Kambodscha: «Die junge Generation wird verstehen»

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Kambodscha«Die junge Generation wird verstehen»

Die 64-jährige Im Savoeun musste zusehen, wie ihr von den Roten Khmer brutal zusammengeschlagener Mann in ihren Armen starb. Sein Verbrechen in den Augen der Roten Khmer: Er hatte eine Kartoffel gestohlen. Ab heute stehen Vertreter des Regimes vor einem internationalen Gericht.

«Ich konnte ihm nicht helfen», sagt die 64-jährige Frau, die heute Abgeordnete des Parlaments in Phnom Penh ist. «Es gab keine Medizin. Das einzige, was ich ihm geben konnte, waren meine Tränen.»

30 Jahre nach dem Sturz der Roten Khmer durch den Einmarsch vietnamesischer Truppen beginnt heute Dienstag nach Jahren politischer Sabotage, juristischer Streitereien, Korruptionsvorwürfen und Finanzierungsproblemen ein internationaler Prozess gegen fünf ehemalige Führer der Roten Khmer. Ihnen werden Verbrechen gegen die Menschlichkeit vorgeworfen. Schätzungsweise zwei Millionen Menschen kamen in der Schreckensherrschaft des 1998 verstorbenen Roten-Khmer-Führers Pol Pot ums Leben. Ein Prozess gegen weitere vier ranghohe Rote Khmer soll voraussichtlich im kommenden Jahr beginnen.

Am Dienstag wird der 65-jährige Kaing Guek Eav, Leiter des grössten Folterlagers der Roten Khmer, als erster zur Anklagebank gehen. Die anderen Angeklagten sind der frühere Staatschef des Pol-Pot-Regimes, Khieu Samphan, Exaussenminister Ieng Sary, dessen Frau Ieng Thirith, die damals auch Sozialministerin war, und Chefideologe Nuon Chea. Mit dem Prozess wird Kambodscha zu einem halben Dutzend Staaten gehören, in denen mit internationaler Hilfe Verbrechen gegen die Menschlichkeit aufgeklärt werden sollen.

Skepsis trotz internationaler Beteiligung

Trotz der Beteiligung ausländischer Ko-Ankläger und Richter sind viele Kambodschaner skeptisch, ob der Prozess fair sein wird - und ob er dem Ausmass der Verbrechen überhaupt gerecht werden kann. «Selbst wenn wir fünf oder zehn unter dem Tribunal verurteilen, wird das nicht reichen, weil sie Millionen umgebracht haben», sagt Im Savoeun, die damals noch vier weitere Familienangehörige verlor. «Mein Mann und mein Sohn können nie zu mir zurück kommen, aber zumindest wird ihnen etwas Gerechtigkeit zuteil.»

Die Roten Khmer verwandelten Kambodscha nach ihrer Machtergreifung 1975 in ein gigantisches Zwangsarbeitslager, in dem sie nach ihrer Ideologie die traditionelle Gesellschaft auslöschen und beim «Jahr null» neu anfangen wollten. Alle Freiheiten wurden abgeschafft. Mindestens 1,7 Millionen Menschen, nach Schätzungen aber bis zu zwei Millionen, verhungerten, starben an Krankheiten oder wurden exekutiert.

Trotz der Schwere der Verbrechen hat die kambodschanische Seite des internationalen Gerichts, die Ausserordentliche Kammer der Gerichte Kambodschas, versucht, den Zugriff des Tribunals zu begrenzen. Sie wies den Vorschlag des internationalem Ko-Anklägers Robert Petit zurück, das Netz weiter zu knüpfen und bis zu fünf weitere Rote-Khmer-Funktionäre anzuklagen.

Tausende Täter bleiben unbehelligt

Selbst das hätte nicht alle Opfer, Hinterbliebene und Kritiker befriedigt. «Man kann nicht zwei Millionen Tote haben, fünf oder zehn Fälle verhandeln und dann sagen, das war's», sagt Brad Adams von der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch. «Wir werden nicht sagen, damit wurde der Gerechtigkeit Genüge getan - wie gut der Prozess auch immer verlaufen mag.» Human Rights Watch wolle mehr Anklagen, «weil es Dutzende von Leuten gibt, die für den Tode Tausender Menschen verantwortlich sind und immer noch frei herumlaufen».

Aber in der Regierung von Ministerpräsident Hun Sen sitzen etliche ranghohe ehemalige Rote Khmer, darunter er selbst. Schon 1998 erklärte Hun Sen, die Kambodschaner sollten «ein Loch graben und die Vergangenheit begraben». Adams, ein Amerikaner, der seit Jahren das Werden des internationalen Tribunals beobachtet, spricht denn auch vom planmässigen Verzögern und Verschleppen - um den oft greisen Roten Khmer einen friedlichen Tod zuhause zu ermöglichen. Der Leiter des kambodschanischen Dokumentationszentrums für die Verbrechen der Roten Khmer, Youk Chang, ist überzeugt: «In der kambodschanischen Regierung geht die Angst um. Die früheren Roten Khmer fragen: 'Wer ist der Nächste?'»

Der kambodschanische Chefankläger Chea Lang gab kürzlich quasi offen zu, dass der Prozess stark mit Innenpolitik zu tun hat: Mehr als fünf Angeklagte würden die innere Sicherheit des Landes gefährden, sagte er.

Japan hilft bei Finanzierung des Tribunals

Japan sichert die Finanzierung des Prozesses mit 21 Millionen Dollar. Petit räumt aber ein, «dass immer alles passieren kann: Das Geld kann ausgehen, die Regierung kann uns auffordern, heimzugehen, oder die Internationalen beschliessen, zu gehen.»

Das wäre für viele Opfer eine erneute Qual, sagt der Menschenrechtsaktivist Pung Chhiv Kek. Viele hätten mit Nahen des Prozesses die Erinnerungen an den Terror noch einmal durchlebt, und ein Scheitern würde eine grosse Enttäuschung hervorrufen. Petit bleibt optimistisch: «Es gibt noch immer die Chance, dass das Tribunal eine begrenzte Massnahme der Gerechtigkeit verwirklicht», ist er überzeugt.

Im Savoeun hat nichts vergessen. Sie weiss, dass die Mörder ihrer Angehörigen nicht unter den Angeklagten sind und vielleicht schon friedlich und unbehelligt verstorben sind. Sie erinnert sich an die knochenbrechenden Arbeitseinsätze bei der Rodung von Wäldern, dem Graben von Bewässerungskanälen und dem Reisanbau, an die Jagd nach Fröschen, Ratten und Schlangen, um etwas zu essen zu haben. Sie erinnert sich an Ochsenkarren voller Leichen, die in Massengräbern verscharrt wurden. «30 Jahre waren ein lange Zeit für mich», sagt sie schluchzend. «Aber schliesslich beginnt jetzt der Prozess und zumindest wird die junge Generation lernen und verstehen.»

(dapd)

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