Aktualisiert 16.01.2014 10:08

Syrien

Die Kinder verhungern – die Politiker redeten

An der Geberkonferenz in Kuwait einigten sich Regierungsvertreter auf rund zwei Milliarden Dollar zur Linderung der Not in Syrien. Derweil verhungern die Menschen, selbst in Damaskus.

von
D.Hadid, AP

Nur wenige Minuten vom wohlhabenderen Teil der syrischen Hauptstadt Damaskus entfernt kämpfen Kinder, ältere Menschen und andere Flüchtlinge des Bürgerkriegs täglich gegen den Hungertod: Hilfslieferungen kommen in das von syrischen Regierungstruppen und deren Verbündeten belagerte Flüchtlingscamp im Damaszener Stadtteil Jarmuk nicht hinein. Dort starben seit vergangenem Oktober 46 Menschen an Hunger, Krankheit oder wegen fehlender medizinischer Behandlung, wie Anwohner berichteten.

Von Rebellen besetzt, von Assads Truppen belagert

Palästinensische Gruppen, die auf der Seite von Syriens Präsident Baschar al-Assad kämpfen, versperren seit vergangenem September den Zugang nach Jarmuk. Die UN stellten dort ihre Hilfe ein, als im Dezember Kämpfe begannen. Das Viertel, in dem vor Ausbruch des Bürgerkriegs im März 2011 rund 160'000 Palästinenser lebten, ist ein aufsehenerregendes Beispiel für die Katastrophe in den von Rebellen gehaltenen, aber von Regierungstruppen belagerten Gegenden Syriens.

Landesweit seien geschätzte 250'000 Menschen in belagerten Städten von Hilfslieferungen wie Nahrungsmitteln und Medizin abgeschnitten, berichteten die UN vergangenen Monat. Russische und US-amerikanische Diplomaten sagten am Montag, die Kriegsparteien überlegten, Korridore für Hilfsgüter zu schaffen. Dies könne vor der am 22. Januar in der Schweiz beginnenden Friedenskonferenz zu Syrien zudem das Vertrauen in beide Seiten erhöhen.

Chemiewaffen mehrfach in Syrien eingesetzt

Hilfstransporte müssen umkehren

Anderswo im Land konnten Vertreter der Kriegsparteien in den letzten Monaten lokale Waffenstillstände aushandeln und Blockaden aufheben. Nicht aber in Jarmuk. Bewohner sagen, Monate der Verhandlungen seien erfolglos geblieben. Die regierungsfreundlichen Palästinenser fordern als Tauschpfand für das Ende der Blockade den Berichten zufolge die Entwaffnung von geschätzten 3000 Rebellen.

Mehrfach schon schlugen Versuche fehl, Hilfsgüter nach Jarmuk zu bringen. Erst am Montag mussten sechs mit Nahrung und Medizin beladene UNO-Lastwagen wieder umkehren, weil sie unter Beschuss gerieten, wie ein Anwohner berichtete. Noch leben rund 18'000 Menschen, viele davon Palästinenser, in Jarmuk zusammen mit Zehntausenden Flüchtlingen, die aus den von Assads Truppen zurückeroberten Gebieten Syriens flohen.

«Hier leben nur Skelette mit gelber Haut»

Da seit September 2013 kein Anwohner mehr Jarmuk verlassen kann, stehen die meisten Menschen mittlerweile ohne Essen da. Familien lösen Gewürze in Wasser auf, um ihren Kindern eine Art Suppe servieren zu können. Eine verzweifelte Mutter riskierte ihr Leben, als sie in ein nahe dem Camp gelegenes Feld kroch, das von syrischen Heckenschützen umgeben war. Dort wollte sie Kräuter für ihre Kinder sammeln. Sie wurde in Hand und Bein geschossen. «Für ein paar Kräuter – um uns vor dem Tod zu retten», sagte sie in einem Video, das Aktivisten im Internet hochluden. Andere assen bereits vor lauter Verzweiflung Tierfutter und bekamen postwendend eine Lebensmittelvergiftung.

Trotz des Hungers schicken Eltern ihre Kinder in dem Camp in die Schulen, dort werden sie allerdings von ebenso ausgehungerten Lehrern unterrichtet. «Die Kinder schreien vor Hunger, das Spital hat keine Medizin», sagte die 27-jährige Bewohnerin und Mutter zweier kleiner Kinder, Umm Hassan, der Nachrichtenagentur AP am Telefon. «Es gibt hier in Jarmuk keine Menschen mehr, nur noch Skelette mit gelber Haut.»

Erste Menschen nahmen sich aus Verzweiflung das Leben, wie der Teenager Masen al-Asali. Er hängte sich im Dezember auf, nachdem er ohne Lebensmittel für seine verhungernde Mutter nach Hause gekommen war. Und ein älterer Mann wurde von Dieben totgeschlagen: Sie hatten in seinem Haus nach Geld und Lebensmitteln gesucht.

Situation ist völlig verfahren

Angesichts der immer dramatischeren Lage in Jarmuk riefen Palästinenser im Westjordanland Präsident Mahmud Abbas um Hilfe an. «Die Geschichte wird uns verfluchen, wenn wir erlauben, dass in Jarmuk Menschen vor Hunger sterben», hiess es auf einem Banner.

Doch die Hoffnung auf eine baldige Lösung ist vage: «Die Regierungstruppen werden die Belagerung des Camps nicht aufgeben, solange sich die Milizen darin aufhalten», sagt ein an der Blockade beteiligter Palästinenser der regierungsfreundlichen Gruppe. «Und die Milizen werden das Camp nicht verlassen.»

Geber-Konferenz in Kuwait

Mehrere Geberstaaten haben am Mittwoch angekündigt, umgerechnet rund 2,2 Milliarden Franken für die notleidende Bevölkerung in Syrien zur Verfügung zu stellen. Das Geld soll vor allem den über zwei Millionen Syrern zugutekommen, die durch die Kämpfe aus ihren Häusern vertrieben wurden.

Die Summe ist allerdings noch weit entfernt von den 6,5 Milliarden Dollar an Syrien-Hilfen, um die die Uno für dieses Jahr gegebeten hat. Die Vereinten Nationen warnten, dass 9,3 Millionen Menschen in Syrien Hilfe benötigten, wenn der Konflikt sich weiter hinziehe.

Die unter Vorsitz von Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon stehende Geber-Konferenz in Kuwait findet eine Woche vor den geplanten Syrien-Friedensgesprächen in der Schweiz statt.

Deine Meinung

Fehler gefunden?Jetzt melden.