Aktualisiert 28.12.2011 10:34

Zeitenwende in Arabien

«Die Islamisten werden aus Trotz gewählt»

Wird der Nahe Osten nach dem arabischen Frühling demokratisch? Dafür müssten sich nicht nur die Politiker ändern, sondern auch die Bürger, sagt der tunesische Autor Amor Ben Hamida.

von
Kian Ramezani

Ist der Begriff «Arabischer Frühling» auch in der arabischen Welt geläufig?

Amor Ben Hamida: Nein, der Begriff wurde im Westen geprägt. Das Ganze begann ja auch im Winter.

Wenn nicht Frühling, wie nennen die Araber das Phänomen dann?

Zuerst Freiheitsbewegung, später Revolution. Vergessen wir nicht: Als die Tunesier vor einem Jahr auf die Strasse gingen, sprachen sie weder von Frühling noch von einem Mehrparteien-System oder von Demokratie. Es ging um die Würde des Menschen, symbolisiert durch den Gemüsehändler Mohamed Bouazizi, der sich aus Verzweiflung anzündete.

«Arabischer Frühling» suggeriert auch ein Gemeinschaftsgefühl. Berührt einen Tunesier, was in Syrien oder Bahrain geschieht?

Es berührt die Menschen sehr. Zu Beginn der Revolution machten die Tunesier Witze: «Libyer – Libyen liegt ja zwischen Tunesien und Ägypten –, bückt euch kurz, damit wir die Proteste in Ägypten sehen können!» Man hat stets genau beobachtet, was in den anderen Ländern passiert. Die Bestürzung über das brutale Vorgehen Mubaraks, Gaddafis und Assads ist gross.

Wirklich überraschend kam es nicht.

Nein, natürlich nicht. Alle wussten, dass die arabischen Länder eines gemeinsam haben: Wer einmal an der Macht ist, wird entweder weggeputscht, umgebracht oder stirbt auf dem Thron. Keiner gibt die Macht ab, höchstens an seinen Sohn.

Wadah Khanfar, der ehemalige Generaldirektor von Al Jazeera, sagte kürzlich, die arabische Welt könne sich glücklich schätzen, dass der «Frühling» in Tunesien begann. Sehen Sie das auch so?

Absolut. Stellen Sie sich vor, das Ganze hätte in Libyen angefangen. Sinnigerweise gab es im ersten Land – Tunesien – die wenigsten Opfer. Im zweiten, Ägypten, gab es schon mehr und im dritten, Libyen, noch einmal wesentlich mehr. Dass die Revolution in Tunesien schnell und vergleichsweise unblutig gelang, hat die anderen Länder erst dazu ermutigt, den gleichen Weg zu beschreiten.

Was sind die Gründe für den schnellen und geordneten Wandel in Tunesien?

Ich sehe drei Gründe: Erstens wurden alle Übergangspräsidenten nach Ben Ali gemäss der Verfassung ernannt. Zweitens weigerte sich die Armee, auf die eigene Bevölkerung zu schiessen. Drittens hat Tunesien einen hohen Bildungsgrad und eine ethnisch und religiös homogene Gesellschaft.

Sie sprechen die Religion an. Ist es nicht erstaunlich, dass in Tunesien und Ägypten ausgerechnet die Islamisten die Wahlen gewinnen, obwohl sie in der Revolution bestenfalls eine Statistenrolle spielten?

Es sind eben die einzigen Parteien, die glaubwürdig sind, weil sie in den vergangenen Jahrzehnten in Opposition zum Regime standen und unterdrückt wurden. Dass ihnen so viele ihre Stimme geben, hat also etwas von einer Trotzreaktion. Noch vor einem Jahr machte sich in Tunesien jeder mit einem Fünftagebart verdächtig, jetzt läuft jeder zweite so herum.

Die Ängste des Westens vor einer Islamisierungswelle im Nahen Osten bestätigen sich.

Zumindest in Tunesien brauchen die Islamisten die Unterstützung von säkularen Partien für eine Mehrheit. Hinzu kommt, dass in vier Jahren wieder Wahlen stattfinden. Wenn die Regierung bis dann keine Fortschritte vorweisen kann, dann muss sie wieder gehen. Die Menschen haben die Diktatur nicht gestürzt, um die Islamisten an die Macht zu wählen, sondern um endlich Arbeit und Freiheit zu bekommen.

Auch in Ägypten kommen die Muslimbrüder auf 40 Prozent – knapp gefolgt von den salafistischen Hardlinern. Hat Sie das überrascht?

Es hat mich überrascht und auch ein wenig enttäuscht, aber inzwischen kann ich es nachvollziehen. In Ägypten gibt es leider zwei extreme Pole: Die ultra-westlichen, völlig europäisierten Kräfte, für die Alkohol, aufreizende Kleidung und Ehebruch kein Problem darstellen, und diametral entgegengesetzt die mittelalterlich anmutenden Salafisten. Viele moderate Muslime stimmen, wenn sie vor diese Wahl gestellt werden, offenbar eher für die Extremisten. Die Einflüsse aus dem Westen mit der eigenen Kultur unter einen Hut zu bringen, spaltet alle arabischen Länder.

Auch Tunesien?

Tunesien hat einen Mittelweg gefunden. Die islamistische Ennahda-Partei hat ihre Positionen deutlich korrigiert, was ihren Wahlerfolg erst möglich gemacht hat. Sie sagt, Alkohol sei gegen ihre Überzeugung, aber sie würde ihn nicht verbieten. Auch die Frauenrechte werden nicht beschnitten. Einen Bruch mit dem Westen kann sich langfristig kein arabisches Land leisten.

Bisweilen fällt es schwer, die Absichten der sogenannt gemässigten Islamisten einzuschätzen. Gegenüber CNN geben sie sich handzahm, aber zu Hause verfluchen sie Israel und sprechen von der Wiedereinführung des Kalifats.

Es ist wahr, unsere Politiker sind teilweise doppelzüngig und passen ihre Botschaft dem Publikum an. Das kommt noch aus der alten Zeit, als ein Politiker nie und nimmer seine eigene Meinung vertreten durfte. Die Angst, etwas Falsches zu sagen und eins aufs Maul zu bekommen, ist immer noch in den Köpfen drin.

Wie werten Sie den Umstand, dass sich der Chef eines tunesischen Fernsehsenders vor Gericht verantworten muss, weil er den preisgekrönten Comicfilm Persepolis ausstrahlen liess?

In diesem Film kommt ein Bildnis Gottes vor, was der muslimische Glauben verbietet. Die Aufregung zeigt, dass wir keine europäische, keine christliche und auch keine säkulare Gesellschaft sind. Noch heute tut sich eine Mehrheit schwer beim Anblick eines Minirocks oder öffentlichen Alkoholkonsums. Man kann von einer solchen Gesellschaft nicht erwarten, dass sie einen Film akzeptiert, der in ihren Augen Blasphemie darstellt.

Niemand wird gezwungen, sich solche Filme anzusehen oder Bier zu trinken. Die aus europäischer Optik entscheidende Frage ist doch, wie mit jenen umgegangen wird, die es trotzdem tun.

Es ist eine typisch islamisch-arabische Haltung: Wenn ich etwas nicht tue, will ich, dass der andere es auch nicht tut. Wenn ich in Tunesien ein Glas Wein trinke, fragt mich sehr schnell jemand: Warum machst du das? Die Gesellschaft ist einfach noch nicht so weit.

Dann hat die Revolution nicht allen Tunesiern die Freiheit gebracht.

Demokratie hat für mich zwei Komponenten: Politisch ist Tunesien auf einem guten Weg. Der Staat verfolgt die Menschen nicht mehr wegen ihren politischen, religiösen oder sexuellen Ansichten – aber die Gesellschaft tut es. Sie braucht viel länger als die Politik, die Demokratie zu verinnerlichen. Sie muss lernen, dass Meinungsfreiheit auch heisst, die gegensätzliche Meinung eines anderen zu tolerieren.

Amor Ben Hamida, geboren 1958 in Medenine (Südtunesien), lebt und arbeitet in Zürich. Er wuchs im Kinderdorf Pestalozzi, Trogen, auf, wo er mit Kindern aus verschiedenen Nationen, Religionen und Sprachen zusammengelebt und schöne Kindheitserinnerungen behalten hat. Sein Leben wurde durch diese Erfahrung von Toleranz und multikultureller Umgebung geprägt. Seine Erfahrungen mit Integration gibt er in Büchern, Referaten und Lesungen weiter.

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