Aktualisiert 29.06.2020 11:26

Tötungsdelikt in Eschenz TG

«Die Kinder zu töten, ist die maximale Abrechnung mit dem Partner»

In einer Wohnung in Eschenz TG wurden am Sonntag ein Mann (38) und zwei Kinder (4 und 7) tot aufgefunden. Laut Polizei handelt es sich um ein Tötungsdelikt. Der forensische Psychiater Thomas Knecht gibt eine Einschätzung.

von
Tabea Waser

Darum gehts

  • Am Sonntag wurden in einer Wohnung in Eschenz ein Mann und seine Kinder tot aufgefunden.
  • Die Polizei geht von einem Tötungsdelikt aus.
  • Thomas Knecht, forensischer Psychiater, gibt eine Einschätzung zum Fall.
  • Er erwähnt unter anderem das Medea-Syndrom. Dabei geht es darum, den Partner maximal zu verletzen, indem man seine Kinder tötet.

«Es gibt nicht den bestimmten Typ Mensch, der so etwas tut», sagt Thomas Knecht, forensischer Psychiater und Leitender Arzt am Psychiatrischen Zentrum Appenzell Ausserrhoden. Er spricht über das Tötungsdelikt von Eschenz TG vom Sonntag. Am Sonntag ging bei der Kantonalen Notrufzentrale die Meldung ein, dass in einer Wohnung drei leblose Personen aufgefunden worden seien.

Bei den Verstorbenen handelt es sich um einen 38-jährigen Mann und zwei Kinder im Alter von 4 und 7 Jahren. Sie sind deutsche Staatsangehörige. Die Kantonspolizei Thurgau und die Staatsanwaltschaft Kreuzlingen gehen von einem Tötungsdelikt aus. Die genauen Hintergründe sind derzeit noch unbekannt. Bisher habe man aber keine Hinweise auf Fremdeinwirkung einer weiteren Person, sagt Sprecher Matthias Graf. Die Mutter der Kinder sagt, ihr Ex sei psychisch angeschlagen und habe die Trennung nicht verkraftet.

Laut Knecht sind es eher Männer, die einen erweiterten Suizid in dieser Form begehen. «Wenn Männer das verlieren, was quasi ihre Existenz ausmacht, und sie so die Perspektive im Leben und den Sinn verlieren, kann das in einer aggressiven Verteidigungshaltung enden.» Diese könne schliesslich so weit gehen, dass sie ins Selbstzerstörerische mündet: «Der Gipfel dieser Selbstzerstörung ist das Auslöschen des eigenen Fleischs und Bluts, der eigenen Genetik.»

Knecht weist in diesem Zusammenhang auch auf das Medea-Syndrom hin. Es bezieht sich auf Medea, eine Gestalt der griechischen Mythologie. Sie tötete ihre Kinder, um ihren Partner zutiefst zu verletzen. «Es geht darum, dass der Partner den Verlust bewusst erleben und leiden soll», so Knecht. Der Partner wird nicht getötet, sondern bestraft. «In solch einem Fall spielt eine starke Hasskomponente mit. Es ist die maximale Abrechnung mit dem Partner.» Denn es gebe wohl nicht Schlimmeres, was man einem Partner oder Ex-Partner antun könne, als ihn leben zu lassen und die eigenen Kinder zu töten.

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Am Sonntag wurden in einer Wohnung in Eschenz ein 38-jähriger Mann und zwei Kinder im Alter von 4 und 7 Jahren tot aufgefunden.

Am Sonntag wurden in einer Wohnung in Eschenz ein 38-jähriger Mann und zwei Kinder im Alter von 4 und 7 Jahren tot aufgefunden.

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Die Polizei geht von einem Tötungsdelikt aus.

Die Polizei geht von einem Tötungsdelikt aus.

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Die genauen Hintergründe sind derzeit noch unbekannt. Bisher habe man aber keine Hinweise auf Fremdeinwirkung einer vierten Person, sagt Polizei-Sprecher Matthias Graf.

Die genauen Hintergründe sind derzeit noch unbekannt. Bisher habe man aber keine Hinweise auf Fremdeinwirkung einer vierten Person, sagt Polizei-Sprecher Matthias Graf.

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Bei Frauen komme ein sogenannter Mitnahme-Suizid eher selten vor. Frauen würden auf einen Verlust dessen, was ihre Existenz ausmacht, eher depressiv oder hilflos reagieren. Bei Fällen, in denen es dennoch zum Mitnahme-Suizid komme, sei es eher mit dem Gedanken «Wir wollen doch zusammenbleiben, wenn auch im Tod». Damit einher könne auch die wahnhafte Vorstellung einer «besseren Welt» gehen, in die man nach dem Tod gemeinsam eintrete.

Unheilvolle Situation, die sich zuspitzt

Einer Tat, bei der man sich und die Kinder umbringt, geht laut Knecht eine Entwicklung voraus. So etwas könne sich unter Umständen über Jahre hochschaukeln, und irgendwann sei der Siedepunkt erreicht. «Es ist eine Situation, die sich unheilvoll zuspitzt. Nicht immer gibt es Anzeichen dafür, die man schon zuvor hätte bemerken können», so Knecht.

Sätze wie «Was dann passiert, weiss ich auch nicht», in Bezug etwa auf eine Trennung, können zwar im Nachhinein als Ankündigung gesehen werden. Ebenso könne es aber auch ein Entlastungsmanöver sein, um Dampf abzulassen. «Drohungen können ein Zeichen dafür sein, dass etwas Schlimmes geschieht, müssen aber nicht.» Klar sei, dass es eine sehr hohe Schwelle sei, die überwunden werden müsse, bis man so weit sei, dass man die eigenen Kinder tötet.

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