Aktualisiert

Die Jagd auf Chelsea wird eröffnet

Dem englischen Klub-Fussball wäre zu wünschen, dass Chelsea der Konkurrenz nicht bereits bis zum Jahreswechsel entrückt ist. Aufgrund der Erfahrungswerte der letzten Saison und beim Blick auf den Transfermarkt ist eine Trendwende indes nicht absehbar.

Von den drei seriösesten Verfolgern des Meisters kommt am ehesten Liverpool für einen Coup in Frage; ManU und Arsenal haben weniger Qualität eingekauft. Die Reds dagegen haben sich smart verstärkt, ohne dabei die Geldschleusen wochenlang zu öffnen. Offensiv werden die Merseysider dank Neueinkäufen wie Dirk Kuyt, der für Feyenoord in drei Jahren 71 Treffer markierte, Jermaine Pennant (Birmingham), einst das Versprechen Englands, und Craig Bellamy wesentlich schwieriger zu berechnen sein.

Seit 16 Jahren haben sie an der Anfield Road keine Meisterfeier mehr veranstalten können. Unter Rafa Benitez hat sich Liverpool aber positiv entwickelt. Das 2:1 gegen Chelsea in der Community Shield ist wegen der suboptimalen Besetzung der Startformationen zwar kein Muster von besonderem Wert, einem Warnsignal kam der Prestigesieg trotzdem gleich. Benitez weiss, dass er sich vom Erfolg gegen den Titelhalter nichts kaufen kann. «Dem Selbstvertrauen tat der Sieg aber gut.»

Chelseas Stratege José Mourinho kümmerte der Fehltritt in der Exhibition in Cardiff gegen aussen hin nicht gross: «Es bleibt noch einige taktische Arbeit. Ich will gleich viele Spiele gewinnen, aber mit einem anderen Stil. Und das braucht Zeit.» Er kalkuliere gar nicht mit einem ähnlichen Traumstart wie vor Jahresfrist (neun Siege in Serie). Zu viele seiner Stars seien übermüdet von der WM zurückgekehrt, klagte Mourinho.

Der von vielen als arrogant wahrgenommene Portugiese hat noch nicht entschieden, wie er seine diversen Stars gruppiert. Andrej Schewtschenko, die für 70 Millionen Franken aus Mailand an die Stamford Bridge gelotste Attraktion, wird wohl an der Seite von Didier Drogba stürmen. Deutschlands Captain Michael Ballack bildet im gesunden Zustand mit Frank Lampard in der Mittelfeldzentrale das Schlüsselduo. Die Besetzung der anderen Positionen ist offen.

Liverpool, 2005 Gewinner der Champions League, taxiert Mourinho - anders als zahlreiche Kommentatoren auf der Insel - nicht als gefährlichster Herausforderer. Die grössten Gefahrenherde im Kampf um den dritten Titel in Serie wähnt der Andalusier in Manchester (United) und London (Arsenal). Diese Einschätzung ist allerdings mit Vorsicht zu geniessen. Seit einem (beidseits?) verweigerten Handshake nach einer FA-Cup-Partie reichten sich Mourinho und Benitez die Hände nicht mehr. «Er spricht gerne viel», liess sich der Trainer der Reds unlängst im Zusammenhang mit dem Meistercoach zitieren.

Andere Sorgen in Manchester und bei Arsenal

Mit den Dissonanzen zwischen Chelsea und Liverpool befasst sich beim Zweiten Manchester United niemand. Alex Ferguson visiert im 21. Jahr im Old Trafford wieder den Gewinn von «Silverware» an. Um die Lücke von Roy Keane im Mittelfeld zu schliessen, investierte das Management über 43 Millionen in den Spurs-Professional Michael Carrick. Eine Erfolgsgarantie gibt es seit Roman Abramowitschs Einzug in London indes nicht mehr. Und Sir Alex erinnerte die Medien daran, dass er in seiner Ära nun bereits die fünfte Mannschaft aufbaue.

Ferguson ist aber nicht nur wegen der gewaltigen Einflussnahme von Abramowitsch zu keiner klaren Prognose mehr in der Lage; zu viel hängt nach dem Abgang von Ruud van Nistelrooy (Real) vom Temperament Wayne Rooneys ab. Der englische Hoffnungsträger bewegt sich konstant zwischen einer Genieaktion und dem Platzverweis. An der WM sah er nach einem Tritt gegen einen Portugiesen Rot, in einem Test gegen Porto schlug Rooney mit der Faust zu und fehlt zusammen mit dem ebenso gesperrten Paul Scholes in den ersten beiden Runden.

Wesentlich gesitteter verlief Arsenals Umzug ins ultramoderne, rund 900 Millionen Franken teure «Emirates Stadium». Die Arena ist bereit, der Umbauprozess im abermals verjüngten Team der Gunners ist indes noch im Gange. Von jener Equipe, die als erste seit 1880 ungeschlagen zum letzten Titelgewinn stürmte, sind weitere drei Stammspieler abgesprungen. Dennis Bergkamp trat zurück, Robert Pires zog nach Spanien (Villarreal) und Sol Campbell «flüchtete» nach Portsmouth.

Der Stellenwert von Senderos und Djourou

Arsène Wenger, der vor einer Dekade in Islington den glücklosen Bruce Rioch ersetzte, wird die Jugend noch mehr forcieren; dieser Kategorie ist auch der Ex-Dortmunder Tomas Rosicky zuzurechnen. In der Defensive wird der Schweizer Philipp Senderos ab Mitte Herbst eine tragende Rolle spielen. Erstmals seit Tony Adams' Rückzug vor vier Jahren vergab Arsenal wieder das Shirt mit der Nummer 6. Der gegenwärtig noch an der Schulter verletzte Senderos darf das Leibchen mit der für Arsenals Anhänger magischen Zahl tragen.

Neben Senderos dürfte (vor allem zu Beginn der Saison) auch Johan Djourou viel Einsatzzeit bekommen. Der angenehm selbstbewusste Romand formulierte an einer Medienkonferenz des Spitzenklubs ein hohes Ziel: «Ich habe an der WM viel Selbstvertrauen gewonnen. Jetzt werde ich versuchen, den Manager hier so zu beeindrucken, dass er mich immer spielen lässt.» Djourou müsste in diesem Fall einen aus dem Trio Touré, Cygan und Senderos dauerhaft verdrängen.

Ziegler im Hotel, Henchoz in Neuenburg

Ausserhalb des Lichtkegels hat sich Tottenham unter dem von Ajax umworbenen holländischen Trainer Martin Jol nach Jahren der Inkonstanz gefestigt. Die Top-5-Platzierung will der Klub reicher jüdischer Geschäftsleute unter allen Umständen wiederholen. Wie viele Prozente der Schweizer Reto Ziegler zum angestrebten Erfolg beitragen darf, ist offen. Nach dem Verkauf von Andy Reid sind die Chancen gestiegen, dass er im linken Couloir Teilzeitarbeit verrichten darf.

Momentan wohnt der frühere GC-Profi allerdings im Hotel - das dritte Leihgeschäft (HSV, Wigan) innerhalb eines Jahres ist bis Ende August nicht auszuschliessen. Für Stéphane Henchoz, der zuletzt zusammen mit Ziegler in Wigan engagiert war, scheint die Zeit in Grossbritannien hingegen abgelaufen zu sein. Das Haus in Liverpool hat der Ex-Internationale zwar (noch) nicht verkauft, derzeit hält sich der Verteidiger aber in Neuenburg auf. Gemäss seinem Berater hat Henchoz bislang alle Anfragen unterklassiger englischer Klubs abgelehnt.

O'Neill und der US-Milliardär

In Bewegung geraten ist Aston Villa. Der tief gesunkene Meistercupsieger von 1982 wird ab sofort vom US-Milliardär und Football-Team-Besitzer Randy Lerner kontrolliert. Für knapp 119 Millionen Euro stimmte der (vom Anhang seit Jahren belächelte) Klub-Chef Doug Ellis dem Verkauf zu. Nach 18-monatiger Pflege seiner kranken Frau erklärte sich Martin O'Neill bereit, das Coaching zu übernehmen. Der charismatische Nordire schuf sich während seiner Zeit bei Celtic Glasgow einen erstklassigen Namen. Ihm ist mit dem Support Lerners in Birmingham einiges zuzutrauen.

Die wichtigsten Transfers der 20 Premier-League-Klubs

Arsenal (4. Platz in der letzten Saison).

Coach: Arsène Wenger (Fr, seit 1996).

Zuzug: Tomas Rosicky (Dortmund).

Abgänge: Robert Pires (Villarreal), Dennis Bergkamp (Rücktritt), Sol Campbell (Portsmouth).

Aston Villa (16.).

Martin O'Neill (NIrl, neu nach 18 Monaten Pause).

Zuzüge: keine; DAMIAN und YAGO BELLON (16-jährige Zwillinge des FC St. Gallen/zum Nachwuchs von Aston Villa).

Abgang: James Milner (Newcastle).

Blackburn Rovers (6.).

Mark Hughes (Wales, 2004).

Zuzüge: Benni McCarthy (Porto), Francis Jeffers (Charlton Athletic).

Abgänge: Paul Dickov (Manchester City), Craig Bellamy (Liverpool), Florent Sinama-Pongolle (Liverpool).

Bolton Wanderers (8.).

Sam Allardyce (Eng, 1999).

Zuzüge: Abdoulaye Meite (Olympique Marseille), Quinton Fortune (Manchester United).

Abgänge: Khalilou Fadiga (freigestellt), Jay Jay Okocha (Qatar Sports Club), Bruno N'Gotty (Birmingham City).

Charlton Athletic (13.).

Iain Dowie (NIrl, 2006).

Zuzüge: Cory Gibbs (Feyenoord Rotterdam), Gonzalo Sorondo (Inter Mailand), Simon Walton (Leeds United), Jimmy Floyd Hasselbaink (Middlesbrough), Amady Fayé (Newcastle United), Djimi Traoré (Liverpool).

Abgänge: Jonathan Spector (Manchester United/West Ham United), Shaun Bartlett (Kaizer Chiefs), Jeffers (Blackburn Rovers).

Chelsea (Meister).

José Mourinho (Por, 2004).

Zuzüge: Andrej Schewtschenko (Milan), Michael Ballack (Bayern München), Salomon Kalou (Feyenoord Rotterdam), Hilario (Nacional), John Obi Mikel (Lyn Oslo), Wayne Bridge (Fulham).

Abgänge: Maniche (Dynamo Moskau), Eidur Gudjohnsen (FC Barcelona), Asier del Horno (Valencia), Damien Duff (Newcastle United), Hernan Crespo (Inter Mailand).

Everton (11.).

David Moyes (Scho, 2002).

Zuzüge: Tim Howard (Manchester United), Andrew Johnson (Crystal Palace).

Abgänge: Duncan Ferguson (freigestellt), Li Tie (Sheffield United), Matteo Ferrari (AS Roma), Sean Wright (freigestellt), Nigel Martyn (Rücktritt).

Fulham (12.).

Chris Coleman (Wales, 2003).

Zuzüge: Jimmy Bullard (Wigan), Björn Runström (Hammarby), Franck Queudrue (Middlesbrough).

Abgänge: Alain Goma (freigestellt), Bridge (Chelsea).

Liverpool (3.).

Rafa Benitez (Sp, 2004).

Zuzüge: Anthony Le Tallec (Sunderland), Bellamy (Blackburn), Gabriel Paletta (Atletico Banfield), Fabio Aurelio (Valencia), Salif Diao (Portsmouth), Sinama-Pongolle (Blackburn), Jermaine Pennant (Birmingham City).

Abgänge: Fernando Morientes (Valencia), Bruno Cheyrou (Rennes), Chris Kirkland (Wigan Athletic), Dietmar Hamann (Bolton Wanderers), Djibril Cissé (Olympique Marseille), Traoré (Charlton Athletic).

Manchester City (15.).

Stuart Pearce (Eng, 2005).

Zuzüge: Andreas Isaksson (Rennes), Dickov (Blackburn Rovers), Ousmane Dabo (Lazio Rom), Hamann (Liverpool-Leihgabe/Bolton), Bernardo Corradi (Valencia).

Abgänge: Kiki Musampa (Atletico Madrid), Albert Riera (Espanyol Barcelona), Geert de Vlieger (Zulte Waregem), Bradley Wright-Phillips (Southampton).

Manchester United (2.).

Alex Ferguson (Scho, 1986).

Zuzüge: Michael Carrick (Tottenham Hotspur), Tomasz Kuszczak (West Bromwich Albion).

Abgänge: Ruud van Nistelrooy (Real Madrid), Gerard Pique (Real Saragossa), Tim Howard (Everton), Fortune (Bolton Wanderers), Spector (West Ham United), Lee Martin (Glasgow Rangers).

Middlesbrough (14.).

Gareth Southgate (Eng, neu).

Zuzüge: Herold Goulon (Lyon), Julio Arca (Sunderland).

Abgänge: Floyd Hasselbaink (Charlton Athletic), Queudrue (Fulham).

Newcastle United (7.).

Glenn Roeder (Eng, 2006, letzte halbe Saison ad interim).

Zuzüge: Nicky Butt (Birmingham City), Milner (Aston Villa), Duff (Chelsea).

Abgänge: Alan Shearer (Rücktritt), Lee Bowyer (West Ham United), Fayé (Charlton Athletic).

Portsmouth (17.).

Harry Redknapp (Eng, 2005).

Zuzüge: Glen Johnson (Chelsea), David Thompson (Wigan Athletic), Campbell (Arsenal).

Abgänge: Grégory Vignal (Lens), Sander Westerveld (freigestellt), Aliou Cissé (freigestellt), Azar Karadas (Benfica Lissabon), Andres D'Alessandro (Wolfsburg), Diao (Liverpool), Wayne Routledge (Tottenham Hotspur), Emmanuel Olisadebe (Panathinaikos Athen).

Reading (Aufsteiger).

Steve Coppell (Eng, 2003).

Zuzüge: Seol Ki-Hyeon (Wolverhampton Wanderers).

Abgang: Jamie Young (freigestellt).

Sheffield United (Aufsteiger).

Neil Warnock (Eng, 1999).

Zuzüge: David Sommeil (Manchester City), Christian Nade (Troyes), Mikele Leigertwood (Crystal Palace), Tie (Everton).

Abgänge: Garry Flitcroft (Rücktritt), Bruce Dyer (Rücktritt).

Tottenham Hotspur (5.).

Martin Jol (Ho, 2004).

Zuzüge: Dimitar Berbatov (Bayer Leverkusen), RETO ZIEGLER (zurück von Wigan), Dorian Dervitte (Lille), Benoit Assou-Ekotto (Lens), Didier Zokora (St. Etienne), Routledge (Portsmouth).

Abgänge: Carrick (Manchester United), Mido (AS Roma), Noureddine Naybet (freigestellt), Goran Bunjevcevic (freigestellt), Stephen Kelly (Birmingham City), Mounir El Hamdaoui (Willem II).

Watford (Aufsteiger).

Adrian Boothroyd (Eng, 2005).

Zuzüge: Damien Francis (Wigan Athletic), Richard Lee (Blackburn), Sheku Kamara (Charlton Athletic).

Abgänge: keine.

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