Aktualisiert 07.03.2017 10:25

Biometrie im LadenDie Iris löst beim Zahlen die Karte und den PIN ab

Weg von Plastik – hin zur Biometrie. Die Kreditkartenfirma Visa denkt in Innovationszentren an, wie wir in Zukunft bezahlen werden.

von
T. Bolzern

Noch in diesem Jahr soll ein Bezahlring aus Keramik von Visa auf den Markt kommen. Künftig will die Kartenfirma auch vermehrt auf Biometrie setzen. (Video: 20 Minuten)

Mit der Hand durch ein grünes Licht wischen, schon ist der Pulli bezahlt. Der Snackautomat im Büro erkennt Mitarbeiter am Gang und bietet ihnen sogleich den Lieblingsriegel an. Im Café um die Ecke erfasst ein Scanner aus der Ferne die Retina der Kunden – das Portemonnaie bleibt im Sack.

Solche Szenarien sollen bald Realität werden. Daran tüftelt die Kreditkartenfirma Visa in ihren Innovationszentren rund um den Globus. In London wurde im Februar ein neues eröffnet. An den verschiedenen Standorten sollen konkrete Probleme gelöst und Fragen beantwortet werden: Wie bezahlen wir, wenn wir eine Cyberbrille aufhaben, oder wie wird die Sicherheit gewährleistet, wenn die Sprachassistenten zunehmend die Stuben erobern?

Iris-Scan statt PIN

Da sich die Zahlungsindustrie vermehrt weg von Kreditkarten hin zu digitalen Losungen entwickelt, will Visa auf diese Lösungen setzen. «In Zukunft wird eine Bezahlung nicht per Karte und PIN ausgelöst», sagt Bill Gajda, Visa-Vizepräsident Innovation und Partnerschaften.

Kunden sollen künftig mit einer Kombination aus mehreren Merkmalen identifiziert werden: Der Ort, an dem sie gerade sind, Gerätename, biometrische Merkmale. «Die Idee ist, dass man passiv identifiziert wird. Sprich man steckt in einem Laden die Produkte einfach in seine Tasche und geht dann», sagt Gajda. Den Vorgang vergleicht er mit der Tat eines Taschendiebs – einfach mit dem Unterschied, dass man für die Waren bezahlt. Nur wenn es Unklarheiten gebe, solle überhaupt noch Interaktion notwendig sein.

«Vertrauen in Technologie fehlt bisher»

Mit solchen Plänen ist Visa nicht allein. So will etwa Australien seinen internationalen Flughafen mit biometrischen Systemen aufrüsten. Bis 2020 sollen bis zu 90 Prozent der ankommenden Fluggäste per Gesichts-, Iris- oder Fingerabdruckerkennung erfasst werden. Die Rail Delivery Group in Grossbritannien will Billette künftig per Iris- und Gesichtserkennung automatisch ausstellen.

Es sei durchaus denkbar, dass ein solches System im Nahverkehr in zehn Jahren umgesetzt werde, sagt Marc Ruef, IT-Sicherheitsexperte bei der Zürcher Firma Scip AG. Der Nutzen sei auch nicht von der Hand zu weisen. Sicherheitstechnisch wäre das sogar vertretbar, geht es doch schlussendlich nur um den Bezug von kleineren Leistungen. «Die automatisierte und systematische Kontrolle kollidiert aber mit dem wachsenden Bedürfnis des Schutzes der Privatsphäre», so Ruef.

Ruef bezweifelt jedoch, dass eine reine biometrische Identifikation zukünftig ausreichen wird, um fünfstellige Beträge am Bancomat abzuheben. «Da fehlt bisher das Vertrauen in die Technologie und in die gegenwärtige Umsetzung. Technische und gesellschaftliche Entwicklungen werden diese Hürde aber zukünftig abbauen», sagt Ruef.

Biometrische Merkmale nicht änderbar

Der IT-Sicherheitsexperte gibt aber zu bedenken, dass es schwierig wird, wenn die biometrischen Merkmale einmal durch Dritte abgegriffen worden sind. Dies könne etwa das simple Abnehmen eines Fingerabdrucks auf einem Glas sein. «Denn im Gegensatz zu einem Passwort kann dieses nicht einfach erneuert werden. Fingerabdrücke, Iris und Stimme bleiben in der Regel gleich.»

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