Aktualisiert 14.07.2009 18:03

IndonesienDie Jockeys von Jakarta

Tia ist 20 und arbeitet als Jockey im stinkenden Berufsverkehr der indonesischen Millionenmetropole Jakarta. Tagaus, tagein, mit ihrer vierjährigen Tochter im Arm. Jockeys sind hier keine Rennreiter, sondern tausende Arme, die sich als Mitfahrer in Autos andienen.

Denn um den Wahnsinnsverkehr zu drosseln, dürfen Autofahrer in den Stosszeiten bestimmte Strassen nur benutzen, wenn mindestens drei Personen in ihrem Wagen sitzen.

Guter Eindruck zählt

Tia ist besonders gefragt. Denn die Mutter und ihr Kind zählen als zwei Köpfe, auch wenn sie nicht das doppelte kosten. 10 000 Rupien - gut 1 Franken gibt es für eine Fahrt. «An guten Tagen schaffe ich fünf Fahrten, aber manchmal warte ich auch drei Tage vergebens», sagt die junge Mutter.

Sie ist adrett gekleidet, die Haare brav gekämmt - ein guter Eindruck ist wichtig im Geschäft. Seit fünf Monaten macht sie das. Die Kleine liegt apathisch in ihrem Schoss.

Je drei Stunden morgens und nachmittags steht sie mit dem Kind im stinkenden Verkehr. «Was soll ich sonst tun?» sagt sie. «Mit dem Geld kaufe ich für uns Essen.» Zwischen den Stosszeiten putzt sie, um die Miete für ihr Zimmer zu bezahlen.

Das «3 in 1»-Konzept wurde 1992 auf zwei Hauptverkehrsadern durch Jakarta eingeführt, um den drohenden Verkehrskollaps abzuwenden. 12 Millionen Menschen leben in dem Moloch. Noch einmal so viele dürften aus dem Umland jeden Tag in die Stadt kommen.

Über 6 Millionen Fahrzeuge

Über 6 Millionen Fahrzeuge sind in Jakarta täglich unterwegs, und der Verkehr nimmt nach Angaben des Transportministeriums um 11 Prozent im Jahr zu. Das System habe den Verkehr auf den betreffenden Strassen halbiert, sagt das Ministerium. Vorübergehend vielleicht, denn inzwischen kommen die Fahrer selbst in den Sonderzonen im Berufsverkehr bestenfalls zäh voran.

Jockey Iwan ist auf Rivalen wie Tia nicht gut zu sprechen. «Frauen mit Kindern sind Konkurrenz, die wir kaum schlagen können», sagt er. «Es gibt immer mehr Konkurrenz.» Im Stadtteil Menteng stehen Dutzende Mitfahrer am Strassenrand. Heben sie den Finger hoch, sind sie bereit, einzusteigen.

Iwan ist seit fünf Jahren im Geschäft. «Ich habe sogar ein paar Stammkunden», sagt er. Wenn er mal 50'000 Rupien am Tag macht, spart er 10'000 bis 20'000. «Wenn unser Sohn mal zum Arzt muss», sagt er. Seine Frau verkauft Tee und Kaffee an einer Bushaltestelle.

Traum von fester Arbeitszeit

Iwans Traum ist bescheiden: ein Job mit fester Arbeitszeit, Hausabwart oder Putzmann. Aber ohne Beziehungen sei selbst das so gut wie unmöglich, sagt er. Solange die Verkehrsplaner in Jakarta nicht zu Potte kommen, ist sein Jockey-Job sicher.

Das geplante Massentransportsystem, eine Hochbahn, dümpelt vor sich hin. Hier und da schon gebaute Pfeiler ragen nutzlos in die Luft. Juristische und finanzielle Probleme stoppten den Bau, heisst es. Vor 2016 wird das nichts.

Leicht verdienen die Jockeys ihr Geld nicht. Auf der Strasse gibt Kämpfe um die besten Plätze. Auch eine Mafia ist am Werk, sagt Iwan. Er ist schon einmal verprügelt worden, weil er im Revier einer Bande aufkreuzte. Dutzende Male ist er festgenommen worden. Trotzdem macht er weiter.

Tia muss sich immer wieder gegen Annäherungsversuche wehren. Ein Mann nahm sie einmal mit in eine Tiefgarage. Sie konnte gerade noch mit ihrer Tochter flüchten.

(sda)

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