, die deswegen Verweise erhalten hatte – bei einem ging gar eine Kopie an den Lehrbetrieb.

20min/Matthias Spicher
Das empfand die ehemalige Schülerin als «demütigend und rufschädigend».

Das empfand die ehemalige Schülerin als «demütigend und rufschädigend».

20min/Matthias Spicher

Darum gehts

  • Viele Internate in der Schweiz verbieten Besuch von Männern bei Frauen und Frauenbesuch bei Männern.

  • 20 Minuten sprach mit einem Jugendpsychologen über die Geschlechtertrennung.

  • Felix Hof appelliert an die Institute, die Eigenverantwortung von jungen Erwachsenen zu fördern.

Im Schulhotel Regina dürfen Männer nicht auf die Zimmer von Frauen und umgekehrt. Daran störte sich eine ehemalige Internatsschülerin, die deswegen Verweise erhalten hatte – bei einem ging gar eine Kopie an den Lehrbetrieb. Das empfand die ehemalige Schülerin als «demütigend und rufschädigend».

In der 20-Minuten-Community finden laut einer nicht repräsentativen Umfrage, an der rund 25’000 Userinnen und User teilnahmen, nur acht Prozent , dass gegenseitige Besuche bei Männern und Frauen ganz verboten sein sollten. 58 Prozent sehen dabei kein Problem, 16 Prozent finden Kurzbesuche okay und zwölf Prozent würden es Volljährigen erlauben.

Wie halten es ähnliche Institutionen in der Schweiz? 20 Minuten fragte bei 25 Internaten nach, davon reagierten drei.

«Angemessene Privatsphäre»

Wie das Institut Montana Zugerberg schreibt, gibt es dort geschlechtergetrennte Zimmer, der Aufenthalt in einem Zimmer des anderen Geschlechts – Internatsregeln sind meist auf ein binäres Geschlechtsmodell zugeschnitten – ist nicht erlaubt, auch nicht für Volljährige. Es gibt, wie beim Schulhotel Regina, Gemeinschaftsräume. Zudem für über 16-Jährige eine hauseigene Bar. Wer ein anderes geschlechtergetrenntes Internatshaus betreten will, muss sich anmelden. 

«Unser Ziel ist es, eine Umgebung zu schaffen, in der sich Jugendliche aller unterschiedlichen kulturellen Standards und Normen wohlfühlen», sagt Mediensprecherin Aline Kaspar zu 20 Minuten. «Wir glauben, dass jede Internatsschülerin und jeder Internatsschüler das Recht hat, eine angemessene Privatsphäre zu erwarten und sich in seinem Internatshaus und seinem Zimmer wie zu Hause zu fühlen.»

Die Ecole Lémania in Lausanne kennt ebenfalls ein geschlechterspezifisches Besuchsverbot für Minder- und Volljährige. Es sei eine Frage der Sicherheit. Die Akzeptanz für die Regel sei gross. Auch am Kloster Disentis ist Männerbesuch bei Frauen, und umgekehrt, verboten. Rektor Tom Etter verweist darauf, dass es gemeinschaftliche Aufenthaltsräume gäbe. Sollten Schülerinnen und Schüler diesbezüglich ein Anliegen haben, können sie sich über Sprecherinnen und Sprecher an die Schulleitung wenden.

Wie sinnvoll ist diese rigorose Geschlechtertrennung – besonders bei erwachsenen Schülerinnen und Schülern?

«Verbot für Volljährige ist absurd»

«Es ist klar, dass Internate eine erhöhte Sorgfaltspflicht haben», sagt Jugendpsychologe Felix Hof zu 20 Minuten. «Eine Geschlechtertrennung, besonders bei Minderjährigen, kann in dem Sinn natürlich stattfinden. Bei über 18-Jährigen halte ich eine solche Regelung allerdings für absolut absurd. Ab einem gewissen Alter kommt die Eigenverantwortung zum Tragen.» Das sei auch sehr wichtig für die Entwicklung, gerade die sexuelle Entwicklung, der Jugendlichen und jungen Erwachsenen.

«Die Internate erweisen sich einen Bärendienst, wenn sie glauben, dass sie mit solchen Regeln alles kontrollieren können», sagt Hof weiter. «Es ist natürlich so ganz besonders verlockend, die Regeln zu umgehen, es provoziert geradezu. In dem Alter wird man sehr erfinderisch, was das Unterlaufen von Autorität angeht.»

Besser ist es laut Hof, sich im Dialog mit den Bedürfnissen der Schülerinnen und Schüler auseinanderzusetzen und Werte zu vermitteln. «Das gehört meiner Ansicht nach zum Bildungsauftrag aller Schulen dazu: Es geht nicht nur darum, hochkompetente Arbeitskräfte auszubilden, sondern den Jugendlichen und jungen Erwachsenen auch Lebenskompetenz mitzugeben. In meinen Augen sollte das Besuchsverbot in Zimmern des anderen Geschlechts bei über 18-Jährigen unbedingt aufgehoben werden», sagt Hof.

Besuch beim anderen Geschlecht auf dem Zimmer – was denkst du dazu?

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