Aktualisiert 06.02.2014 08:57

IV-Bezüge

«Die Jungen von heute sind weniger resistent»

Wegen psychischer Probleme beziehen Jugendliche immer öfter IV-Renten. An der Frage, warum diese Zahl steigt, scheiden sich die Geister.

von
Deborah Onnis

Die Zahl der Jugendlichen, die wegen psychischer Krankheiten IV-Rente beziehen, hat sich in den letzten rund 15 Jahren verdreifacht. Nun fragen sich viele, warum. Für Pro Juventute ist der Fall klar. So schreibt die Organisation in einer Medienmitteilung, die Zunahme sei eine «Folge des massiven Leistungsdrucks». Die psychischen Krankheiten seien ein Ausdruck dafür, dass sich Jugendliche überfordert fühlten. Daran sei aber nicht das Umfeld schuld, kontert FDP-Nationalrat Felix Gutzwiller. «Die Jugendlichen von heute sind weniger resistent als früher», ist er überzeugt.

Ein ganz anderes Problem stellt Psychologe Niklas Baer fest. Laut dem Leiter der Fachstelle für psychiatrische Rehabilitation der Psychiatrie Baselland landen auch Junge in der IV, die eigentlich in die Arbeitswelt integriert werden könnten: «Die Ärzte sind pessimistischer als vor 15 Jahren, wenn es darum geht, wie arbeitsfähig der Patient wirklich ist.» Oft werde den Jugendlichen zu wenig zugetraut.

Probleme früh erkennen

Laut Baer ist aber auch die Toleranz gegenüber verhaltensauffälligen Jugendlichen bei den Arbeitgebern teilweise gesunken. Früher habe man auch für schwächere Jugendliche eine Arbeit in der Firma gefunden. «Heute haben sie ohne Ausbildung schlechtere Chancen.» Zudem gebe es heute weniger Stellen mit tieferen Anforderungen. «Generell werden nun auch bei Sozialkompetenzen höhere Anforderungen gestellt.»

Harald Sohns vom Bundesamt für Sozialversicherungen meint: «Die IV erbt Fälle von Menschen, die eigentlich in anderen Gebieten schon früher gezielt in Bezug auf ihre Erwerbsfähigkeit hätten betreut werden sollen.» Viele junge Leute, die IV-Leistungen bezögen, hätten bereits als Schüler psychische Probleme gehabt. «Würden sie als Schüler und vor allem nach dem Verlassen der Volksschule gezielt unterstützt, könnten viele IV-Fälle vermieden werden.» Wenn junge Leute bei der IV Unterstützung beantragen, sei der Schaden schon passiert und häufig nicht mehr zu beheben. Eine IV-Rente erhalten laut Sohns aber nur die Personen, die nur teilweise oder gar nicht in die Arbeitswelt integriert werden können.

Alle müssen mithelfen

In einem Punkt ist man sich einig: Die dramatische Zunahme muss gestoppt werden. «Alle müssen am gleichen Strang ziehen», sagt Sohns im Einklang mit der OECD. Gefordert seien jetzt nicht nur IV-Stellen, sondern auch Ärzte, Schulen, Berufsbildungsstätten und Arbeitgeber.

Martin Kaiser vom Arbeitgeberverband räumt ein, dass auch Arbeitgeber noch mehr tun könnten. Die Unternehmen müssten aber gleichzeitig von der IV noch besser unterstützt werden.

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