Iranisches Atomprogramm: «Die Iraner sind gute Lügner»
Aktualisiert

Iranisches Atomprogramm«Die Iraner sind gute Lügner»

Die iranische Regierung hat die Existenz einer Atomanlage verschleiert. Dabei ertappt zu werden ist ihr nicht peinlich: Die Täuschung zum eigenen Schutz ist religiös und sozial fest in der iranischen Kultur verankert.

von
Omid Marivani

Die amerikanischen Geheimdienste wussten es schon lange, seit letzter Woche weiss es die ganze Welt: Iran hat – vermeintlich geheim – mit dem Bau einer zweiten Anlage zur Urananreicherung begonnen. Die Meinungen der Experten gehen auseinander, ob das Land rechtlich verpflichtet gewesen wäre, die internationale Atomenergiebehörde (IAEA) schon früher darüber zu informieren.

Die «New York Times» zitierte einen amerikanischen Regierungsbeamten mit den Worten «Sie haben jetzt dreimal betrogen und sind dreimal erwischt worden», was in etwa auch der europäischen Sicht der Dinge entsprechen dürfte. Die iranische Führung gerät darüber allerdings nicht in Verlegenheit, denn was die westliche Kultur als Lüge brandmarkt, ist im Iran courant normal und zudem religiös sanktioniert.

Religiös sanktionierte Notlüge

Der Koran erlaubt einem Moslem, seinen Glauben zu verleugnen, wenn er dadurch sein Leben retten kann. Die schiitische Minderheit, die von diesem Recht während der Verfolgung durch die sunnitische Mehrheit oft Gebrauch machen musste, entwickelte daraus mit der Zeit das breiter gefasste «Taqijja», das Al-Islam.org wie folgt definiert: «Verbergen oder Verschleiern des eigenen Glaubens, der eigenen Überzeugungen, Vorstellungen, Gefühle, Meinungen und Strategien, wenn unmittelbar oder auch später Gefahr für Leib und Leben droht.»

Sollte die iranische Führung tatsächlich die Absicht haben, Atomwaffen zu entwickeln, dann genau weil auch sie ihr Überleben bedroht sieht. Das verbündete Nordkorea hat es vorgemacht: Wer die Bombe erst einmal besitzt, muss zumindest von aussen keine Gefahr mehr fürchten.

Sozial weit verbreitetes Verhalten

In welchem Ausmass auch das gewöhnliche Volk «Tarqijja» praktiziert, schilderte die iranische Schauspielerin Golshifteh Farahani kürzlich in einem Interview mit dem französischen Filmportal toutlecine.com: «Meine Landsleute sind gute Lügner, denn sie müssen lügen, um zu überleben. Demokratische Gesellschaften können nicht verstehen, wie man ständig lügen kann, obwohl man die Wahrheit kennt. Ich verstehe es, ich selbst bin eine grosse Lügnerin. Wer lügt, um zu überleben, lügt sehr gut.»

Jahrzehnte unter königlicher oder religiöser Diktatur haben die Iraner zu wahren Taqijja-Experten gemacht. Die Aussagen ihrer Regierung, Atomwaffen zu verabscheuen, werden sie entsprechend einzuordnen wissen. Dasselbe gilt hoffentlich für die westlichen Diplomaten, die am Donnerstag in Genf die Verhandlungen mit den Iranern wieder aufnehmen.

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