18.04.2015 11:57

Vinyl-HypeDie Kehrseite des Record Store Day

Heute wird beim internationalen Record Store Day die Schallplatte zelebriert. Doch nicht alle Vinyl-Liebhaber sind Freunde des Feiertags.

von
Neil Werndli

Der Vinyl-Boom ist perfekt: Seit 2007 hat sich die Gesamtmenge an hergestellten Schallplatten vervierfacht. Die Verkaufszahlen sind aussagekräftig genug, dass in England seit dieser Woche sogar wieder Vinyl-Charts erhoben werden.

Pünktlich zum Hype wurde 2008 der Record Store Day ins Leben gerufen. Jeweils am dritten Samstag im April veröffentlichen Musiker exklusive Platten: Seien es nun hübsche Special Editions, unveröffentlichte Singles oder andere Raritäten. Die wenigen Plattenläden, die die Digitalisierung überlebt hatten, gestalteten individuell ein Rahmenprogramm und machten am Vinyl-Feiertag Rekordgewinne. Kleine Indie-Labels freuten sich zudem über einen Tag für spannende, neue Künstler. Man war sich einig: Der Record Store Day ist eine gute Sache. Nun regt sich aber in ebenjenen Reihen Widerstand gegen den Aktionstag.

«Nur noch eine riesige Materialschlacht»

«Es war dasselbe wie immer bei Indie-Bewegungen», sagt René Freiburghaus vom Plattenladen Outsider in Olten. «Die grossen Major-Labels erkannten, dass hier Geld zu holen war, und wollten auch ein Stück vom Kuchen.» Die drei grossen Lieferanten Universal, Sony und Warner gingen eine Partnerschaft mit dem Record Store Day ein. Statt aber Alben junger Künstler auf Platten zu pressen, wühlten sie in ihren Archiven, gruben Werke aus dem goldenen Zeitalter der Schallplatte aus und veröffentlichten diese neu.

Freiburghaus spielt mit seinem Plattenladen heuer nicht mehr mit. «Der Record Store Day ist nur noch eine riesige Materialschlacht.» Die Platten würden zu überrissenen Preisen angeboten und seien auch gar nicht mehr speziell. «Die Dinger bekommt man auch nach dem Feiertag noch überall.» Für seinen Shop habe er vor zwei Jahren etwa eine vermeintlich exklusive Aerosmith-Platte bestellt. Wochen nach dem Record Store Day wurde diese jedoch wieder regulär angeboten – «und da war sogar immer noch der Record-Store-Day-Aufkleber drauf».

Der Outsider-Shop boykottiert den Record Store Day ausserdem, weil er oft zu spät oder gar nicht mit den bestellten Exklusiv-Releases beliefert wurde. «Letztes Jahr dachten wir dann: Nein, darauf haben wir kein Bock mehr.» In seinem Plattenladen feiert er am 2. Mai eine Art Gegenveranstaltung. «Die Idee des Record Store Days fand ich anfangs brillant. Aber so macht das keinen Spass mehr.»

Die kleinen Labels müssen hintanstehen

Ein weiteres Problem ist, dass die grossen Major-Releases die wenigen Platten-Presswerke überlasten. Mittlerweile ist von einem Vinyl-Stau die Rede. Wenn ein grosses Label mehrere Tausend Platten bestellt, fehlt den Herstellern die Kapazität für Kleinauflagen von Indie-Labels. Diese müssen oft monatelang auf ihre Bestellung warten.

Man könnte meinen, das Problem löse sich von selbst – eine höhere Nachfrage lässt das Angebot an Presswerken steigen. Die alten Maschinen zum Plattenherstellen wurden jedoch zu einem Grossteil eingeschrottet – mittlerweile muss sogar jedes kaputte Einzelteil neu produziert werden. Bis die Presswerke nachgerüstet haben, dürfte der Vinyl-Hype bereits wieder abgeflacht sein.

«Der Record Store Day ist nur noch ein weiterer Event im Zirkus der Musikindustrie», schrieben die britischen Labels Howling Owl und Sonic Cathedral in einem offenen Brief. «Klar könnt ihr euch alle am Morgen anstellen, um eine Mumford & Sons oder eine überteuerte Noel-Gallagher-Plattte zu kaufen. Das ist okay, hat aber mit uns kleinen Anbietern überhaupt nichts zu tun.»

Deine Meinung

Fehler gefunden?Jetzt melden.