14.10.2020 05:04

Familienstart in Notlage«Die junge Mutter war am Ende ihrer Kräfte»

In der häuslichen Wochenbettpflege treffen Hebammen auch auf Familien in extremen Notlagen. Die Betreuung von Familien mit Neugeborenen geht weit über medizinische Fragen hinaus.

von
Oliver Braams
1 / 8
Bei der häuslichen Wochenbettpflege sehen Hebammen unvermittelt in die intimste Sphäre von Familien hinein. Zum Teil treffen sie auf grosse Notlagen. 

Bei der häuslichen Wochenbettpflege sehen Hebammen unvermittelt in die intimste Sphäre von Familien hinein. Zum Teil treffen sie auf grosse Notlagen.

Familystart beider Basel
Fehlendes Geld zum Kauf von Schoppen, zugedröhnte Kindsväter, die auch noch gewaltbereit sind, und junge Mütter am Anschlag – kommt alles vor. «Das sind natürlich tragische Situationen», sagt Elisabeth Kurth, Geschäftsleiterin von Familystart beider Basel. «Aber sie kommen häufig genug vor.»

Fehlendes Geld zum Kauf von Schoppen, zugedröhnte Kindsväter, die auch noch gewaltbereit sind, und junge Mütter am Anschlag – kommt alles vor. «Das sind natürlich tragische Situationen», sagt Elisabeth Kurth, Geschäftsleiterin von Familystart beider Basel. «Aber sie kommen häufig genug vor.»

Dominik Pluess
«Gut ein Drittel der Familien organisiert sich selbst keine Hebammenbesuche», sagt Kurth. Familystart vermittelt diesen Eltern eine Wochenbettbetreuung.

«Gut ein Drittel der Familien organisiert sich selbst keine Hebammenbesuche», sagt Kurth. Familystart vermittelt diesen Eltern eine Wochenbettbetreuung.

Keystone

Darum gehts

  • Hebammen treffen zum Teil auf desaströse Verhältnisse, wenn sie Familien mit Neugeborenen betreuen.

  • Sie erleben junge Mütter am Anschlag, Armut oder auch häusliche Gewalt.

  • Darum sind sie weit mehr als nur in medizinischen Belangen gefordert.

  • Eine Support-Stelle hilft Hebammen bei der Betreuung von Familien in Risikokonstellationen.

Was frei praktizierende Hebammen manchmal zu sehen bekommen, verschlägt auch den erfahrensten die Sprache. Eine seit dreissig Jahren tätige Hebamme erzählt von der Situation einer jungen Mutter: «Die Wohnung ein Chaos. Der Kindsvater total zugedröhnt – Geld hatte die Familie keines.»

Die Hebamme organisierte schleunigst Schoppen und Babynahrung, holte die Elternberatung mit in die Familie und vernetzte sich mit den sozialen Institutionen. Die junge Mutter sei am Ende ihrer Kräfte gewesen. Wie sich ein paar Wochen später herausstellte, war der Kindsvater gewaltbereit – für Mutter und Kind konnte ein geschützter Ort organisiert werden.

Weit mehr als medizinische Betreuung

«Das sind natürlich tragische Situationen», sagt Elisabeth Kurth, Geschäftsleiterin von Familystart beider Basel. «Aber sie kommen häufig genug vor.» Familystart vermittelt frischgebackenen Eltern eine Wochenbettbetreuung, wenn diese sich nicht bereits selbst darum gekümmert haben. «Gut ein Drittel der Familien organisiert sich selbst keine Hebammenbesuche», sagt Kurth. Seit 2012 stieg aufgrund dieser Vermittlung die Nachbetreuungsrate von Wöchnerinnen von 81 auf 97 Prozent.

«Wenn eine Hebamme auf ein Neugeborenes in einer Notlage trifft, fordert das weit mehr als nur medizinische Versorgung», sagt Kurth. Insbesondere mit den sozialen Institutionen Rücksprache zu nehmen, erfordere viel Zeit. Diese vernetzende Tätigkeit wurde bisher ehrenamtlich geleistet.

Lücke in der sozialen Beratung kurz nach der Geburt

Dass Hebammen mit ihrem Engagement eine Brücke schlagen zwischen Gesundheitsversorgung und dem sozialen Bereich, sei in der Gesellschaft zu wenig anerkannt. Ein derzeit laufendes Pilotprojekt, das Hebammen telefonisch Hilfe für die Betreuung von Neugeborenen und Familien in Risikokonstellationen bietet, habe das Schweizerische Tropen- und Public-Health-Institut kürzlich evaluiert.

Kurth: «Das macht jetzt erstmals greifbar, wie Hebammen Familien in Not früheste Hilfe leisten.» Der Support sei im Jahr 2019 über fünfzigmal angerufen worden, sagt sie. Das Projekt zeige auch auf, dass Hebammen mit diversen medizinischen und sozialen Diensten zusammenarbeiteten. «Es braucht ein gutes Netzwerk», sagt Kurth. Denn: «Spitalextern gibt es eine Lücke in der sozialen Beratung für Familien kurz nach der Geburt.»

Deine Meinung

Fehler gefunden?Jetzt melden.
40 Kommentare
Kommentarfunktion geschlossen

dominik

14.10.2020, 08:57

wie wärs, wenn man eh schon am limit ist in dieser leichten krise aus kindermachen verzichten würde?

MVB

14.10.2020, 08:28

Mütter-und Väterberatung! Hebammen und Wochenbettbetreuerinnen machen einen wichtigen Job. Aber man vergisst oft, dass es ein super gratis Beratungsangebot der Mütter-und Väterberatung gibt. Diese Pflegefachfrauen mit Schwepunkt Kind & einer Zusatzausbildung bieten gratis Beratungen in den Gemeinden aber auch zu Hause an. Leider geht dieser kompetente "Service public" oft vergessen!

Alles bestens

14.10.2020, 08:28

Hebammen helfen beim Entbinden, begleiten und BERATEN. Hebammen kennen alle Kontakte welche bei Bedarf anvisiert werden können. Alles ist zur genüge da. Wo liegt das Problem nun? Hat diese Jammerhebamme den falschen Beruf erlernt?